Gründerinnen

„Das Ziel ist, dass wir uns bald selbst abschaffen können“

Aimie-Sarah Carstensen ist jung, dynamisch und voller Tatendrang. Bei ihrem Karrierestart war sie gerade mal 25 Jahre alt. Ihre Erfahrungen und Erfolge als weibliche Führungskraft hat sie auf ihrem Blog festgehalten. Daraus entstanden eine Bloggerinnen-Community und ein Netzwerktreffen für Frauen namens FIELFALT. Dort können Frauen zusammenkommen und sich über ihre berufliche und private Selbstverwirklichung austauschen.

Gründerinnen - Carstensen
Aimie-Sarah Carstensen
ist Gründerin von FIELFALT

Seit Sie 25 Jahre alt sind, leiten Sie ein Team bei der Karriere-Plattform blicksta und haben nebenbei die FIELFALT Community ins Leben gerufen. Wie bekommen Sie diese beiden Aufgaben unter einen Hut?

Aimie-Sarah Carstensen: Mit viel Leidenschaft, Fokus, Disziplin und einem tollen Team. Die Visionen von blicksta und FIELFALT entfachen tagtäglich meine Leidenschaft. Zum einen unterstützen wir Schüler dabei, ihre berufliche Zukunft zu gestalten. Zum anderen schaffen wir mit FIELFALT eine Community, in der wir Frauen bestärken, mehr zu wagen.

Um beides unter einen Hut zu bekommen hilft mir ein klarer Fokus in Bezug auf die anfallenden To-Do’s. Die Zeit hilft übrigens auch, denn ich sammle immer mehr Erfahrung, welche Strukturen sich bewähren und welche nicht. Gepaart mit viel Disziplin klappt es sehr gut, beide Herausforderungen anzunehmen. Das bedeutet aber, dass ich hin und wieder um fünf Uhr aufstehe oder statt fernzusehen Community-Anfragen beantworte.

Ohne meine zwei herausragenden Teams würde das allerdings nicht klappen! Ich bin bei blicksta sehr dankbar, dass wir sehr flexibel arbeiten können. Bei FIELFALT habe ich eine tolle Mitgründerin und ein Kernteam, das auch ohne mich jeden Brand löschen kann.

Sie haben FIELFALT nebenberuflich gegründet. Gab es eine bestimmte Ursache oder Erfahrung aus Ihrem Arbeitsleben, die Sie zur Gründung der Plattform bewegt hat?

Aimie-Sarah Carstensen: Ohne blicksta würde es FIELFALT heute wahrscheinlich noch nicht geben. In meiner Rolle als junge weibliche Führungskraft konnte ich viel lernen. Deshalb wollte ich zu Beginn von FIELFALT primär meine Erfahrungen und mein Wissen teilen. Aus einem persönlichen Blog wuchs FIELFALT nun innerhalb eines Jahres zu einem Online-Blogazine mit mehr als 15 festen Bloggerinnen und einer internationalen Community.

Dementsprechend hat sich eine nebenberufliche Gründung einfach ergeben und war nicht bewusst von mir gewollt. Insbesondere bei der Strategie, ein Unternehmen beziehungsweise die Community qualitativ und organisch wachsen zu lassen, war dies sehr sinnvoll.

Ich rate dennoch jeder oder jedem sich auf Basis des eigenen Geschäftsmodells ganz individuell zu überlegen, unter welchen Voraussetzungen ihr gründet.

 

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Die FIELFALT Community trifft sich regelmäßig, um sich auszutauschen. Wer besucht die Treffen und welche drei Fragen hören Sie am häufigsten?

Aimie-Sarah Carstensen: Die Kernzielgruppe unserer Community sind Frauen zwischen 24 und 38 Jahren. FIELFALT ist nicht auf eine bestimmte Branche fokussiert, da wir Frauen als Individuen stärken. Deshalb sind die Frauen, die zu unseren Veranstaltungen kommen, bunt durchmischt und freuen sich auf Input, Ermutigung und die Motivation, etwas zu wagen. Wir nennen unsere Treffen übrigens „femsembles“, also eine Mischung aus „Femmes“ für Frau und „Ensemble“ für Zusammenkunft. Bei unseren Treffen steht die Selbstverwirklichung im Job und im Privatleben oft im Mittelpunkt.

Die drei häufigsten Fragen, die mir gestellt werden, sind:

  • Ist FIELFALT branchenspezifisch?

Nein. Ich schätze einen fachbezogenen geschlechterübergreifenden Austausch. Wenn es um Inhalte geht, sollte meines Erachtens das Geschlecht keine Rolle spielen. Meiner persönlichen Erfahrung nach tut es das auch nicht.

  • Wie konnte FIELFALT so schnell wachsen?

Wir sind absolute Macher-Typen, setzen Ideen meist direkt um und bei fehlendem positiven Feedback der Community lassen wir sie wieder genauso schnell sein. Das führt dazu, dass wir die Plattform schnell weiterentwickeln können und userfokussiert sind. Es kommt aber auch vor, dass wir extrem große Lust auf ein Thema haben und dann auch ohne die Zustimmung der Community loslegen.

