Gründerinnen

„Frauen müssen den Wandel mitgestalten, aktiv und laut“

Ute Blindert bezeichnet sich selbst als chronisch neugierig und als Anpackerin. Sie möchte ihren Spirit gern an gründungsinteressierte Frauen weitergeben. Im digitalen Wandel sieht sie eine ideale Gelegenheit für Frauen, aktiv und laut die Arbeitswelt umzugestalten. Eine Neudefinition könnte dazu führen, dass die Familiengründung nicht mehr ein „typisch weibliches“ Karrierehindernis ist. 

Gründerinnen - Ute Blindert
Ute Blindert ist Gründerin von Business Ladys und Karriereletter
Foto: Christine Sommerfeldt

Ihr Karriereportal Business Ladys richtet sich an Frauen, die richtig Lust auf Karriere haben. Mit welchen Problemen haben denn heutzutage vor allem Frauen zu kämpfen, die beruflich durchstarten wollen?

Ute Blindert: Durchstarten ist heutzutage nicht das Problem. Für Frauen sind meiner Meinung nach die Chancen ziemlich gut: Sie sind super ausgebildet, wissen, was sie wollen und auch die Unternehmen wollen wirklich mehr Vielfalt. Schwieriger ist die Langstrecke. Denn zur Vorstandschefin werden Frauen ja nicht mit einem Sprint, sondern indem sie jeden Tag und auf immer neuen Strecken sehr gute Leistungen zeigen – natürlich mithilfe eines tollen Teams und eines extrem guten Trainers. Und hier liegt meiner Meinung nach die große Herausforderung:

Sobald Kinder ins Spiel kommen, kommt es bei Frauen oftmals zu einem Karriereeinbruch. Sie werden kalt gestellt oder ihr Tempo verlangsamt sich enorm. Bei manchen Müttern kommt es auch zu einem Überdenken der vormals wichtigen Ziele und sie geben ihrem Leben noch einmal eine ganz andere Wendung – das ist bei Frauen viel eher akzeptiert als bei Männern. 

Der digitale Wandel lässt neue Berufe entstehen und eröffnet Chancen und Möglichkeiten, sich in der Arbeitswelt zu etablieren. Hat dieser Wandel Ihrer Meinung nach einen positiven Effekt auf die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt oder reproduzieren sich gläserne Decken und die Gender Pay Gap auch in „modernen“ Unternehmen wie Startups?

Ute Blindert: Der digitale Wandel bietet enorme Chancen für Frauen, einfach, weil sich auch viel in den Firmenstrukturen ändert und das Thema Leadership neu überdacht wird. Das kommt Frauen durchaus entgegen, denn Kommunikation wird immer wichtiger – und da sind Frauen ganz gut drin. 

Das ist aber kein Selbstläufer. Frauen können und sollten den Wandel mitgestalten – aktiv und laut. Deshalb engagiere ich mich zum Beispiel für die Digital Media Women e.V., die für mehr Sichtbarkeit von Frauen auf allen Bühnen arbeiten – ob auf Konferenzen, in den Fachmedien oder bei Management Boards. In diesem Zusammenhang passt es gut, die Gender Pay Gap zu erwähnen: Hier hilft Frauen Transparenz und gutes Verhandlungs-Know-how. Frauen verhandeln oft über zu niedrige Preise, denn Geld ist ihnen nicht sexy genug. 

Was waren die drei Hauptgründe, aus denen Sie Ihr eigenes Unternehmen gegründet haben? Wollten Sie selbstbestimmter arbeiten?

Ute Blindert: Um ganz ehrlich zu sein, habe ich nach dem zweiten Kind meinen festen Job verloren. Aus heutiger Sicht hätte mir nichts Besseres passieren können. Als ich mir dann überlegte, lieber ein Unternehmen zu gründen, statt wieder von der Weisung anderer abhängig zu sein, war ich wie elektrisiert. Also, meine drei Gründe fürs Gründen: Freiheit, Verantwortung, Abenteuerlust.

Aus welchen Gründen beziehungsweise mit welcher Motivation sollten Frauen ein Unternehmen gründen? Gibt es auch Gründe, aus denen man besser die Finger von einer Gründung lassen sollte?

Ute Blindert: Viele Gründungen von Frauen entstehen aus der Realität heraus. Zum Beispiel, weil sich Familie und der alte Job nicht mehr miteinander vereinbaren lassen. Wegen restriktiver Öffnungszeiten etwa von Kinderbetreuungseinrichtungen, fester Arbeitszeiten oder auch, weil Arbeitgeber und die Mitarbeiterin sich nicht über Bedingungen einigen können. Das ist erst einmal ein guter Grund zum Gründen, denn das ist immer noch besser als nur zu Hause zu sitzen und zu jammern. Allerdings beobachte ich leider auch oft, dass Frauen naiv an ihre Gründung herangehen und sich nicht genug Gedanken über Einkommen und Absicherung machen.

