Gründerinnen

„Die eigenen Finanzen durchblicken“

Anette Weiß ist Expertin für Finanzfragen. Ihr Wissen ist ihr Kapital und Geschäftsmodell zugleich. In Kursen und in Beratungsgesprächen hilft sie Frauen die kaufmännische Seite ihrer Gründung zu verstehen, Preise richtig zu kalkulieren und Fehler in der Finanzplanung zu vermeiden. Dabei ist ihr besonders wichtig, dass Frauen eine professionelle Beratung bekommen und im Anschluss ihre Finanzen selbst durchblicken können. 

Gründerinnen - Anette Weiß
Anette Weiß ist Finanzberaterin und Gründerin von geldwert-finanz

Als Finanzexpertin beraten Sie zahlreiche Frauen zu der finanziellen Seite ihrer Unternehmensgründung. Was genau ist an der Beratung von Frauen besonders?

Anette Weiß: Frauenleben sind meist schon wegen der bereits vorhandenen (oder für die Zukunft geplanten) Kinder komplexer – das wirkt sich auch auf Gründungsvorhaben aus. Im Hinterkopf sitzt immer der „kleine Mutterteufel“, der schon mit der Eventualität einer Einschränkung durch die Familie rechnet.

Selbstverständlich sind Männer genauso verantwortlich für ihre Kinder, aber in ihrem Universum spielen sie meiner Erfahrung nach erst eine Rolle, wenn sie da sind - und auch dann ist für sie die 100%ige Zuständigkeit nicht so omnipräsent.

Ein weiterer Punkt, der die Beratung von Frauen "besonders" macht, ist, dass viele Gründungsinteressierte dazu neigen, sich selbst eher schlechter zu bewerten und sich mit anderen zu vergleichen. Anstatt mutig und ernsthaft ihre Preise zu kalkulieren und selbstbewusst in den Markt einzusteigen, schauen sie gerne, welche Preise die Mitbewerber aufrufen und pendeln sich irgendwo 'in der Nähe' ein.

Gründen Mütter anders als Frauen ohne Kinder?

Anette Weiß: Auf jeden Fall. Besonders abhängig ist das natürlich vom Alter der Kinder. Eine Gründung mit Kleinkindern läuft meistens auf eine Selbstverwirklichungs- oder Nebenherverdienst-Unternehmung hinaus. Das ist natürlich auch verständlich: Im Fokus einer Frau mit kleinen Kindern wird immer zuallererst das Wohlergehen vom Nachwuchs stehen. Eine solche Gründung ist oft genug sehr erfolgreich, das ist also nicht abwertend gemeint – aber diese Frauen planen und kalkulieren von Anfang an anders. Im Idealfall wächst die Unternehmung mit den Kindern und sie werden gemeinsam groß.

Schwierig empfinde ich Gründungen von jungen Müttern aus finanzieller Not heraus. Der Druck, erfolgreich sein zu müssen, gepaart mit der schon bestehenden Existenzangst, machen ein freies und innovatives Entwickeln eines erfolgreichen Geschäftsmodells fast unmöglich. Im Gegensatz dazu gründen Frauen mit Kindern, die bereits aus dem Gröbsten hinaus sind, viel freier und bewusster. Oft steht hier mehr Gründungskapital hinter dem Unternehmen und damit eine deutlich größere Gelassenheit.

Welchen Einfluss haben persönliche Faktoren wie der Familienstand auf eine Unternehmensgründung?

Anette Weiß: Ähnlich wie Kinder kann auch der Familienstand einen großen Einfluss auf die Art der Unternehmensgründung haben. Eine junge ungebundene, gut ausgebildete Frau ohne Kinder gründet vollkommen anders als eine Frau Mitte 30, die seit fünf Jahren wegen der noch kleinen Kinder und dem gutverdienenden Partner zu Hause geblieben ist. Es ist aber nicht unbedingt der Familienstand selbst, der den Unterschied ausmacht, sondern die Finanzkraft und die Unterstützung, die der Partner gewährt. Ist Finanzkraft vorhanden, so ist die Angst vorm Scheitern natürlich deutlich leichter zu ertragen als wenn der Partner selbst vom Erfolg der neuen Gründung finanziell abhängig ist.

Gründen Frauen vorsichtiger und nachhaltiger als Männer?

Anette Weiß: Nein, da kann ich eigentlich keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen feststellen. Hier kommt es eher auf die Substanz des geplanten Geschäftsmodells und die kaufmännische Bildung des Unternehmers beziehungsweise der Unternehmerin an. Männer sind vielleicht eher wachstums- und gewinnorientiert, während es Frauen genauso wichtig ist, unabhängig und werteorientiert erfolgreich zu sein.

Was sind zentrale Probleme, denen vor allem Frauen in der Gründungsphase begegnen?

Anette Weiß: Von den üblichen Bürokratismen abgesehen, unter denen jeder Gründer – egal ob Männlein oder Weiblein – leidet, fällt mir eigentlich fast nur noch die immer noch vorkommende Geringschätzung und Vorverurteilung der Umwelt ein. Ob es das Gespräch beim Bankberater oder mit dem wohlmeinenden Onkel der Familie ist: Weibliches Unternehmertum ist immer noch keine Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, sich zum einen ein gut funktionierendes Netzwerk aufzubauen und zum anderen, sich selbst als Unternehmerin begreifen zu lernen, mit allem, was dazugehört.

