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Viele Angebote für Alleinerziehende sind unbekannt

Alleinerziehende Eltern haben es häufig besonders schwer, ihren Alltag zu strukturieren. Der Staat, Organisationen und Vereine bieten deshalb eine Reihe an Unterstützungsmöglichkeiten für sie an. Während Beratungsangebote sehr häufig genutzt werden, wissen Ein-Eltern-Familien über finanzielle Leistungen jedoch zu wenig, weiß Regine Schefels vom Berliner Beirat für Familienfragen.
Interview mit Regine Schefels
Regine Schefels, Leiterin der Geschäftsstelle des Berliner Beirats für Familienfragen

Viele Ein-Eltern-Familien haben neben chronischem Zeitmangel auch Geldsorgen. Denn gerade wenn die Kinder noch klein sind, können viele Alleinerziehende keiner Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Umso wichtiger ist es für sie, dass sie über jede finanzielle Entlastungsleistung vom Staat Bescheid wissen. Doch dem ist nicht so, weiß Regine Schefels vom Berliner Beirat für Familienfragen. Viele Alleinerziehende kennen zwar Cafés mit Kinderbetreuung und Beratungsangebote zur sozialen Lage. Zahlreiche finanzielle Leistungen sind ihnen aber unbekannt. Wie sich das ändern kann, erklärt Regine Schefels im finanzen.de-Interview.

Es gibt zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten für Alleinerziehende. Welche Angebote werden besonders genutzt und benötigt?

Regine Schefels: Wir können nur über alleinerziehende Eltern in Berlin sprechen. Hier kennen Eltern die meisten Angebote unserer Erfahrung nach sehr gut. Ein-Eltern-Familien besuchen etwa Aktivitäten in Familienzentren und lassen sich bei verschiedenen Trägern beraten, wie dem Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) oder SHIA e.V. Viele Eltern nehmen vor allem die Beratungsangebote zur sozialen Lage in Anspruch. Im Bereich der psycho-sozialen Unterstützung stellen wir ebenfalls einen großen Bedarf fest. Über diese Angebote hinaus gibt es Vernetzungsmöglichkeiten, wie informelle Treffen, Ausflüge oder offene Cafés mit Kinderbetreuung. In Berlin sind solche Veranstaltungen immer gut besucht.

Derzeit sind wir sehr gespannt, wie stark das Angebot der flexiblen Kinderbetreuung von Alleinerziehenden in Berlin nachgefragt wird. Vor Kurzem ist hierzu in Berlin ein Modellprojekt gestartet.

Wie sieht es mit den finanziellen Leistungen aus? Nehmen Ein-Eltern-Familien diese ebenso rege in Anspruch wie die von ihnen genannten Unterstützungsmöglichkeiten?

Regine Schefels: Wir stellen fest, dass viele Alleinerziehende nicht ausreichend über konkrete Leistungsansprüche informiert sind. Diese Auffassung teilt die Selbsthilfeinitiative Alleinerziehender SHIA e.V.: Sie finden, dass alleinerziehende Eltern nicht umfassend genug informiert werden, welche Leistungen ihnen zustehen. Oft erhalten Alleinerziehende den Rat, einen Antrag auf bestimmte Leistungen zu stellen, ohne genau zu erfahren, welcher Anspruch ihnen konkret in Aussicht gestellt wird. Wir gewinnen somit den Eindruck, dass Alleinerziehende, ob es um eine Beratung im Jobcenter, beim Jugendamt oder an anderen Stellen geht, nicht gut über ihre Ansprüche auf Leistungen aufgeklärt werden.

Das sollte sich unserer Meinung nach ändern. Dafür wäre in erster Linie mehr Personal in den einzelnen Stellen notwendig. Darüber hinaus sollte speziell für den Bedarf und zur Lebenslage von Alleinerziehenden Personal geschult und bereitgestellt werden.

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Welche Unterstützungsmöglichkeiten für alleinerziehende Mütter und Väter fehlen?

Regine Schefels: Ein-Eltern-Familien, die über einen langen Zeitraum alleinerziehend sind und zugleich arbeiten gehen, fehlen entlastende Unterstützungsangebote. Vor allem die Frauen, die in prekären Bereichen beschäftigt sind oder im Schichtdienst arbeiten, verfügen meist nur über wenig finanziellen Spielraum. Im Alter von Mitte 30 oder Anfang 40 sind sie oft „ausgepowert“ und stehen vor dem „Burn-out“. Für diese Gruppe wäre es notwendig, auch zur Gesundheitsprävention, Angebote mit Kinderbetreuung bereitzustellen. Dann könnten sie soziale Kontakte pflegen und wieder Zeit für sich haben.

Der ausgeweitete Unterhaltsvorschuss soll Alleinerziehende, die keinen Unterhalt vom anderen Elternteil erhalten, voraussichtlich ab 2017 finanziell entlasten. Wie könnte sich diese Änderung auf den Alltag von Alleinerziehenden auswirken?

Regine Schefels: Die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses bedeutet für alleinerziehende Eltern in erster Linie mehr finanzielle Sicherheit. Ihnen steht mit einem „sicheren“ Unterhaltsvorschuss mehr Geld für einen längeren Zeitraum zur Verfügung. Vorher standen Alleinerziehende immer unter dem Druck, „was mache ich, wenn die Leistung entfällt“. Diese Sorge fällt jetzt glücklicherweise von ihren Schultern.

Vielen Dank für das Interview, Frau Schefels.