Meiner Meinung nach sollte immer die Maßgabe sein: Ich kann mich und meine Familie allein ernähren und zwar so, dass auch etwas für Notzeiten und das Alter bleibt. Wenn das Unternehmen nur in Teilzeit geführt werden kann, weil die Frau den Hauptteil der Familienarbeit leistet, muss sie mit ihrem Mann verhandeln. Und zwar über einen Ehevertrag, der Unterhaltspflichten und Rentenansprüche regelt. Das machen Frauen kaum  – und das finde ich bei dem heutigen Scheidungsrecht und unserer Steuergesetzgebung gefährlich naiv. 

 

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Viele Frauen fühlen sich in einem Angestelltenverhältnis in ihren Möglichkeiten begrenzt. Vor allem nach der Rückkehr aus der Elternzeit fühlen sich viele Frauen wie auf dem Abstellgleis. Welche Strukturen können von Arbeitgeberseite aus helfen, um diese Situation nachhaltig zu verändern? 

Ute Blindert: Hier muss sich einfach etwas in der Grundhaltung ändern: Familienarbeit, also Kindererziehung und Elternsorge, sollten als wichtige Arbeiten beider Geschlechter gesehen werden. Dafür sollten Männer wie Frauen zuständig sein. Die Arbeitgeber können zu einer Veränderung viel beitragen. Auch der Gesetzgeber kann den Prozess anschubsen, etwa indem die Elternzeit nur dann 14 Monate beträgt, wenn beide Partner jeweils sieben Monate nehmen.

Die Babyzeit ist übrigens nur ein Teil der Sorge: Eltern machen immer wieder die Erfahrung, dass die Kinder mal mehr, mal weniger Unterstützung brauchen. Mein Mann und ich müssen zum Beispiel unsere Arbeitszeiten gerade wieder neu aufteilen. Seit unser Sohn auf dem Gymnasium ist, müssen wir zwölf Wochen Ferien ohne Betreuung überbrücken – da müssen wir ganz schön jonglieren.

Zum Glück haben wir ein gutes Netzwerk. Das rate ich ohnehin jeder Frau. Sie sollten sich untereinander viel mehr unterstützen, viel geben und viel nehmen. Fragen stellen, Tipps weitersagen, Empfehlungen aussprechen, über Geld reden und rechtliche Fragen erörtern. 

Was sind Ihre wichtigsten Tipps für Karrierefrauen, um sich in der Arbeitswelt langfristig wohlzufühlen, Anerkennung zu bekommen und Lohngerechtigkeit herzustellen?

Ute Blindert: Ich kann jetzt natürlich nicht für alle Frauen sprechen. Wenn ich allerdings auf Vorträgen von Frauen gefragt werde, was sich ändern müsste, dann habe ich immer folgende Punkte:

  • Macht, was Ihr wollt! Hintergrund: Man muss etwas schon mit einer gewissen Ausdauer und Energie betreiben, um sehr gut zu werden und zu sein.
  • Seid klug bei der Auswahl! Hiermit meine ich, dass es wichtig ist, sich bei seiner Auswahl mit den Gegebenheiten des Arbeitsmarktes auseinanderzusetzen. Wenn ich beispielsweise Linguistik spannend finde, könnte dann nicht auch Computer-Linguistik interessant für mich sein? Oder wenn ich in Richtung BWL tendiere, wäre dann nicht Wirtschaftsinformatik auch interessant für mich? Denn machen wir uns nichts vor: Wirtschaftsinformatikerinnen verdienen mehr und haben bessere Jobchancen.
  • Sucht Euch die Unternehmen aus! Dank kununu und Netzwerken wie Xing oder LinkedIn kann man sich ein gutes Bild von den Unternehmen machen. Ich würde nur die auswählen, die mir gefallen.
  • Fragt die Männer! Zumindest beim Gehaltswunsch. Sie sind hier ein guter Gradmesser. 

Welchen Einfluss haben Ihrer Meinung nach Frauen-Netzwerke für die Emanzipation von Frauen in der Arbeitswelt?

Ute Blindert: Frauen-Netzwerke sind wichtig. Hier können Frauen eine ganz andere Wirkung erzielen, als wenn sie als Einzelkämpferin unterwegs sind. Sie werden sichtbarer und finden Gehör in Wirtschaft und Politik. Ich würde bei der Auswahl immer darauf achten, dass das Netzwerk kein „Häkelclub“ ist und welche Frauen sich dort engagieren. 

Vielen Dank für das Interview.

Ute Blindert ist Autorin („Per Netzwerk zum Job“, Campus 2015) und Speakerin zu den Themen Karriere, Arbeitsmarkt und Digitaler Wandel. Sie gibt die Webmagazine „Karriereletter“ und „Business Ladys“ heraus. Bei den Digital Media Women e.V. engagiert sie sich als Finanzvorstand. Sie wohnt mit ihrer Familie in Köln. 

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