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Crowdinvesting: Neue Wege für Kleinanleger in der Niedrigzinsphase

47 Millionen Euro flossen 2015 über Crowdinvesting und -funding in Startups, Immobilien und Co. Angesichts des großen Finanzierungsvolumens hat die Politik die Regeln für die Schwarmfinanzierung zuletzt verschärft. Jedoch macht der Gesetzgeber nicht den Eindruck, als hätte er die Wirkungsweise des Crowdinvestings verstanden, meint Crowdfinanzierung-Experte Steffen Doberstein.
Anleger investieren Millionen Euro in Unternehmer via Crowdinvesting
Beim Crowdinvesting sind hohe Renditen möglich

Mit der Unterstützung der Crowd zum erfolgreichen Unternehmen werden – diesen Traum haben viele Startups. Wie groß das Potenzial ist, zeigen Zahlen des Crowdfinanzierung-Monitors von Für-Gründer.de: Fast zehn Millionen Euro haben verschiedene Crowdfunding-Plattformen in Deutschland im Jahr 2015 eingesammelt. Damit wurden über 1.200 Projekte erfolgreich finanziert. Bei dieser Form der Schwarmfinanzierung erhalten die Unterstützer für ihr Geld eine Leistung oder ein Produkt, etwa eine CD mit Autogramm oder ein T-Shirt mit besonderem Aufdruck. „Man spricht deshalb auch vom reward based Crowdfunding“, erläutert Crowdfinanzierung-Experte Steffen Doberstein finanzen.de. „Hat der Projektinhaber seine versprochene Leistung erfüllt, gibt es keine rechtliche Beziehung mehr zwischen Funder und Unterstützung, die direkt mit dem Funding zu tun hat.“

Unterstützer oder Investor sein: Verschiedene Formen der Schwarmfinanzierung

Crowdfunding wird häufig synonym mit Crowdinvesting verwendet, was mit dem „steigenden Bekanntheitsgrad der Möglichkeit des Investierens und Finanzierens“ zu begründen ist, erklärt Tobias Körner von der Crowdinvesting-Plattform Seedmatch gegenüber finanzen.de. Dabei gibt es jedoch einen großen Unterschied zwischen den beiden Formen. Während Crowdfunding eher mit einem „Verkauf auf Vorkasse“ oder einer Art Spende gleichgesetzt werden kann, ist Crowdinvesting eine Geldanlage, so Doberstein. Das investierte Geld „sollte später wieder zurückgezahlt werden, idealerweise ein Mehrfaches vom Anlagebetrag.“ Mit über 37 Millionen Euro im Jahr 2015 ist das Finanzierungsvolumen deutlich größer als beim Crowdfunding. Davon investierte die Crowd rund 17 Millionen Euro in Startups.

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Crowdinvesting: Immer mehr Geld fließt in Immobilien statt Startups

Neben der Finanzierung von Startups fließt zunehmend Geld in Immobilienprojekte. Gegenüber 2014 verzeichnete diese Form 2015 einen Anstieg von 80 Prozent auf eine Investmentsumme von 13 Millionen Euro. Einen „europäischen Crowdinvestingrekord“ stellte dabei Companisto auf, so Gründer David Rhotert. Die Crowdinvesting-Plattform sammelte für das Immobilienprojekt Weissenhaus 7,5 Millionen Euro ein. Insgesamt sieht Rhotert, „dass in Zeiten der Niedrigzinspolitik die Anleger nach neuen Anlagemöglichkeiten schauen und hier auch neue Wege gehen.“ Auch Seedmatch beobachtet eine wachsende Bedeutung von Immobilienfinanzierungen über Crowdinvesting, „was der aktuellen Lage am Immobilien- und Finanzmarkt geschuldet ist“, erläutert Pressesprecher Körner. Mit der neuen Plattform Mezzany hat sich das Unternehmen auf diesen Trend eingestellt.

Crowdinvesting-Experte Doberstein rechnet ebenfalls mit einem wachsenden Anteil des Immobilienfunding. Denn „Anlagen in Immobilien ist der Deutsche gewohnt.“ Vorteile sind zum Beispiel das scheinbare geringere Risiko und die Tatsache, dass eine Immobilie nicht verschwindet. „Auch bei Insolvenz des Betreibers gibt es einen Wert, der durch den Verkauf eventuell den Verlust minimiert.“ Aufgrund der wachsenden Beliebtheit in Immobilien zu investieren, entsteht „Konkurrenz um die Anlagegelder.“ Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass „die Kannibalisierung 1:1 stattfinden wird, denn Immobilienfunding ist geeignet, neue Bevölkerungsschichten anzusprechen, die mit Startups nichts anfangen können.“

 

Crowd steckt weniger Geld in Startups

Im ersten Quartal 2016 verringerte sich das Crowdinvesting-Finanzierungsvolumen für Startups um 55 Prozent. Statt 6,5 Millionen Euro flossen nun nur noch 2,9 Millionen Euro an sie. Gleichzeitig verbuchte die Immobilienfinanzierung ein Plus von 53 Prozent auf 5,2 Millionen Euro.

Vorteile durch Crowdinvesting für Investoren und Unternehmer

Crowdinvesting ist im Idealfall eine Win-Win-Situation für Investoren und Unternehmer. Investoren haben die Chance auf eine sehr hohe Rendite. Dabei werden sie „meist über ein sogenanntes partiarisches Nachrangdarlehen am wirtschaftlichen Erfolg der jungen Unternehmen beteiligt“, weiß Seedmatch-Pressesprecher Körner. Macht das Unternehmen Gewinn oder wird verkauft, erhalten die Investoren einen Anteil. Solche Darlehen haben allerdings den Nachteil, dass Investoren bei Insolvenz des Unternehmens die letzten Gläubiger sind, denen Geld ausgezahlt wird. Im schlimmsten Fall droht der Totalverlust. Entsprechend sollten Investoren „nur Geld investieren, dessen Verluste sie sich leisten können“, mahnt Körner.