Den größten Schaden, den sich Frauen meiner Meinung nach allerdings selbst zufügen, ist, mit zu viel Naivität und Idealismus an ihr eigenes Unternehmen heranzugehen.

 

Gründerinnen: Die wichtigsten Fakten zu Altersvorsorge und Versicherungen

Sie haben vor, Ihr eigenes Unternehmen zu gründen oder sind diesen Schritt bereits gegangen? Dann lesen Sie jetzt unsere Tipps rund um die richtige Altersvorsorge und den passenden Versicherungsschutz für Gründerinnen. Neben wertvollen Expertenmeinungen finden Sie hier spannende Interviews mit erfolgreichen Gründerinnen, die ihren Traum bereits verwirklicht haben.

Gibt es typische Fehler in der finanziellen Planung einer Unternehmensgründung, die immer wieder gemacht werden? Welche sind das? Wie können Frauen diese Fehler vermeiden?

Anette Weiß: Der größte Fehler liegt oft in der Wahl des Gründungsberaters und damit oft auch zusammenhängend die Wahl der Anfangsinvestitionen. Ich sehe immer wieder Frauen, die zuerst tausende von Euro in die Erstellung von wunderschönen Businessplänen, Webseiten und hochqualitativen Werbematerialien stecken. Doch die sind oft schon nach dem ersten halben Jahr vollkommen überholt und reif fürs Altpapier!

Ein Unternehmen und die Unternehmerin mit ihm müssen wachsen und sich entwickeln. Es gibt gerade in der Gründungsphase jeden Tag neue Ideen, neue Erfahrungen, die sich natürlich auch in den Planzahlen und dem Außenauftritt niederschlagen müssen. Deshalb rate ich sehr davon ab, gleich am Anfang zu viel Geld für Äußerlichkeiten auszugeben. Anstelle dessen sollten Frauen mit diesen Dingen in kostenintensiver Qualität erstmal warten bis sich die ersten festen Säulen des Unternehmens herauskristallisiert haben.

Ein weiterer Fehler, der häufig begangen wird, ist, dass viele Gründerinnen nicht von Anfang an ordentlich kalkulierte Gewinne und Gehälter miteinplanen. Ich höre dann Sätze wie: 'Ich arbeite ja nicht in erster Linie um Geld zu verdienen, sondern um der Welt/den Kunden/der Gesellschaft etwas zu geben!'. Solche Sätze bergen viele Gefahren: Der Markt hat im Regelfall einen längeren Atem als der eigene Geldbeutel Luft hat - und im Idealismus unterzugehen hat wirklich keinerlei Reiz.

Welche monatlichen Kosten müssen Gründerinnen für ihren notwendigen Versicherungsschutz und den Aufbau ihrer Altersvorsorge einplanen?

Anette Weiß: Das ist natürlich von der Gesamtsituation der Gründerin abhängig. Hat sie bereits Grundlagen geschaffen oder fängt sie bei Null an? Wer ist von ihr inwieweit und wie lange finanziell abhängig? Wie tragfähig ist ihr soziales Umfeld und welche Risikoarten machen ihr am meisten Angst? Auf was kann im Extremfall verzichtet werden?

Es ist für eine Neugründung nur in vermögenden Ausnahmefällen möglich, sich gegen alles und jeden zu versichern. Auch das sind Bausteine, die mit der Zeit aufgebaut werden müssen. An Minimalfixkosten würde ich mit den Versicherungskosten für die Existenzbedrohenden- und Erwerbsfähigkeitsversicherungen rechnen, hier fallen – je nach Alter und Gesundheitszustand – zwischen 150 Euro und 250 Euro monatlich an, allerdings ohne die Krankenversicherung.

Die „Kosten für die Altersvorsorge“ würde ich gerne durch den „Sparbeitrag für den Vermögensaufbau“ ersetzt sehen: Als Unternehmerin sollte es nicht mehr nur Ziel sein, im Alter irgendwie ohne staatliche Hilfe existieren zu können. Unternehmerin sein sollte auch das Fernziel beinhalten, sich mit den Einnahmen aus der eigenen Unternehmung ein genügend großes privates Vermögen aufzubauen, damit die Abhängigkeit vom eigenen Unternehmen einer gewissen Gelassenheit weichen kann.

Dennoch ist Vorsorge natürlich notwendig. Von Anfang an 800 Euro bis 1.500 Euro monatlich für den Rentenaufbau zurückzulegen, ist jedoch in den meisten Fällen utopisch. Spätestens nach den ersten drei Jahren der erfolgreichen Gründung ist es aber Zeit, sich den eigenen Finanzbedarf, am besten selbst, auszurechnen und aktive Vermögensplanung zu betreiben. Bestehende Altersvorsorgeprodukte sollten nicht bei einer Gründung vorschnell aufgelöst werden, vielmehr ist zu prüfen, was davon in welcher Höhe weitergeführt werden kann und was auf Zeit stillgelegt werden sollte.

Ein kleiner Tipp: Unsere gesetzlichen Absicherungen wie die gesetzliche Rente oder die Unfallversicherung (Berufsgenossenschaft) sind deutlich besser als ihr Ruf. Gründerinnen sollten auf jeden Fall ernsthaft prüfen, ob es nicht sinnvoll ist, freiwillig in diesen Systemen zu bleiben. Auch der Wechsel in die oftmals auf den ersten Blick viel günstigere private Krankenversicherung erweist sich später manchmal als Bumerang und ist deshalb wirklich mit Argusaugen zu prüfen. 

Vielen Dank für das Interview.

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