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"Wir leben heute eine etwas traurige und schwierige Wirklichkeit"

Einem gläubigen Hindu fällt die Entscheidung für oder gegen die Organentnahme nicht leicht. Grundsätzlich aber wird eine Organspende für sinnvoll gesehen, wenn das Leben eines anderen nur noch künstlich aufrechtgehalten wird.

Organspende - Bhakti Raksaka Svami
Bhakti Raksaka Svami,
hinduistischer Mönch

In Deutschland wird das Thema Organspende aktuell sehr viel diskutiert, vor allem auch wegen der bekanntgewordenen Manipulationsvorwürfe und der mangelnden Spendenbereitschaft. Wie stehen Hindus zu der Möglichkeit, eigene Organe für andere, Not leidende Menschen zur Verfügung zu stellen?

Ich würde sagen, dass die Frage sehr komplex ist. Es zeigen sich da ein politischer und ein medizinisch wissenschaftlicher Kontext. Weiter kommt das Volksempfinden auch ins Spiel. Und dann kann die Frage natürlich auch durch die heiligen Lehren und das daraus entstehende Lebensverständnis beantwortet werden.

Der Hinduismus gibt den Menschen sehr viel Freiraum in ihren Entscheidungen und von daher wird es bezüglich dieses Themas unter den Hindus auch verschiedene Meinungen geben. Für mich zeigt sich das Thema im folgenden Zusammenhang: Wir leben heute eine etwas traurige und schwierige Wirklichkeit. Der Alltag einer großen Mehrheit der Menschen, unabhängig von ihrem Religionsbekenntnis, wird von der modernen Wissenschaft und Politik, im Dienste des sogenannten Wirtschaftswachstums kreiert und bestimmt. Die Religionen haben den Einfluss auf das konsequent bewusste Denken und Handeln der Menschen im Alltag verloren. Man schwimmt eben mit dem Strom des Materialismus und Konsumismus mit. Einige wollen das so und andere fühlen vielleicht, nicht anders zu können.

Die Not und die Herausforderungen werden jedoch immer offensichtlicher für klar- und objektivdenkende Menschen. Vom Standpunkt der hinduistischen Lehren können wir sagen, dass die Not und das Leid klare Ursachen haben. Die primäre Ursache liegt im fehlenden Bewusstsein und Verständnis über das Leben und seinen tieferen Sinn. Im Zuge der sogenannten technischen Entwicklung und des Fortschritts der Zivilisation haben wir es schlichtweg verlernt im Einklang mit der Natur und den geistigen Gesetzen zu leben. Es sind gerade Religionen, die diesen Sinn und dieses Wissen vermitteln sollten, die jenseits der materialistischen Vorstellung liegen, dass wir nur hier sind, um zeitweilige materielle Freuden mit unseren Körpern und Sinnen zu genießen. In Abwesenheit dieses Wissens sind wir auf einen Zerstörungskurs gegen die Umwelt, gegen das Allgemeinwohl der Gesellschaft und die Gesundheit des Individuums gegangen.

Jetzt über fehlende Organe zu sprechen, ohne diese Zusammenhänge zu betrachten und Lösungen einzuleiten, bringt im Grunde genommen nicht viel. Es fehlt uns nicht an Organen, sondern an Bewusstsein, an Güte, Toleranz und anderen inneren Werten.


In Indien, dem Ursprungsland des Hinduismus, ist das Hirntodkonzept offiziell anerkannt, obwohl der Tod im Hinduismus anders definiert wird. Wie schwer fällt es einem gläubigen Hindu, sich für oder gegen die postmortale Organspende zu entscheiden?

