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„Der Tod selber gehört zum Leben“

Für Buddhisten stellt die Entnahme von Organen nach dem Hirntod einen Eingriff in den Sterbevorgang dar. Im Interview erklärt Öser Bünker, buddhistischer Lehrer, warum der Hirntod nach buddhistischer Auffassung nicht der Tod ist und wieso es ihm selbst nicht schwerfällt, sich gegen die Organspende zu entscheiden.

Organspende - Öser Bünker
Öser Bünker, buddhistischer Lehrer

Sie leben als buddhistischer Lehrer in Deutschland und halten Kurse und Vorträge. Wann sind Sie dabei zuletzt mit dem Thema Organspende konfrontiert worden? Sollte aus Ihrer Sicht häufiger oder seltener über dieses Thema gesprochen werden?

Wann ich genau zuletzt mit dem Thema konfrontiert worden bin, weiß ich nicht mehr. Ich mache immer wieder mal Kurse, die sich mit dem Thema Vergänglichkeit und Tod beschäftigen, und da wird dann das Thema Organspende auch gestreift, aber nicht als ein Hauptthema erörtert.

Mir ist jetzt im Zusammenhang mit Ihrem Interview klar geworden, dass es dringend nötig ist, häufiger und vor allem gründlich und umfassend über dieses heikle Thema zu sprechen und zu schreiben, das heißt eine echte Aufklärung zu betreiben und alle Aspekte und alle Seiten gründlich und offen zu beleuchten. Ich habe gerade den Eindruck, dass die Menschen nahezu genötigt werden sollen, sich einen Organspendeausweis zuzulegen, dass aber den Menschen, die diesen Ausweis haben oder beantragen, nicht wirklich klar ist, was mit ihnen im Sterbeprozess tatsächlich geschieht. Sie sollten aber rundum Klarheit darüber haben, was mit ihnen in diesem so entscheidenden Moment des Übergangs geschieht, wie die Organe ihnen entnommen werden, wie groß die Sicherheit ist, dass sie wirklich jemanden das Leben retten und welche Lebensqualität dieser Empfänger-Person dann tatsächlich garantiert ist etc. Wer nach einer gründlichen Aufklärung alle Seiten erwägt und sich dann aus seiner gewonnenen Klarheit heraus eindeutig für eine Organspende entscheidet, der muss höchstwahrscheinlich die Umstände nicht fürchten, eben weil er eine echte innere Entscheidung gefällt hat, die ihn auch im entscheidenden Moment tragen und schützen könnte.
 

In der buddhistischen Lehre finden sich verschiedene Ansichten zum Thema Organspende. Auf der einen Seite stellt die Entnahme eines Organs nach dem Hirntod einen Eingriff in den Sterbevorgang dar, auf der anderen Seite wird die bewusste Entscheidung für eine Organspende befürwortet, da durch sie Menschenleben gerettet werden können. Wie schwer fällt es einem Buddhisten, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden?

Ich kann nur für mich sprechen: Mir fällt es überhaupt nicht schwer, mich gegen die Organspende zu entscheiden, ganz einfach weil ich den Tod nicht für so etwas Schreckliches halte. Die Leugnung des Todes und der Umgang der Medizin und der breiten Öffentlichkeit mit dem Thema Vergänglichkeit und Tod ist schrecklich. Der Tod selber gehört zum Leben, wir haben ihn bei unserer Zeugung eingeladen unser lebenslanger Begleiter zu sein. Wir sollten auf den Tod zugehen, statt ihn zu leugnen. Tun wir dies, so werden wir nicht den Tod, sondern Unsterblichkeit finden. Die Sonne des Lebens geht niemals unter. Zu rufen: „Rettet die Sonne dieser kranken Menschen, macht eine Organspende.“, trifft nicht wirklich den Punkt und hilft diesen leidenden Menschen nur sehr kurzfristig und manchmal überhaupt nicht, da sie schon bei der Transplantation oder kurz danach sterben. Wenn all diese kranken Menschen verstehen könnten, dass die Sonne ihres Lebens niemals untergeht, würden sie sich für die alldurchdringende jederzeit gegenwärtige unsterbliche Seite des Lebens öffnen und mit einem Frieden und einer Geborgenheit in Berührung kommen, die all ihr körperliches und seelisches Leid in einem ganz anderen Licht erscheinen ließe. In dieser Öffnung des Geistes liegt die eigentliche Lösung, daran sollte man arbeiten und darüber hinaus das Menschenmögliche tun, um den leidenden Wesen in der bestmöglichen Weise medizinisch etc. zu helfen.

Die Mediziner halten allgemein den Tod für ihren ärgsten Feind. Sie sollten den Tod gründlich studieren, ihren eigenen Tod, ihre eigene Sterblichkeit und Zerbrechlichkeit. Dann würden sie sich für das Element des Lebens öffnen, das den Rahmen ihrer größtenteils materialistischen Herangehensweise sprengt. Ihr eigener Tod wird ihr Herz öffnen und ihnen Mitgefühl und Weisheit schenken. Im Lichte von Mitgefühl und Weisheit sieht vieles anders aus als im Lichte eines dualistisch geschärften intellektuellen Geistes mit ausgesprochen materialistischer Prägung. Das gilt auch für das Thema Organspende.

Natürlich gilt das eben Geschriebene nicht nur für die Mediziner, sondern allgemein für uns Menschen insgesamt. Leider ist es keine umfassende Darstellung, sondern nur ein kurzer Fingerzeig, der nicht allen Aspekten gerecht werden kann.
 

Manche Organe, etwa die Niere oder Teile der Leber, können auch von einem lebenden Menschen gespendet werden. Gibt es für die Anhänger des Buddhismus einen Unterschied zwischen einer solchen Lebendspende und der postmortalen Spende?