Ein Vorteil von Crowdinvesting ist für Startups die mögliche Finanzierung ihres Projekts. Dies ist jedoch nicht immer der Hauptgrund, warum sie sich für Crowdinvesting entscheiden. Oftmals könnten sie sich auch klassisch Geld von der Bank leihen. Doch dann profitieren die Unternehmen nicht vom zweiten großen Vorteil: Werbung. Wer sein Projekt auf einer großen Plattform vorstellen darf, für den „steigt der Bekanntheitsgrad von einem Tag auf den anderen erheblich“, so Doberstein. Auch das Feedback, das Startups direkt von ihren Investoren erhalten, ist nicht zu unterschätzen.

Crowdinvesting-Plattformen mit verschiedenen Schwerpunkten

Zwei schwergewichtige Crowdinvesting-Plattformen sind Companisto und Seedmatch. Letztere ist die „erste Plattform in Deutschland gewesen, die Direkt-Investments in Startup ermöglicht hat“, so Körner. Investoren können bei Seedmatch ab 250 Euro investieren. „Die Einstiegshürde ist somit bewusst höher als bei anderen Plattformen und soll die mit einer Investmententscheidung verbundene Ernsthaftigkeit widerspiegeln.“ Eine andere Strategie nutzt Companisto. Hier gibt es keine Grenze, stattdessen baut das Unternehmen auf einen aufgeklärten Investor. Gründer David Rhotert zufolge ist Companisto Marktführer in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das „Modell ist insbesondere auf Anschlussfinanzierungen ausgelegt, damit die Unternehmen sich weiterentwickeln können.“ Mit dem sogenannten Crowd-Voting bietet Companisto zudem eine Art Sicherheitsnetz. Hierbei werden Startups nur zwei Drittel der Investmentsumme ausgezahlt. Später können die beteiligten Investoren entscheiden, ob das letzte Drittel an sie oder an das Projekt ausgezahlt wird.

Verbesserter Anlegerschutz beim Crowdinvesting seit Mitte 2015

Seit 2011 hat Crowdfunding beziehungsweise -investing in Deutschland an Popularität gewonnen. Zum Schutz der Anleger vor unlauteren Angeboten hat der Gesetzgeber im vergangenen Jahr im Zuge des Kleinanlegerschutzgesetzes neue Regeln für Crowdinvesting aufgestellt. Seit dem 1. Juli 2015 gilt beispielsweise für Unternehmen mit einem Investitionsvorhaben ab 2,5 Millionen Euro die Prospektpflicht. Dadurch werden Anleger unter anderem über Vermögenswerte, Verbindlichkeiten und Zukunftsaussichten des Unternehmens informiert.

 

Crowdfunding-Star Stromberg – der Film

Als bekanntestes deutsches Crowdfunding-Projekt gilt der Stromberg-Film. Mehr als 3.000 Anleger gaben ihr Geld für die Verfilmung der Serie. Im Gegenzug wurden sie finanziell am Erfolg beteiligt. 2011 lief die Kampagne, 2014 erfolgte die Auszahlung mit einer Rendite von 17 Prozent.

Begrenzung der Anlagesumme auf 10.000 Euro für Privatanleger

Mit dem Kleinanlegerschutzgesetz führte die Regierung auch eine Investitionsgrenze ein. Maximal 10.000 Euro sind nun pro Investor und Startup erlaubt. Steckt der Anleger dabei mehr als 1.000 Euro in ein Projekt, muss er via Selbstauskunft bestätigen, dass er entweder über ein Vermögen von mindestens 100.000 Euro verfügt oder nicht mehr als zwei Monatsgehälter investiert. Für Tobias Körner geht das Gesetz somit zwar in die richtige Richtung, „nämlich den Schutz der Anleger vor unlauteren Investment-Angeboten.“ Seedmatch steht den Regelungen jedoch kritisch gegenüber. So sollte die „in jedem Fall notwendige Aufklärung über Finanzanlagen nicht allein über Schranken oder gar Verbote geregelt werden.“

Gesetzgeber scheint „Wirkungsweise, Chancen und Risiken im Crowdinvesting“ nicht zu verstehen

Der Verbraucherzentrale Bundesverband forderte im Vorfeld der Gesetzgebung sogar eine Begrenzung der Anlagesumme auf 1.000 Euro. Für Companisto-Gründer Rhotert wäre dies „eine extreme Bevormundung der Investoren“ gewesen. Auch Crowdinvesting-Experte Doberstein sieht eine solch niedrige Betragsgrenze als kritisch und hält sie für „schlichtweg absurd.“ Er schlägt stattdessen einkommensabhängige Grenzen vor. Wichtig ist zudem eine höhere Transparenz. „So sollte bei den Informationen stets stehen, welche Angaben von der Plattform oder von Unabhängigen geprüft wurden und welche nicht.“

Sinnvoll wären außerdem unabhängige Interessenvertretungen für die Investoren für ein ausgeglichenes Machtverhältnis. „Diese sind dann auch Ansprechpartner für den Gesetzgeber, der, man muss es leider so sagen, nicht den Eindruck macht, Wirkungsweise, Chancen und Risiken im Crowdinvesting zu verstehen“, kritisiert Doberstein. Seedmatch fordert außerdem, dass die „Förderung der Crowdfunding- und Startup-Szene eine zentralere Rolle bei der Gesetzgebung spielen“ sollte.