Ja, die moderne Wissenschaft sagt, Bewusstsein und Leben kommen aus der Materie und die hinduistischen Lehren sagen das Gegenteil, Materie kommt vom Bewusstsein, oder Leben kommt vom Leben. Daraus ergibt sich ein grundsätzlich verschiedenes Lebensverständnis. Laut materialistischem Dogma ist alles vorbei zum Zeitpunkt des Todes und wir sagen, dass der Tod der Übergang in eine neue Lebensform ist. Unser jetziges Handeln schafft schon die Grundlage für unser nächstes Leben, sprich das Glück und Leid, das wir erleben werden. Das ist mit Karma und Reinkarnation gemeint.
Der Materialismus verleitet generell dazu, jetzt zu genießen ohne die Folgen zu beachten. Heute spricht man zwar etwas mehr über Nachhaltigkeit und bedenkt Kurzzeit- und Langzeitfolgen, doch fehlt es immer noch, die Folgen aber auch die Möglichkeiten kommender Lebenszyklen verstehen zu können. Es gibt keine Notwendigkeit einen Lebenszyklus mit künstlichen Mittel zwanghaft zu verlängern. Das kann man ohnehin nicht. Es ist doch viel sinnvoller durch das Tor des Todes zu gehen und einen neuen Körper zu bekommen, als in einem alten und kranken Körper künstlich durch Maschinen oder andere Eingriffe „am Leben“ erhalten zu werden, wobei man nicht mal für sich selbst, geschweige denn für andere sorgen kann.

Wir sind Bewusstsein und dieser Körper ist ein Instrument, um der wahren Notwendigkeit des Bewusstseins, den Dienst an Gott und unserem Nächsten zu vollbringen. Wir müssen das Bewusstsein pflegen. Das wird uns glücklich halten und uns automatisch dazu führen, eine gesunde Haltung zum eigenen Körper und Selbst zu haben.


Bei einigen Organen wie Nieren oder Teilen der Leber sind aus medizinischer Sicht auch Lebendspenden möglich. Macht es für Hindus ein Unterschied, ob ein Organ von einem lebenden Menschen gespendet wird?

Das würde wenig Unterschied ausmachen, zumindest bei denjenigen Hindus, die meine Meinung bezüglich des Themas teilen. Wie ich schon vorher erwähnt habe, gibt es mit Sicherheit viele Hindus, die anderer Meinung sein werden. Ich versuche lediglich die Antworten vom Standpunkt unserer Schriften und Lehren wiederzugeben. Es ist immer eine andere Frage, wer den Wunsch und die Fähigkeit hat, auch die religiösen Lehren im Leben umzusetzen.

Es gibt eine ganze Reihe von Phänomenen des Bewusstseins, bei denen der Mensch sein Verhalten, seine Ansichten und sogar Glaubensgrundsätze aufgeben oder ändern kann. Eins davon ist Mitleid. Ein anderes das Selbstmitleid, dann kommen die Angst, die Hoffnung und so weiter. Wenn man zum Beispiel selbst oder in der engeren Familie ein Organ brauchen würde, könnte man leicht anders zu denken anfangen als man es sonst tut. Wenn alle ihre Organspendenbereitschaft bekunden, dann könnte ich zum Beispiel Angst bekommen nicht richtig zu handeln, und dann meine Meinung ändern. Die Hoffnung würde ins Spiel kommen, wenn ich mir Vorteile dadurch erhoffen könnte, meistens ökonomische.

Die Religion und die religiösen Lehren sind eine Sache, was jedoch der Mensch daraus in seinen Lebensumständen macht, ist eine andere Sache. Schließlich handelt der Mensch immer seinem Empfinden nach. Der Materialismus und seine Apostel, die PR-Experten und die neuen Medien, waren leider sehr effizient darin, das Empfinden des Menschen so zu manipulieren, dass er heute nicht mehr weiß, wer er ist und was er wirklich braucht. Die erwähnten Manipulationsvorwürfe im Organspendewesen deuten darauf hin, dass der Materialismus und die Profitgier ihre Finger im Spiel haben. Wo diese beiden auftauchen, kann man davon ausgehen, das andere Überlegungen, wie die humanistischen und altruistischen, lediglich Handlanger und Instrumente darstellen.