  • Schließt FIELFALT Männer aus?

Ja und nein. Wir schätzen jeden männlichen Input und freuen uns auch über männliche Speaker! Trotzdem ist es einfacher sich gegenseitig zu bestärken, wenn wir „unter uns“ sind. Es soll immer genug Raum bleiben, sich auszuprobieren und ganz offen über Themen zu sprechen.

Langfristig wünschen wir uns jedoch, dass wir uns selbst abschaffen können. Das ist natürlich erst dann erreicht, wenn jeder Mensch so leben und arbeiten kann, wie er es sich selbst wünscht. Für uns bedeutet das: Gleichberechtigt und geschlechterunspezifisch zu arbeiten, also auch, dass jeder Mann, der länger als zwei Monate in Elternzeit ist, kein Gesprächsthema mehr ist.

Als angestellte Arbeitnehmerin bei blicksta zahlen Sie in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Sorgen Sie auch privat fürs Alter vor? Wenn ja, wie sorgen Sie vor und wie haben Sie sich für diese Art der Vorsorge entschieden?

Aimie-Sarah Carstensen: In Form einer Versicherung oder einer Geldanlage sorge ich noch nicht privat fürs Alter vor. Ich investiere primär in meine berufliche Entwicklung, um mir eine bestmögliche Grundlage zu schaffen. Seit ich jedoch meinen Bescheid bekommen habe, dass ich im Jahr 2063 in Rente gehen kann, sollte ich mich nun wirklich mal um dieses Thema kümmern.

Durch die FIELFALT Community haben Sie regelmäßig Kontakt zu Gründerinnen und gründungsinteressierten Frauen. Was für einen Stellenwert haben Altersvorsorge und Vermögensaufbau Ihrer Erfahrung nach für sie?

Aimie-Sarah Carstensen: Ehrlich gesagt habe ich noch kaum ein Gespräch über dieses Thema geführt. Den meisten Frauen, denen ich begegne, geht es darum, sich beruflich selbst zu verwirklichen. Wenn das für sie in finanzieller Hinsicht nicht vorteilhaft ist oder die berufliche Selbstverwirklichung zu Verlusten führt, bleibt ihnen dann noch der Ausweg „zurück in die Festanstellung“. Das ist vielen Frauen verständlicherweise sehr wichtig.

Ich weiß aber auch von bereits finanziell erfolgreichen Gründerinnen, die häufig in sachliche Vermögenswerte investieren, wie zum Beispiel Immobilien. Außerdem schließen sie sinnvolle private Vorsorgemaßnahmen ab.

Viele Frauen haben auch heute noch eine ganz andere Erwerbsbiografie als Männer. Sie treten für die Kindererziehung beispielsweise viel öfter karrieretechnisch etwas kürzer als die Väter. Haben Sie den Eindruck, dass sich Frauen über die finanziellen Konsequenzen dieser Aufteilung im Klaren sind?

Aimie-Sarah Carstensen: Ich hoffe, dass sich jeder Elternteil, egal ob Mann oder Frau, vor einer solchen beruflichen Entscheidung mit den möglichen Konsequenzen und Szenarien auseinandersetzt. Viele Frauen, die bereits eine beeindruckende Karriere hinter sich und zugleich eine tolle Familie haben, empfehlen, sich nicht allzu lange aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Das bedeutet nicht, dass man sein neugeborenes Kind nach zwei Wochen in der Kita abgeben muss. Mütter sollten nur nicht den Drang verlieren, etwas Neues zu lernen und in der jeweiligen Branche up to date zu bleiben.

Hier gibt es viele unterschiedliche Modelle, die jeder für sich individuell finden muss. Da ich mit meiner Mutter alleine aufgewachsen bin, habe ich schon früh gelernt, dass es von Vorteil ist, in jeder Lebenssituation selbst auf eigenen Beinen stehen zu können.

Zu guter Letzt: Elke Holst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht von einer gläsernen Decke, über die Frauen auch in der Selbstständigkeit nicht hinauskommen. Wie ist Ihre Erfahrung? Haben Sie Tipps für Frauen, wie sie sich in der Arbeitswelt besser behaupten können?

Aimie-Sarah Carstensen: Ich setze mich bereits seit mehreren Jahren mit diesem Thema auseinander und bin inzwischen gemeinsam mit meinem Team zu dem Entschluss gekommen, dass wir nach dem folgenden Motto arbeiten: „If You Want Change to Happen – Start with Yourself!“. Wenn wir Frauen bestärken können, selbstbewusster zu sein, mehr zu wagen und hin und wieder risikofreudiger zu werden, können wir diese Decke hoffentlich irgendwann durchbrechen. Hinzukommen außerdem noch hoffentlich weitere positive Veränderungen in unserer Gesellschaft. Auch ich habe mich verändert und wage einiges mehr als früher. Dies führt momentan dazu, dass weder in meinem Job noch als Unternehmerin mein Geschlecht in Bezug auf meinen Erfolg eine Rolle spielt.

Vielen Dank für das Interview.

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