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Beratung und Bedenkzeit: So können Patienten IGe-Leistungen beurteilen

Norbert Panitz ist ehemaliger Qualitätssicherungsbeauftragter der Krankenkassen Berlin. Im Gespräch mit finanzen.de erklärt er, was sich hinsichtlich der sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) ändern muss. Denn nicht nur Kassenpatienten sind verunsichert, wann eine IGeL tatsächlich empfehlenswert ist. Auch Ärzte fühlen sich zuweilen überfordert.
Patienten können bei Selbstzahlerleistungen Bedenkzeit einfordern
Gerade bei IGeL ist eine fundierte Beratung wichtig

Gesetzlich Krankenversicherte erhalten über die Krankenkassen eine solide Grundversorgung, wenn es um die Prävention, Diagnose und Behandlung von Erkrankungen sowie Verletzungen geht. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Leistungen, die von den Kassen nicht bezahlt werden. Das zeigt sich für die Patienten am deutlichsten im Bereich der Zahnmedizin, wo komplizierte Behandlungen und Zahnersatz oftmals zum Großteil aus der eigenen Tasche bezahlt werden müssen. Doch auch beim Hautarzt, Gynäkologen, Psychotherapeuten oder anderen Fachärzten sowie beim Hausarzt kann es heißen: Das zahlt die Kasse leider nicht.

Dann muss der Patient entscheiden, ob er eine solche Individuelle Gesundheitsleistung in Anspruch nehmen und die Kosten dafür tragen möchte. Nicht nur kosmetische Behandlungen, wie die Entfernung von ungeliebten Muttermalen, sind davon betroffen. Auch bestimmte diagnostische Methoden und Behandlungsmaßnahmen sind nicht Teil der Regelversorgung der Krankenkassen.

Patienten sind bei IGeL nicht selten verunsichert, ob die Leistung notwendig beziehungsweise empfehlenswert ist. Zwar gibt es mit dem IGeL-Monitor ein Portal, das Orientierung bieten soll. Doch dieses listet nur eine Auswahl der vorhandenen IGeL auf und ist zudem bei den Ärzten sehr umstritten. Dr. Norbert Panitz von der Ärztlichen Gesellschaft und Prävention (ÄGGP) hat mit finanzen.de gesprochen und erklärt, was Patienten beachten sollten und warum IGeL auch für Ärzte manchmal problematisch sind.

Herr Dr. Panitz, Sie waren Qualitätssicherungsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin und sind heute als Facharzt für Psychosomatische Medizin tätig. Was sind Ihre Erfahrungen mit der Bewertung von IGeL?

Dr. Norbert Panitz: Nun, die Qualitätssicherungsbeauftragten machen allgemein einen guten Job, allerdings nehmen sie keine Bewertungen zu den IGeL vor. Das liegt auch nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich, obwohl es sinnvoll wäre, sie in den Prozess zu involvieren. Momentan überprüfen auch die Ärztekammern den Nutzen der Leistungen nicht. Somit liegt die Bewertung beim jeweiligen Arzt, der auf die eigene Erfahrung, Fachliteratur und Studien zugreift, um zu erwägen, ob und wann er dem Patienten eine IGeL empfiehlt oder nicht.

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Die ÄGGP hat eine eigene Online-Enzyklopädie für IGeL veröffentlicht. Gibt es mit dem IGeL-Monitor vom Medizinischen Dienst und den Krankenkassen nicht bereits eine solche Übersicht für Ärzte und auch Patienten?

Dr. Norbert Panitz: Der IGeL-Monitor führt nur einen geringen Teil der Selbstzahlerleistungen auf. Damit kommen Patienten und Ärzte kaum weiter. Unsere Enzyklopädie ist einerseits vollständig und wird andererseits auch fortlaufend aktualisiert, wenn zum Beispiel neue Studien erscheinen. Für Patienten ist die Enzyklopädie insbesondere eine Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck von einer Leistung zu verschaffen. Eine Beratung durch den behandelnden Arzt kann die Übersicht aber natürlich nicht ersetzen.

Wie sollte eine solche Beratung Ihres Erachtens aussehen?

Dr. Norbert Panitz: Das hängt natürlich von der Selbstzahlerleistung ab. Manche Behandlungen erfordern einen höheren Aufklärungsaufwand. Zudem ist auch jeder Patient unterschiedlich. Manche bringen ein solides medizinisches Vorwissen mit, andere wiederum benötigen umfassendere Erklärungen. Wichtig ist es für Patienten, dass ihre Fragen ernst genommen werden. Das bedeutet, ein verantwortungsvoller Arzt geht sicher, dass alle Unklarheiten beim Patienten beseitigt wurden.

Gibt es weitere Herausforderungen für den Arzt bei der Beratung zu den IGeL?

Dr. Norbert Panitz: Sicherlich ist es schwer, in jedem Fall das Vertrauensverhältnis zwischen sich selbst und dem Patienten zu wahren, wenn der Eindruck entstehen könnte, dass man als Arzt etwas verkaufen will. Dabei ist das Vertrauensverhältnis das A und O für eine erfolgreiche Behandlung. Einige Ärzte haben da auch verständlicherweise Angst nur als Verkäufer wahrgenommen zu werden und aus der Rolle des Helfers hinauszutreten. Das kann so weit gehen, dass ein Arzt lieber eine sinnvolle Behandlung oder Untersuchung nicht vorschlägt, um diesen Eindruck zu vermeiden.

Auf der anderen Seite müssen Patienten alle Informationen erhalten, die sie benötigen, um selbst zu entscheiden, ob sie eine Selbstzahlerleistung möchten oder nicht. Nicht nur der Nutzen und mögliche Risiken müssen daher zur Sprache kommen, sondern es gehört auch eine wirtschaftliche Aufklärung dazu. Wenn der Patient um seine Zustimmung gebeten wird, bevor er weiß, welche Kosten auf ihn zukommen, dann ist das nicht seriös. Außerdem muss er Bedenkzeit erhalten und einen Behandlungsvertrag an die Hand bekommen.

Wenn man die Berichterstattung über Individuelle Gesundheitsleistungen verfolgt, bekommt man teilweise den Eindruck, dass es doch einige Ärzte gibt, die eher wirtschaftliche Interessen verfolgen und weniger Sorgfalt bei der Beratung anwenden. Wann sollte man als Patient hellhörig werden?

Dr. Norbert Panitz: Nun, schwarze Schafe gibt es sicherlich in jeder Branche, das schließt leider auch die Ärzte nicht aus. Aber ich habe den Eindruck, dass da auch oft übertrieben wird. Bemerkt ein Patient, dass der Arzt bei einem Termin aus dem Fokus verliert, warum man eigentlich in die Praxis gekommen ist, dann ist das ein schlechtes Zeichen. Deshalb ist es ja gerade so sinnvoll, auf einen Kostenvoranschlag und Bedenkzeit zu bestehen. So wird man als Patient nicht überrumpelt und kann sich fragen: Habe ich alles verstanden? Benötige ich noch Informationen? Und bin ich bereit die Kosten für die IGeL zu tragen? Dann kann man gegebenenfalls nachhaken. Oftmals ist es gar nicht so, dass der Arzt den Patienten zu etwas drängen wollte, sondern vielmehr nicht realisiert hat, dass noch Fragen bestehen. Geht der Arzt dann vernünftig auf die Bedenken ein, weiß der Patient: Hier werde ich ernstgenommen. Das ist für einen guten Arzt am Ende auch wichtiger als eine Leistung, die er zusätzlich abrechnen kann.

Vielen Dank für das Gespräch, Dr. Panitz!