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„Organspende ist das, was ich für andere tun kann.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) möchte die Menschen dazu ermutigen, über ihre Bereitschaft zur Organspende nachzudenken. Im Interview erklärt Reinhard Mawick, Pressesprecher der EKD, dass es aus christlicher Sicht aber auch verantwortbar ist, dabei vorerst keine Entscheidung zu treffen.

Reinhard Mawick, Pressesprecher der
Evangelischen Kirche in Deutschland

Anlässlich des neuen Transplantationsgesetzes hat der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider, in diesen Tagen ein „Geistliches Wort zur Organspende“ veröffentlicht. Wie steht die evangelische Kirche heute zu der Möglichkeit, Menschenleben durch die Organspende zu retten?

Die evangelische Kirche hat sich ja schon im Jahr 1990 für die Organspende ausgesprochen. Damals hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland gemeinsam mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz eine Erklärung zur Organtransplantation herausgegeben, in der beide Kirchen die Organspende unter bestimmten Bedingungen als einen Akt der Nächstenliebe anerkannten.

Unser Ratsvorsitzender, Präses Nikolaus Schneider, hat in seinem aktuellen „Geistlichen Wort zur Organspende“ aber auch darauf hingewiesen, dass es keine christliche Verpflichtung zur Organspende gibt. Denn entscheidend in dieser sehr persönlichen Frage ist das Gewissen des Einzelnen. Aus christlicher Sicht ist eine Entscheidung für die Organspende daher ebenso möglich wie eine Entscheidung gegen die Organspende. Zudem ist es christlich verantwortbar und ethisch zu respektieren, wenn sich jemand gegenwärtig nicht dazu in der Lage sieht, eine Entscheidung zu treffen.
 

Angesichts der kürzlich bekanntgewordenen Skandale an den Universitätskliniken in Göttingen und Regensburg betrachten viele Menschen das deutsche Organspendewesen mittlerweile mit großer Skepsis. Müsste sich aus Ihrer Sicht etwas ändern, damit wieder mehr Menschen in das System vertrauen und wenn ja, was?

Natürlich ist es sehr bedauerlich, dass die Vorfälle an den Transplantationskliniken für Verunsicherung bei den Menschen gesorgt und letztlich auch zu einem Rückgang der Bereitschaft zu Organspende geführt haben. Doch mit der Gewissensentscheidung des Einzelnen hat das am Ende gar nichts zu tun. Die grundsätzliche Frage ist ja, ob jemand dazu bereit ist, seine Organe anderen Menschen zu überlassen und ihnen dadurch möglicherweise Leben zu schenken. Und auch die Menschen, die in den bekanntgewordenen Fällen ganz oben auf der Warteliste standen, sind ja Menschen, denen durch eine Spende geholfen werden konnte.
 

In Deutschland ist die Organspende nach wie vor freiwillig, in vielen unserer Nachbarländer gibt es statt der Zustimmungslösung aber auch eine sogenannte Widerspruchsregelung. Wieso hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland in der Vergangenheit deutlich gegen eine solche Regelung ausgesprochen?

Für uns ist es ausgeschlossen, dass der Staat die Entscheidung der Menschen für oder gegen eine Organspende beeinflusst. Es handelt sich hier um eine zutiefst persönliche Gewissensentscheidung und da ist es nicht richtig, dass eine Richtung vorgegeben wird. Aus diesem Grund spricht die Evangelische Kirche in Deutschland auch keine Empfehlung aus. Allerdings wollen wir die Menschen dazu ermutigen, sich mit der Thematik zu beschäftigen und auch behutsam darauf hinweisen, dass jemand, der sich zeitlebens nicht zur Organspende erklärt, diese schwierige Entscheidung an seine Angehörigen abgibt.
 

Obwohl allein in Deutschland derzeit rund 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan warten, besitzt die große Mehrheit der Deutschen keinen Organspendeausweis. Haben Sie denn eine Idee, wie man die Menschen dazu motivieren kann, sich intensiver mit der Thematik auseinanderzusetzen?

Nun, auf die Spitze getrieben ist Organspende ja das, was ich für andere tun kann. Wir sollten auf die Menschen zugehen und an die Gemeinschaft appellieren. Denn so beglückend eine Organspende auf Empfängerseite auch ist: Auf der Spenderseite ist das Thema häufig noch ein Tabuthema. Darum müssen wir die Beschäftigung mit der Organspende unterstützen und den Menschen vor allem auch Gelegenheit geben, diesbezüglich über ihre Ängste zu sprechen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat die aktuelle Diskussion rund um die Organspende daher zum Anlass genommen und eine Kommission beauftragt, die schwierigen Fragestellungen, etwa zur Definition des Hirntodes, nachgehen wird. Unsere letzte Ausarbeitung zu dem Thema ist ja mittlerweile schon eine ganze Weile her. Es ist nur zu verständlich, dass die Menschen verlässliche Antworten auf viele Fragen haben wollen: Fühlt ein hirntoter Mensch noch Schmerzen? Wie wird ein Mensch nach der Organentnahme behandelt? Und wie verhalten sich Patientenverfügung und Organspende zueinander? Die Kommission wird hierzu hoffentlich bald, möglicherweise schon im kommenden Jahr, eine gründliche Ausarbeitung vorlegen.
 

Im Christentum wurde die Organspende lange Zeit nicht unterstützt, doch mittlerweile fordern viele Christen hier mehr Überzeugungsarbeit. Auf welche Weise trägt die Evangelische Kirche in Deutschland heute dazu bei, dass die Organspende ein Gesprächsthema wird?

Viele engagierte Christen werben heutzutage für die Organspende. Wichtig ist, dass wir keine zusätzlichen Hürden mehr darstellen wollen. Das war ja nicht immer so: Früher galt die Spende von Organen für Christen als Selbstverstümmelung und war sogar verboten. Das hat sich doch sehr verändert. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat dies in seinem „Geistlichen Wort zur Organspende“ sehr treffend formuliert: „Eine Entnahme von Organen verletzt nicht die Würde des Menschen und stört nicht die Ruhe der Toten. Unsere Hoffnung auf Auferstehung bleibt davon unberührt.“ Daher unterstützen wir die Beschäftigung mit der Thematik, ohne dabei dem Einzelnen eine Empfehlung geben zu wollen.
 

Vielen Dank für das Interview, Herr Mawick.

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