Kostenlose Service Hotline

0800 300 3009

 

Deutschland

Finden Sie einen Ansprechpartner in Ihrer Nähe

jetzt suchen

 

99 Prozent

Auf Basis von 300.000 befragten Kunden

 

„Wieso sprechen wir nicht über die positiven Aspekte der Organspende?“

Organspende ist in unserer Gesellschaft leider noch immer ein Tabuthema, sagt Michel Rodzynek, Pressesprecher der Jüdischen Gemeinde in Hamburg. Im Interview erklärt er, warum wir öfter über das Thema sprechen sollten und was sich in Deutschland ändern müsste, damit mehr Menschen einen Spenderausweis ausfüllen.

Michel Rodzynek, Pressesprecher der
Jüdischen Gemeinde in Hamburg

Im jüdischen Glauben gibt es verschiedene Ansichten zum Thema Organspende: Auf der einen Seite spielt die Unversehrtheit eines toten Körpers eine wichtige Rolle, auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig, menschliches Leben zu erhalten. Wie steht die jüdische Gemeinde in Hamburg zu der Möglichkeit, Menschen durch eine Organtransplantation das Leben zu retten?

Es stimmt, die Gelehrten sind sich bei diesem Thema uneinig und man wird im jüdischen Glauben kein klares Ja oder Nein zur Organspende nach dem Hirntod finden. Das hängt vor allem mit der Frage zusammen, ob der Tod bereits mit dem Hirntod oder erst mit dem dauerhaften Stillstand von Herzschlag und Atmung eintritt. Bei Lebendspenden sieht das etwas anders aus: Hier gilt es als ein Segen, wenn ein Menschenleben gerettet werden kann – solange der Körper des Spenders dabei nicht gefährdet wird.

Generell ist die Organspende in der jüdischen Religion erlaubt, ansonsten würde es das nationale Transplantationszentrum ADI in Israel wohl nicht geben. Die meisten Glaubensmitglieder entscheiden daher frei, ob sie zu einer Organspende nach ihrem Tod bereit sind oder nicht. Ich selbst besitze sogar zwei Organspenderausweise: einen deutschen und einen israelischen.

Zurzeit bin ich allerdings nicht sicher, ob ich diese Entscheidung bald wieder rückgängig mache. Die zuletzt bekanntgewordenen Skandale im Organspendewesen haben mein Vertrauen zutiefst erschüttert. Ich befürchte, dass wir es hier mit einem absolut korrumpierten System zu tun haben und die jetzt zutage getretenen Vorfälle nur die Spitze des Eisbergs sind.
 

Durch die Organspendereform werden alle deutschen Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren in Zukunft regelmäßig befragt, ob sie zu einer Organspende nach ihrem Tod bereit sind. Zu einer Antwort verpflichtet wird allerdings niemand. Ist diese neue, sogenannte Entscheidungslösung aus Ihrer Sicht ein richtiger Schritt oder würden Sie diesbezüglich eine andere Regelung bevorzugen?

Ich glaube, dass die freiwillige Bereitschaft zur Organspende durch einen solchen Formalismus nicht gefördert werden kann. Wir sollten uns vielmehr Gedanken darüber machen, wie man den Menschen bei der Entscheidungsfindung hilft. Es ist doch so, dass die Öffentlichkeit gar nicht sensibilisiert ist für dieses Thema. Die Menschen in Deutschland wissen eine ganze Menge über Fußball, aber leider nichts über die Organspende. Durch eine regelmäßige Befragung wird dieses Problem doch gar nicht gelöst. Wieso sprechen wir denn nicht einfach mal über die positiven Aspekte der Organspende? Ich glaube, dass viel mehr Menschen zur Spende bereit wären, wenn sie wüssten, wie viel Gutes sie damit tun könnten.
 

Viele Deutsche befürworten die Organspende ja grundsätzlich, allerdings besitzen bisher nur verhältnismäßig wenige einen Organspendeausweis. Wer sollte diese Aufklärung aus Ihrer Sicht denn leisten, damit mehr Menschen einer Organspende nach ihrem Tod zustimmen?

Organspende ist leider noch immer ein Tabuthema. Wir müssen dringend damit beginnen, in den Schulen und in den Kirchen darüber zu sprechen. Und wir müssen an die soziale Verantwortung einer jeden Gemeinschaft appellieren. Nur mit mehr Informationen kann ein Motivationsklima geschaffen werden. Wenn die Gesellschaft besser aufgeklärt wäre, würden auch mehr Menschen freiwillig einen Organspenderausweis ausfüllen.

Ich sehe da nicht nur das Gesundheitsministerium in der Pflicht, sondern auch die Wirtschaft. Viele Unternehmen haben noch immer Angst, das Thema aufzugreifen. Dabei geht es doch überhaupt nicht darum, sich zu positionieren. Es würde schon ausreichen, die Menschen über die Möglichkeiten der Organspende zu informieren. Damit jeder, der sich mit dem Gedanken beschäftigt, einen leichten Zugang zu dem Thema findet. Neben der öffentlichkeitswirksamen Kunst- und Sportförderung halte ich es durchaus für möglich, dass Unternehmen sich mit einem Sponsoring bei der Organspende engagieren.

Natürlich kann die freiwillige Spendenbereitschaft aber auch nur dann zunehmen, wenn die Transplantationskliniken zu einhundert Prozent anständig und transparent arbeiten. Nur wenn die Menschen in das Organspendewesen vertrauen können, werden sie am Ende auch einer Organspende zustimmen.
 

Bei vielen Menschen wurde dieses Vertrauen angesichts der kürzlich bekanntgewordenen Skandale an den Universitätskliniken in Göttingen und Regensburg erschüttert. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit die Bevölkerung das Vertrauen in die Organspende zurückgewinnt?

Zunächst einmal müssen wir mehr über die positiven Seiten sprechen und die Erfolge thematisieren. In Deutschland lesen Sie immer nur, dass täglich drei Menschen sterben, weil keine passenden Organe gefunden werden können. Dabei sollte es genau umgekehrt sein: Sie müssten lesen, wie vielen Menschen am Tag das Leben gerettet werden kann. Wenn die positive Wirkung der Spendebereitschaft stärker kommuniziert würde, würden sich definitiv mehr Menschen angesprochen fühlen. Außerdem glaube ich, dass der Dank an die Mediziner und an diejenigen, die zur Spende bereit sind, bisher noch viel zu kurz kommt. Genau dieses Danke darf meiner Meinung nach aber eigentlich nicht fehlen.
 

Aktuell benötigen allein in Deutschland über 12.000 Patienten ein Spenderorgan. Viele, die auf den Wartelisten stehen, hoffen vergeblich auf eine passende Spende. Sehen Sie Möglichkeiten, die Vergabe von Organen an Betroffene zu optimieren?

Der ehemalige Direktor des Transplantationszentrums in Essen, Professor Christoph Broelsch, hat einmal den Vorschlag gemacht, dass jeder Träger eines Spenderausweises steuerliche Vorteile erhalten könnte. Diese Idee finde ich nicht uninteressant, denn mit der Aussicht auf einen steuerfreien Betrag würden wahrscheinlich deutlich mehr Menschen als bisher einen Spenderausweis ausfüllen.

Ansonsten könnte ich mir bei der Vergabe von Organen eine Art Goldkarte, ähnlich wie bei den Fluggesellschaften, vorstellen. Jeder, der einen Organspenderausweis hätte, würde dann schneller ein Organ erhalten, sobald er selbst einmal auf eine Spende angewiesen ist.
 

Vielen Dank für das Interview, Herr Rodzynek.

Lesen Sie hier mehr zum Thema Organspende.