Wenn sich ein Mensch entscheidet einem anderen Menschen mit einer Niere oder einem Teil seiner Leber das Leben zu retten, wie es zum Beispiel der Politiker Frank Walter Steinmeier für seine Frau getan hat, so ist das eine edelmütige Entscheidung, die meiner Ansicht nach gar nichts mit dem eigentlichen Thema der Organspende zu tun hat. Die Ärzte, die so eine Operation durchführen und die anschließende Genesung begleiten, werden mit Sicherheit ganz andere Gefühle haben, als die Ärzte, die einem Sterbenden die Organe entnehmen, und die Ärzte, die diese Organe dann einem Not leidenden Lebenden einsetzen.

Wenn aber Menschen aus Armut und Not ihre Niere oder Teile der Leber verkaufen wollen, so ist das eine ganz andere Sachlage. Wer die Not der Menschen ausnutzt, ist schlichtweg ein Halunke und begibt sich auf schlechte Wege, die ihm selber viel Leid bescheren. Menschen zu überfallen und ihnen die Organe zu rauben, was ja auch gar nicht so selten in den armen Ländern geschehen soll, ist natürlich das Allerschlimmste.
 

Wenn jemand vor seinem Hirntod keine eindeutige Willenserklärung abgegeben hat, müssen in Deutschland seine Angehörigen entscheiden, ob die Organe des Verstorbenen gespendet werden dürfen. Aus welchem Grund wird buddhistischen Anhängern von solch einer stellvertretenden Entscheidung abgeraten?

Der ja noch gar nicht so lange erfundene Hirntod wird auch in der westlichen Medizin immer mehr angezweifelt. Nach buddhistischer Auffassung ist der Hirntod ganz gewiss nicht der Tod. Der Sterbeprozess ist erst dann abgeschlossen, wenn der Körper eine Leiche ist, und geht selbst, wenn der letzte Atemzug getan ist, subtil noch weiter bis die endgültige Trennung von Körper und Geist vollzogen ist. Während dieses Prozesses sollte man alles tun, um der sterbenden Person eine ruhige und förderliche Atmosphäre zu schenken, in der sie die letzten Schritte aus diesem Leben heraus ungestört tun kann. Dies ist enorm wichtig, für das, was sie danach erleben wird. Wenn der Geist den Körper vollends verlassen hat, ist der Körper eine Leiche, und die Leiche wurde dann in Tibet oft zerschnitten und den Geiern zum Fraß gegeben, und niemand hat etwas dabei gefunden, dass seine ‚Angehörigen’ zerstückelt werden.

Die Organe einer Leiche sind Leichenteile und für die Organtransplantation nicht mehr geeignet. Erst die Verlegung des Todes auf den Hirntod hat es möglich gemacht, lebende, frische Organe aus einem noch nicht gestorbenen Körper zu entnehmen, was bei genauer Betrachtung ziemlich makaber ist. Die eigenen Kinder oder nächsten Verwandten solch einer Behandlung auszuliefern und damit den gesamten Sterbeprozess zu stören, hat mit ziemlicher Sicherheit negative Auswirkungen, auch dann, wenn man gänzlich unwissend und scheinbar wohlmeinend diese Entscheidung fällt. Leider haben wir nicht die Fähigkeit zu sehen, wie eine sterbende Person wirklich damit umgeht, aber wir können an unseren eigenen Gefühlen ziemlich leicht ablesen, ob der Tod eine Erfüllung war oder nicht.
 

Nach einer Neuerung des Transplantationsgesetzes sollen künftig alle Deutschen ab 16 Jahren regelmäßig gefragt werden, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden wollen. Was halten Sie von dieser sogenannten Entscheidungslösung und welche Wirkung trauen Sie ihr zu?

Ich halte gar nichts davon und fände es am Allerbesten, wenn das Thema Organspende in der gesamten Gesellschaft in einer tief humanen Weise betrachtet und diskutiert würde, mit vorurteilsfreiem, authentischem Mitgefühl und unterscheidender Weisheit.
 

In unseren Nachbarländern Frankreich, Österreich und Polen gibt es bei der Organspende keine Zustimmungs- sondern eine Widerspruchsregelung. Was bedeutet diese Regelung für die buddhistischen Anhänger in diesen Ländern?

Wenn man meinen obigen Ausführungen folgt, sollten sie sich schnellstens einen Widerspruchsausweis besorgen, oder sich ganz klar für eine Organspende entscheiden, nachdem sie alle Für und Wider betrachtet und in Erwägung gezogen haben.
 

Viele Menschen haben angesichts der Skandale an den Universitätskliniken Göttingen und Regensburg das Vertrauen in das deutsche Organspendewesen verloren. Sollte sich aus Ihrer Sicht etwas ändern, um eben dieses Vertrauen wieder herzustellen?

Worin kann man wirklich sein Vertrauen setzen? Oder besser, welchen Menschen kann man bedenkenlos vertrauen? Solchen, die aufrichtig und absichtslos, frei von allem Profitdenken und allem Stolz, einzig das Wohl der fühlenden Wesen im Herzen tragen und entsprechend denken, reden und handeln. Ich will nicht sagen, dass es unter den Medizinern nicht solche Menschen gibt, die sich um solch eine Haltung bemühen, ganz gewiss gibt es sie. Doch die moderne Medizin ist stark von Profitdenken etc. beherrscht, was zur Folge hat, dass die Medizin des Vertrauens, des Mitgefühls und menschlicher Geborgenheit nicht im Zentrum ihrer Interessen stehen. Aber das ist ein anderes weit greifendes Thema ....
 

Vielen Dank für das Interview, Herr Bünker.

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