 

Wenn in Deutschland ein Verstorbener zu Lebzeiten keine Willenserklärung für oder gegen de Organspende abgegeben hat, wird seinen Angehörigen diese Entscheidung überlassen. Dürfen Hindus eine solche stellvertretende Entscheidung treffen oder kann nur der Einzelne für sich selbst entscheiden?

Das sollte jedem selbst überlassen sein.


Hierzulande werden künftig alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren von den Krankenversicherungen dazu befragt, ob sie ihre Organe im Falle ihres Todes spenden würden oder nicht. Was halten Sie von dieser Maßnahme, die ja vor allem die Spendenbereitschaft erhöhen soll?
 

Das sind taktische Schritte um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Hier stellt sich auch wieder die Frage nach Interessen und Motiven. Wie ich oben schon erklärt habe, würde ich eine extra Anstrengung im Bereich der geistigen Bildung als viel wertvoller und zielweisender betrachten, den notleidenden Menschen und dem Planeten zu helfen, als die politisch-wirtschaftlichen Initiativen zu Organspende, zum Kampf gegen Aids, präventiven Impfen und so weiter. Das sind nicht unsere wahren Probleme. Wir leiden vielmehr an einer geistigen und spirituellen Unterernährung.

Es gibt da nur ein Problem. Je stärker sich der Mensch geistig und spirituell fühlt, in dem Maße verliert er den Wunsch und die Bereitschaft an einem System der Ausbeutung und Manipulation teilzunehmen. Wir religiösen Menschen wollen doch den Herrschenden weder Macht noch Untertanen wegnehmen. Wir sagen nur, dass sie sich statt der Manipulation für die Wahrheit und statt der Ausbeutung für das Allgemeinwohl entscheiden.

Leider fehlt es immer noch an tapferen Leadern in der Gesellschaft. Die meisten sind selbst durch Korruption und andere vorher erwähnten Phänomene des Bewusstseins bedingt und können nicht weiter als an persönliche und an die Interessen ihrer Lobbys denken.



Die Bundesregierung setzt derzeit viel daran, dass die Menschen das Vertrauen in das Organspendewesen wiedergewinnen. Denken Sie, dass wir dafür häufiger über die Organspende sprechen sollten oder wird bereits zu viel über das Thema diskutiert?

Wir sollten viel mehr über vegetarische Ernährung und gesunde naturverbundene Bio-Lebensweise, ohne Alkohol, Tabak und Drogen reden. Wir sollten über die Wichtigkeit körperlicher Ausgleichstätigkeiten sprechen. Wir sollten über die negativen Auswirkungen der sogenannten Unterhaltungsmedien auf den menschlichen Geist und in Folge auf sein Verhalten und seine Lebensqualität sprechen. Wir sollten über die Wichtigkeit des Glaubens und der Religion sprechen. Wir sollten mehr über wahre soziale Verantwortung sprechen.

Wie Sie sehen, es gibt so viele Themen über die unvollständig oder sogar falsch gesprochen wird. Wenn wir die Prioritäten richtig setzen und transparent und aufrichtig nach Lösungen suchen, da kann richtig viel geschehen. Viele Probleme des Lebens könnten unter dem Kriterium des Gemeinwohls gelöst werden. Leider ist eine der größten Feindschaften in dieser Welt die Feindschaft zwischen dem Gemeinwohl und dem eigenen Wohl. Die Feindschaft zwischen dem Geben und dem Nehmen.

Persönlich habe ich Hoffnung, dass sich immer mehr und mehr Menschen zum Geben entscheiden. Ich sehe es eigentlich kommen. Die Menschen sind müde geworden immer nur an sich zu denken. Ein jeder fühlt sich glücklich jemand anderem zu helfen. Man muss nur das Misstrauen und die Schüchternheit überwinden.

 

Vielen Dank für das Interview, Herr Bhakti Raksaka Svami.

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