Gründerinnen

„Für die Rente versorgt? Derzeit nicht im Mindesten“

Freya Oehle ist begeisterte Geschäftsgründerin und sieht in der Selbstständigkeit viel größere Freiheiten sich beruflich selbst zu entwickeln. Altersvorsorge und Versicherungen sind für sie zwar „lästige Begleiter“ bei der Unternehmensgründung. Doch ihr Leben als eigene Chefin würde sie nicht für einen Job eintauschen, bei dem sie finanziell besser abgesichert ist. 

Gründerinnen - Freya Oehle
Freya Oehle ist Gründerin von Spottster

Wann haben Sie sich dazu entschieden, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Freya Oehle: Im letzten Semester meines Masterstudiums.

Was waren Ihre drei Hauptgründe für die Selbstständigkeit?

Freya Oehle: Enttäuschende Praktika und Arbeitserfahrungen, gründende Kommilitonen und der Gedanke „Wenn nicht jetzt, wann dann?“.

Haben fehlende Aufstiegschancen in einem Anstellungsverhältnis zu der Entscheidung beigetragen?

Freya Oehle: Nein. Ich glaube nicht, dass die Aufstiegschancen fehlen. Sie sind nur unfassbar langsam und unflexibel. Warum sollte man X Jahre ein Pflichtprogramm durchlaufen, auch wenn man mit den eigenen Fertigkeiten viel schneller sein könnte? Ich halte nichts von Regeln, die das persönliche Fortkommen von der Variable „abgesessene Jahre“ abhängig machen.

Haben Sie sich für die Selbstständigkeit entschieden, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren?

Freya Oehle: Nein. Und ich bin froh, dass das nicht mein Motiv war, denn dahingehend wäre ich herbe enttäuscht worden.

Wovor hatten Sie bei Ihrer Entscheidung zur Existenzgründung am meisten Angst?

Freya Oehle: Vorm Scheitern und davor, bessere Alternativen links liegen zu lassen und nie wieder zu haben.

Welche Rolle haben die Kosten und Ausgaben für Versicherungen und Vorsorge bei der Entscheidung zu gründen gespielt?

Freya Oehle: Diese lästigen Gesellen spielen beständig und immer wieder eine Rolle, wenn man in den ernsten Momenten zulässt, dass man mal länger als zwei Jahre im Voraus denkt. Aber auch tagtäglich.

Als Gründer müssen Sie sich zum Beispiel qua Gesetz krankenversichern – Sie rutschen also ohne Gehalt in die teuerste Versicherungsklasse, in der Sie ansonsten nur mit einem sehr hohen Gehalt landen und wissen nicht, wie Sie das tragen sollen. Da denkt man dann doch nochmal darüber nach, ob die Gründung die gesundheitliche Unsicherheit lohnt, die ansonsten kein Thema wäre.

 

Gründerinnen: Die wichtigsten Fakten zu Altersvorsorge und Versicherungen

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Fühlen Sie sich heute in der Selbstständigkeit ausreichend versichert?

Freya Oehle: Ja und nein. Ich hatte durch Freunde, Familie und gute Versicherungsberater das Glück, dass ich recht früh wusste, was für eine Grundabsicherung absolut notwendig ist. Allerdings machen einen etwaige Krankheiten in der Gründungsphase aufgrund von Selbstkostenbeiträgen erheblich zu schaffen und das Thema Rente und Rentenversicherung wird elegant ausgeblendet.

Welche Versicherungen haben Sie und was geben Sie im Schnitt monatlich für Ihren Versicherungsschutz und Ihre Altersvorsorge aus?

Freya Oehle: Krankenversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung, Unfallversicherung und Haftpflichtversicherung zu den jeweils grundlegendsten Konditionen
In Summe pro Monat round about 300 Euro. 

Denken Sie, dass Sie ausreichend für das Rentenalter vorsorgen?

Freya Oehle: Derzeit nicht im Mindesten.Wobei man nie vergessen darf, dass das eigene Unternehmen auch eine Rentenversicherung sein kann, so es denn gut läuft.

Sehen Sie in der Selbstständigkeit mehr Raum, sich beruflich zu verwirklichen als in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis?

Freya Oehle: Ohne Zweifel. Jeder Tag fordert einen heraus, man lernt immer wieder etwas Neues, man kann die Arbeitsumgebung selbst gestalten und bestimmen, man hat weniger Abhängigkeiten, ist produktiver und weiß, wofür man jeden Tag arbeitet. Ich hatte tatsächlich zu keiner Zeit vorher so viel Spaß an meiner Arbeit.

Elke Holst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht von einer gläsernen Decke, über die Frauen auch in der Selbstständigkeit nicht hinauskommen. Wie ist Ihre Erfahrung?

Freya Oehle: Generell ist es so, dass man nicht, wie im Angestelltenverhältnis nach oben hin eine gläserne Decke hat – das heißt, der Aufstieg als solcher ist nicht nach oben begrenzt. Wenn man sich einmal durchgesetzt hat, ist man dahingehend freier als Gründerin. Die Schwierigkeit besteht eher darin, sich anfänglich durchzusetzen und durch Erfolge zu beweisen, dass man in der Gründerwelt Fuß fassen kann.

Das heißt, hier ist eher die Anfangsphase, das Überzeugen, dass man das Zeug hat ein Unternehmen hochzuziehen und groß zu machen, das Schwierige, nicht die Phase nach hinten raus, wenn man einen gewissen Weg schon hinter sich gebracht hat.

Sehen Sie in der Selbstständigkeit mehr Raum sich beruflich zu verwirklichen als in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis?

Freya Oehle: Definitiv. Es gründen bisher zwar nur wenige Frauen, aber denen, die es tun, sind keine Grenzen gesetzt, wohin sich das eigene Unternehmen entwickeln kann, solange die Idee stimmt und das Produkt intelligent umgesetzt wird. Außerdem hat man in der Selbstständigkeit die Möglichkeit, Rollen selbst zu verteilen und die Hierarchie selbst zu gestalten und zu adaptieren.

Vielen Dank für das Interview.

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