„Durchhalten und weitermachen“

Sabine Hockling hat sich mit der Businessplattform "Die Ratgeber" selbstständig gemacht, um ihre Ideen besser umsetzen zu können. Die oft männlich dominierten Machtstrukturen der Verlage hat sie hinter sich gelassen. Als Chefin will sie nicht nur ihr eigenes Arbeitsleben selbstbestimmter gestalten, sondern auch weitere Frauen auf ihrem Karriereweg unterstützen. Sie fordert Frauen dazu auf, Ungerechtigkeiten zu thematisieren und für einen Wandel einzutreten: Wir können es nur besser machen, wenn wir selbst anfangen.

Gründerinnen - Sabine Hockling
Sabine Hockling ist Gründerin von
Die Ratgeber

Wann und warum haben Sie sich dazu entschieden, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Sabine Hockling: Ich war von Mai 2006 bis Juni 2008 beim Axel Springer Verlag in einer Entwicklungsredaktion als Wirtschaftsredakteurin tätig. Als die Redaktion aufgelöst und wir nach Hause geschickt wurden, hatte ich die Wahl, angestellt zu bleiben oder mich selbstständig zu machen. Die Entscheidung fiel dann schnell zugunsten der Selbstständigkeit. Im Juli 2008 habe ich mich dann zu dem Schritt entschieden, in meinem Redaktionsbüro „Die Ratgeber“ meine eigene Chefin zu werden.

Wie ist Ihr Eindruck: Begegnen Frauen mehr Hürden bei einer Unternehmensgründung oder in einem Angestelltenverhältnis?

Sabine Hockling: Obwohl ich bei meinen Arbeitgebern immer viele Freiheiten hatte und mich ausprobieren konnte, hat das Angestelltenverhältnis für mich mehr Grenzen gehabt. Wenn ich heute eine Idee habe, greife ich zum Telefonhörer, rufe Kollegen an und versuche, die Idee zu verkaufen. Falls sie keiner haben möchte, ich aber dennoch an den Erfolg glaube, kann ich sie auf meinem Ratgeberportal „Die Ratgeber“ oder dem Blog „Die Chefin“ umsetzen.

Im Angestelltenverhältnis war es oft so, dass Ideen zerredet wurden, aus finanziellen Gründen scheiterten, Kapazitäten zur Umsetzung fehlten, Empfindlichkeiten unter Kollegen herrschten und so weiter. Das frustrierte mich enorm.

Denken Sie, dass Frauen in der Selbstständigkeit auch an gläserne Decken stoßen?

Sabine Hockling: Sagen wir mal so: Leichter wird es in der Selbstständigkeit nicht. Ich kann das allerdings nur für meine Branche sagen. Frauen haben meiner Erfahrung nach auch als Selbstständige mit solchen durchsichtigen Grenzen zu kämpfen. Ein Beispiel aus meinem Arbeitsleben ist etwa dieses: Ein Verlag suchte für die Umsetzung eines Projektes Verstärkung. Die Redaktionsleiterin lud einen Kollegen und mich zum Gespräch ein. Während des Gespräches betonte der Verlagsmanager, dass es sehr wichtig wäre, gemeinsam außerhalb des Verlages arbeiten zu können. Weil er einfach davon ausging, dass ich als Frau vom Home-Office aus arbeite und der männliche Kollege selbstredend Büroräume angemietet hat, sagte er ernsthaft: „Frau Hockling, ich denke Ihr Kollege ist besser geeignet. Schließlich betreibt er ein Redaktionsbüro und arbeitet nicht vom Home-Office aus.“ Tatsächlich war es aber genau anders herum, mein männlicher Kollege wurde aber überhaupt nicht nach einem Büro gefragt.

Dieser Verlagsmanager ist leider keine Ausnahme. Es kommt immer wieder vor, dass davon ausgegangen wird, ich als Frau würde vom Home-Office aus arbeiten und habe dementsprechend nicht die Möglichkeiten, große Projekte umzusetzen. Ich muss immer wieder betonen, dass wir mehrere Personen sind und über notwendiges Equipment verfügen. Bei Männern gehen viele davon aus, dass sie das ohnehin können.

Die Gender Pay Gap liegt in Deutschland bei 21 Prozent. Können Frauen durch eine eigene Unternehmensgründung der Einkommensungerechtigkeit „entfliehen“?

Sabine Hockling: Unfaire Gehaltsstrukturen sollten meiner Meinung nach nicht die Motivation zur Gründung eines eigenen Unternehmens sein. Denn auch als eigene Chefin muss man Aufträge an Land ziehen und Honorare dafür aushandeln. Ein Beispiel aus meinem aktuellen Arbeitsalltag verbildlicht das ganz gut: Ich habe ein Projekt mit einem männlichen Partner gestartet. Der Auftraggeber hat dabei selbst eine Honorarhöhe aufgerufen, die ohne den männlichen Partner nie möglich gewesen wäre.

