Gründerinnen

„Die traditionelle Arbeitswelt finde ich unflexibel, absurd und unzeitgemäß“

Esther Eisenhardt ist Mutter und Unternehmerin zu gleichen Teilen. Sie hat die Plattform „MomPreneurs“ gegründet, um selbstständigen Müttern einen Ideenaustausch zu ermöglichen. Auch gegenseitige Bestärkung spielt dort eine wichtige Rolle. Denn Frauen müssen sich immer noch dafür rechtfertigen, beruflich erfolgreich und trotzdem eine gute Mutter zu sein.

Gründerinnen - Esther Eisenhardt
Esther Eisenhardt ist Gründerin von MomPreneurs

MomPreneurs ist eine Plattform, auf der sich Mütter, die gleichzeitig auch Geschäftsfrauen sind, austauschen können. Wie sieht denn das Leben einer typischen MomPreneur aus?

Esther Eisenhardt: Das Leben der typischen Unternehmerin und Mutter zeichnet sich meist durch einen sehr vollen und durchgetakteten Terminkalender aus. Das hat mehrere Gründe: Von einer MomPreneur – also einer Mutter, die gleichzeitig auch Entrepreneur ist – wird in der Gesellschaft nach wie vor viel mehr erwartet als von ihren männlichen Kollegen. Sie soll eine tolle, aufopfernde Mutter sein, eine gute Freundin, eine attraktive Ehefrau und nebenbei noch eine Haushaltsfee.

Für die Unternehmensgründung fehlt bei diesem Erwartungsdruck oft ein ermutigender Austausch, der bei Problemen hilft und Zweifel entkräftigt. MomPreneurs ermöglicht Frauen einerseits diese notwendigen Gespräche und greift andererseits auch bei ganz Konkretem unter die Arme. Wenn frau nicht weiß, wie sie von A nach B kommt, findet sie auf der Plattform Unterstützung, Antworten und Gleichgesinnte.

Was bewegt Frauen mit Kindern heutzutage dazu, sich für eine Unternehmensgründung zu entscheiden?

Esther Eisenhardt: In der traditionellen Arbeitswelt gerät man als Mutter schnell auf das Abstellgleis. Wenn Mütter aus der Elternzeit in ihren Job zurückkehren, haben sie oft weniger Verantwortung als zuvor und werden seltener für eine Beförderung in Betracht gezogen als andere Kolleginnen. Das ist für viele Frauen vor allem vor dem Hintergrund sehr demotivierend, dass sie während ihrer Arbeitszeit die Kinder abgeben und dafür auch noch Geld ausgeben. Viele Mütter möchten in dieser Zeit einer Tätigkeit nachgehen, die sie weiterbringt und die sich für sie lohnt – wo sie sich selbst verwirklichen können, Anerkennung bekommen und sich das Ganze natürlich auch finanziell bemerkbar macht.

Mit welchen Problemen haben selbstständige Mütter zu kämpfen, die den Spagat zwischen Familie und Beruf meistern?

Esther Eisenhardt: Ein Problem, das viele Mütter zunächst haben, dann aber aus Notwendigkeit schnell verinnerlichen, ist, sich knallhart auf die wichtigsten To-Do’s zu fokussieren. Dafür müssen viele Frauen lernen, „Nein“ zu sagen. Man ist nicht gleich eine Rabenmutter, nur weil keine Zeit vorhanden ist, um für das Kita-Sommerfest Muffins zu backen. Ein weiteres typisches Problem, mit dem viele Mütter zu kämpfen haben, ist struktureller Natur. Ich erlebe es häufig, dass Frauen von ihrem näheren Umfeld Sachen gesagt bekommen wie „Du schaffst das nicht“ oder „Du kannst das nicht“. Diese Außensicht spiegelt sich in dem Selbstbild vieler Frauen wider: Sie sind zwar oft viel besser qualifiziert als Männer, aber behaupten etwas nicht zu können, wenn sie nur 9,9 von 10 Kriterien erfüllen. Männer hingegen stellen sich schon als Experten dar, wenn sie 5 von 10 Anforderungen gewachsen sind. Diese Einstellung lebt leider auch in den Köpfen der Menschen weiter. Es ist wohl eine der größten Herausforderungen für Frauen, sich über diese Erwartungshaltung hinwegzusetzen. 

Esther Eisenhardts Tipps für MomPreneurs:

  • Finger weg von Formulierungen wie „Ich habe es nicht geschafft“. Sagen Sie eher „Ich habe 100 Wege gefunden, die nicht funktionieren“.
  • Machen Sie Sport und nehmen Sie sich Zeit für sich – egal wie viel auf dem Schreibtisch liegt.
  • Essen Sie gesund und schlafen Sie ausreichend – müde und erschöpft entstehen keine tollen Ideen.

Denken Sie, dass Männer in der gleichen Situation mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben?

Esther Eisenhardt: Die Gesellschaft wandelt sich und weicht traditionelle Geschlechterstereotype immer weiter auf. Dennoch leben bestimmte Denkweisen noch immer in den Köpfen vieler Menschen. Für einen Mann ist es auch heute noch ungewöhnlich, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wer als Mann eine längere Elternzeit nimmt und auch mal nach Hause fährt, wenn die Kinder krank sind, kommt seltener für eine Beförderung in Betracht. Darüber hinaus sieht er sich mit Vorwürfen konfrontiert nach dem Motto „Der hat keine Ambition mehr“ oder „Der scheint andere Prioritäten zu setzen“. Solche Haltungen führen dazu, dass alte Strukturen bestehen bleiben.

