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Telemedizin bei gesetzlichen Kassen: „Patient bleibt auf der Strecke“

Telemedizinische Angebote wie die Online-Sprechstunde können eine Antwort auf den Ärztemangel in ländlichen Gegenden sein. Doch dafür hängt die Gesetzgebung dem Markt zum Teil hinterher, kritisiert Bernd Altpeter vom Deutschen Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung. Zudem droht der Patient auf der Strecke zu bleiben.
Geringes Interesse der Krankenkassen an telemedizinischer Versorgung
Telemedizin kann Austausch zwischen Ärzten verbessern

Seit kurzem bieten die Techniker Krankenkasse und die AOK Nordost ihren Versicherten die Möglichkeit, via Online-Sprechstunde mit ihrem Hautarzt oder Psychotherapeuten in Kontakt zu treten. Ein großer Vorteil für die Patienten ist dabei, dass sie sich lange Anfahrtswege zum Mediziner und die Wartezeit im Sprechzimmer sparen. Insbesondere in Gegenden, in denen der nächste Arzt kilometerweit entfernt ist, kann die gesundheitliche Versorgung mit solchen telemedizinischen Angeboten verbessert werden.

Doch um die Vorteile der Telemedizin voll ausschöpfen zu können, fehlen in Deutschland die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Welche das sind und warum viele gesetzliche Krankenkassen eher geringes Interesse an langfristigen telemedizinischen Versorgungsmöglichkeiten haben, hat Bernd Altpeter, Geschäftsführer beim Deutschen Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DITG), im Interview mit finanzen.de erläutert.

Behandlung aus der Ferne in Deutschland nur eingeschränkt möglich

Besonders in Skandinavien gehört die Telemedizin bereits zum Alltag. In Schweden werden beispielsweise Patienten, die mit einer chronisch obstruktiven Bronchitis aus dem Krankenhaus entlassen werden, mit einem Laptop und Ergometer ausgestattet. Ersteres übermittelt Daten zum Sauerstoffgehalt im Blut an die Klinik, zweites unterstützt die Physiotherapie. Der Patient kann sich so zu Hause erholen, per Videoleitung steht ein Therapeut für ihn bereit.

In Deutschland hinkt die Telemedizin jedoch hinterher. Das liegt unter anderem am gesetzlichen Rahmen. So erlaubt die Musterberufsordnung der Ärzte zwar die Behandlung über Print- und Kommunikationsmedien, doch nicht ausschließlich. Die unmittelbare Behandlung durch den Arzt muss bei einem telemedizinischen Verfahren gewährleistet sein. Entsprechend ist es notwendig, „vor allem das Fernbehandlungsgesetz den heutigen Gegebenheiten“ anzupassen, fordert Bernd Altpeter. Er kritisiert zudem, dass in Deutschland versucht wird, „alles bis in das kleinste Detail im Voraus zu regulieren. Die Konsequenz ist, dass Innovationen – wie zum Beispiel die digitale Gesundheitskarte – auch nach einem Jahrzehnt nicht im Markt sind oder ganz verhindert werden.“

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Vorteile der Telemedizin

Die Telemedizin bietet Ärzten und Patienten unterschiedliche Vorteile, so Altpeter. „In der Diagnostik kann Telemedizin dem Arzt helfen Daten zu bekommen, zu kommunizieren und den Patienten zu informieren.“ Werden Patienten im Alltag durch Fachpersonal betreut, ließen sich somit außerdem bessere Therapieerfolge und Adhärenz – also das genaue Befolgen des Behandlungsplanes – erzielen, so der DITG-Geschäftsführer. Durch die Möglichkeit, Daten tagesgenau zu erhalten und auszuwerten, könnten Therapien individuell ausgesteuert und kurzfristig angepasst werden.

Telemedizin: Perspektiven bei Krankenkassen „mehrheitlich kurzfristig“

Obwohl einige Krankenkassen derzeit Pilotprojekte beispielsweise mit der Online-Sprechstunde durchführen, kritisiert Altpeter die gesetzlichen Kassen. Während sich private Krankenversicherer „sehr aktiv und innovativ“ bezüglich telemedizinischer Versorgungsmöglichkeiten zeigen, ist es bei den Kassen „ungleich schwerer.“ Die private Krankenversicherung habe verstanden, dass mit Telemedizin die Versorgung der Patienten optimiert werden kann. Dies führe zu einem „besseren medizinischen Outcome“ und zu Kostensenkungen. Doch in der gesetzlichen Krankenversicherung sind die „Perspektiven mehrheitlich kurzfristig.“

Haben Krankenkassen kein Interesse an gesünderen Versicherten?

Hinzu kommt ein weiteres Problem, warum sich die telemedizinische Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung schwerer durchsetzen könnte:  Wenn sich die Gesundheit der Kassenpatienten durch Telemedizin verbessere, erhielten die Krankenkassen weniger Zahlungen aus dem Morbi RSA, erläutert Altpeter. Dieser zahlt Kassen mit behandlungsintensiveren Versicherten Geld aus. Somit werden Unterschiede in der Versichertenstruktur ausgeglichen und ein gerechter Wettbewerb ermöglicht. Doch da diese Zahlungen „zum Teil des Geschäftsmodells“ der Kassen geworden sind, „hat die Mehrheit der GKVen kein Interesse“, dass die Leistungen entfallen. „Der Patient bleibt also auf der Strecke“, resümiert der Telemedizin-Experte. Viele Pilotprojekte telemedizinischer Versorgung kommen daher wohl auch nicht in die langfristige Umsetzung.

Hintergrund: Zum 29. Dezember 2015 trat das E-Health-Gesetz in Kraft. Mit ihm wurde ein Zeitfenster für die „bundesweite Einführung der Telematik-Infrastruktur festgeschrieben, das Mitte 2016 beginnt“, so das Bundesgesundheitsministerium. Bis Mitte 2018 sollen Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend an diese Struktur angeschlossen sein.