Wenn ich als Frau (ohne männlichen Businesspartner) höhere Honorare verhandeln möchte, bekomme ich hingegen Argumente zu hören, die mich regelrecht fassungslos machen. Frage ich bei männlichen Kollegen nach, ob sie ebenfalls mit solch absurden Argumenten abgespeist werden, wird das verneint.

Ein Ressortleiter sagte während einer Honorarverhandlung beispielsweise einmal zu mir: „Für uns zu arbeiten ist Ruhm und Ehre.“ Als ich dann sagte, dass mein Vermieter diese Währung nicht akzeptiert, war er beleidigt.

 

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Wie können Unternehmerinnen oder Frauen in Angestelltenverhältnissen dazu beitragen, mehr Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herzustellen?

Sabine Hockling: Ich habe mich selbstständig gemacht, weil ich aus den Verlagsstrukturen raus wollte. Ich war frustriert, dass viele Ideen zerredet wurden und der Kampf mit den männlich dominierten Machtstrukturen Kraft kostete. Jetzt suche ich mir die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, ganz genau aus. Das sind Männer und Frauen. Obwohl ich nicht konkret nach Frauen suche, arbeite ich jedoch mehr mit Frauen. Sie können alles ganz genauso gut wie männliche Kollegen, sie brauchen nur manchmal einfach einen Türöffner. Wenn ich die Wahl habe, vergebe ich übrigens lieber Aufträge an Kollegen, von denen ich weiß, dass sie den Job benötigen, als an solche, die lediglich nebenbei etwas dazuverdienen möchten.

Da ich großen Wert darauf lege, dass Arbeit gut, also angemessen, bezahlt wird, werden bei uns generell faire Honorare gezahlt, denn Lohngerechtigkeit ist mir enorm wichtig. Kurz gesagt, ich versuche, es besser zu machen als diejenigen, über die ich mich so oft ärgern musste und muss.

Was sind die drei wichtigsten Ratschläge, die Sie jeder gründungsinteressierten Frau mit auf den Weg geben möchten?

Sabine Hockling: 

1. Sei ehrlich zu Dir selbst und stehe zu Deinen Schwächen. Denn nur so entwickelst Du Dich weiter.

2. Halte durch und zweifle bei ersten Rückschlägen nicht gleich an Deiner Idee. Alles braucht seine Zeit. Bei uns löste sich nach fünf Jahren der Knoten und es wurde leichter: Wir müssen unsere Leistung nicht mehr erklären. Unsere Produkte überzeugen durch Qualität. Und unser Team ist als zuverlässig und gut gelaunt bekannt.

3. Stelle Dich darauf ein, dass Du viel Zeit und Geld investieren musst. Meine Steuerberaterin sagte nach drei Jahren zu mir: Frau Hockling, die Entwicklung Ihrer Einnahmen sieht aus wie eine Fieberkurve. Zum Glück ist es heute konstanter, mit einem, wenn auch kleinen, stetigen Aufwärtstrend. Solche finanziellen Schwankungen muss man auffangen und vor allem auch aushalten können.

Was sind die wichtigsten Fragen finanzieller Natur, die sich Gründerinnen stellen müssen, damit die Gründung und die Zeit danach reibungslos verlaufen?

Sabine Hockling: Ohne Businessplan sollte man nicht starten, auch wenn man sich am Ende nicht stoisch daran hält. Er gibt eine Richtung vor und so kann man immer wieder überprüfen, wo man gerade steht. Auch ohne ein finanzielles Polster sollte man nicht starten. Meine Eltern waren ebenfalls selbstständig und gaben mir am Anfang den Rat mit auf den Weg, ein finanzielles Polster zu haben, das mindestens die Kosten für drei Monate deckt. Und ganz wichtig: Die finanzielle Absicherung im Krankheitsfall. Die entscheidet nämlich im Zweifel über den Fortbestand des Unternehmens. Wer hier spart, agiert extrem riskant!

Abschließend wäre es spannend zu erfahren, wie Sie für Ihr Alter vorsorgen und mit welchen Versicherungen Sie das Hier und Jetzt absichern.

Sabine Hockling: Ich habe viele verschiedene Dinge: Zum einen zahle ich ins Presseversorgungswerk ein, dass ich noch aus meiner Angestelltentätigkeit habe. Zum anderen bin ich als Journalistin in der Künstlersozialkasse (die auch die Berufsunfähigkeit abdeckt). Darüber zahle ich automatisch auch noch in die Deutsche Rentenversicherung ein. Dann habe ich die Rürup-Rente und noch etwas in Fonds angelegt.

Vielen Dank für das Interview. 

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