Würden Sie sagen, dass Anstellungsverhältnisse zu festgefahrene Strukturen wie Kernarbeitszeiten haben, die mit dem Mutterdasein schlechter vereinbar sind als eine selbstständige Tätigkeit?

Esther Eisenhardt: Die Frage kann ich definitiv mit Ja beantworten. Ich arbeite beispielsweise 100 Prozent remote, d.h. ich habe eine Infrastruktur wo ich von überall aus arbeiten kann: wann wo und wie ich will. Das ist natürlich nicht mit festen Kernarbeitszeiten zu vereinbaren. Meine Unterlagen liegen alle in einer Cloud, sodass ich immer auf alles Zugriff habe. Ich finde die traditionelle Arbeitswelt unflexibel, absurd und unzeitgemäß. Ich befürworte zum Beispiel ganz stark die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Ich würde mir von Arbeitgebern wünschen, dass sie mehr Vertrauen in ihre Mitarbeiter haben. Ich bespreche beispielsweise mit meinen Mitarbeiterinnen, die auch Mütter sind, welche Ergebnisse wir erreichen müssen – mir ist es aber vollkommen egal, wann und von wo die Frauen arbeiten. Das hat sich bewährt.

 

Gründerinnen: Die wichtigsten Fakten zu Altersvorsorge und Versicherungen

Sie haben vor, Ihr eigenes Unternehmen zu gründen oder sind diesen Schritt bereits gegangen? Dann lesen Sie jetzt unsere Tipps rund um die richtige Altersvorsorge und den passenden Versicherungsschutz für Gründerinnen. Neben wertvollen Expertenmeinungen finden Sie hier spannende Interviews mit erfolgreichen Gründerinnen, die ihren Traum bereits verwirklicht haben.

Mütter haben weniger Zeit als Frauen, die sich voll und ganz auf ihre Geschäftsgründung konzentrieren können. Gründen viele Mütter deshalb in Teilzeit?

Esther Eisenhardt: Ja, viele Frauen gründen in Teilzeit. Dennoch arbeiten sie aber häufig länger. Der Arbeitsalltag von selbstständigen Müttern sieht einfach anders aus: Sie arbeiten, während sie im Supermarkt an der Schlange stehen oder bevor die ganze Familie aufgestanden ist. Mein Tag beginnt beispielsweise gegen 5 Uhr morgens. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass ich durch die Zeitknappheit sehr viel fokussierter und zielorientierter arbeite als früher.

Welche Rolle spielen die Kosten und Ausgaben für Versicherungen und Vorsorge bei der Unternehmensgründung? Sind das finanzielle Hürden, die Mütter von einer Gründung abhalten?

Esther Eisenhardt: Meine Erfahrung ist, dass Versicherungen und Vorsorge in der ersten Phase der Unternehmensgründung keine unmittelbare Hürde darstellen. Sie sind demnach nur selten ein Grund gegen die Gründung. Viele Frauen haben die anfallenden Kosten für Krankenversicherung und Co. nicht auf dem Schirm und werden später böse überrascht. Ausgaben für Vorsorge und Versicherungen sollten von Beginn an mit einkalkuliert werden und auch bei der Bepreisung des Produkts oder der Dienstleistung eine Rolle spielen. Ich kenne allerdings auch Frauen, die nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit selbstständig werden und dann keine finanziellen Mittel für jegliche Form der Vorsorge haben.

Gibt es Versicherungen, die Sie Müttern schon vor der Gründung unbedingt empfehlen würden? Können Sie einschätzen, wie viel Geld Mütter im Schnitt monatlich für einen guten Versicherungsschutz und ihre Altersvorsorge auf die Seite legen müssen?

Esther Eisenhardt: Da ich selbst keine Expertin auf diesem Gebiet bin, habe ich meine gute Freundin und Finanzexpertin Anette Weiß um Hilfe gebeten. Sie empfindet die folgenden Versicherungen als wichtig:

  • Vermögenschadenhaftpflicht oder Betriebshaftpflicht
  • freiwillige Arbeitslosenversicherung
  • gesetzliche Rentenversicherung (ist empfehlenswert)

Darüber hinaus müssen sich Frauen entscheiden, ob sie sich gesetzlich oder privat krankenversichern wollen. Die private Krankenversicherung lockt häufig durch anfangs niedrigere Beiträge. Sie hat allerdings auch Nachteile. Je nach der persönlichen Lebenssituation ist es deshalb sinnvoll, sich hierzu beraten zu lassen.

Laut Weiß‘ Erfahrungen geben Frauen monatlich im Schnitt 800 Euro bis 1.000 Euro für ihre Altersvorsorge aus. Die Kosten für Versicherungen ohne Krankenversicherung liegen bei ungefähr 250 Euro.

Können sich Mütter Ihrer Meinung nach besser beruflich verwirklichen, wenn sie selbstständig arbeiten?

Esther Eisenhardt: Meiner Meinung nach können sich viele Mütter leichter in der Selbstständigkeit verwirklichen als in einem Angestelltenverhältnis. Als Unternehmerin besteht die Möglichkeit, sich einen langersehnten Traum zu erfüllen. Frauen müssen sich jedoch von gesellschaftlichen Maßstäben freimachen und sollten ihre Ziele selbst definieren. Auch die häufige Definition von Erfolg – der sich in Geld messen lässt – darf in Frage gestellt werden. MomPreneurs bietet dafür eine Plattform für Austausch und gegenseitige Ermutigung.

Vielen Dank für das Interview.

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