finanzen.de Nachrichten immer gut informiert

Medizinstudenten übersetzen Befunde: Verständnishilfe für Patienten

Nach einem Besuch beim Hausarzt oder einer Untersuchung beim Facharzt bleibt so mancher Patient ratlos zurück. Denn der medizinische Befund ist oft nur eine Aneinanderreihung von Fachbegriffen, die ihm nichts sagen. Ein Online-Portal bietet kostenlose und anonyme Hilfe: Hier übersetzen Medizinstudenten das ärztliche Kauderwelsch in verständliche Erklärungen.
Übersetzung von Befunden in verständliche Sprache
Aufklärung für Patienten: Das Was hab ich?-Team (Foto: David Pinzer)

Torsionsskoliose, Pankreatitis, systolische Herzgeräusche - Beim Gespräch mit dem Hausarzt können für Patienten mehr Fragen entstehen, als dass ihnen Antworten gegeben werden. Denn nicht jeder Mediziner kann die komplexe Fachsprache in verständliche Begriffe übersetzen. Noch schlimmer steht es bei medizinischen Befunden und Arztbriefen von Fachärzten. Schließlich diese sind häufig vor allem für die Kollegen formuliert und versuchen daher gar nicht erst auf Laien Rücksicht zu nehmen. Doch es gibt Hilfe. Ein Online-Portal erklärt Patienten, was sich hinter Fachbegriffen verbirgt. Beatrice Brülke von der gemeinnützigen Initiative washabich.de erzählt im Gespräch mit finanzen.de, wie das Ganze funktioniert.

Frau Brülke, wie ist die Idee zu washabich.de entstanden?

Beatrice Brülke: Als Mediziner wird man oft von Verwandten oder Bekannten darum gebeten, deren medizinische Befunde zu „übersetzen“. Die beiden Medizinstudierenden Anja Bittner und Johannes Bittner und der IT-Profi Ansgar Jonietz haben sich gefragt, was eigentlich diejenigen machen, die keine Mediziner in ihrem Bekanntenkreis haben. Daraus entstand die Idee zu „Was hab' ich?“. Innerhalb von nur vier Tagen ging die Website washabich.de online, das war am 15. Januar 2011.

Wie lange müssen Patienten in etwa warten, wenn sie einen Befund eingereicht haben?

Beatrice Brülke: Die Befund-Einsendung funktioniert folgendermaßen: Zunächst trägt sich der Patient mit seiner E-Mail-Adresse in unsere Warteliste ein, unser virtuelles Wartezimmer. Innerhalb weniger Tage erhält er die E-Mail mit dem Link zum Einsendeformular. Wenn er seinen Befund eingesendet hat, wird die Übersetzung in der Regel innerhalb weniger Tage fertiggestellt. Das hängt unter anderem auch von der Länge des Befundes ab – aus einer Befund-Seite werden oft mehrere Seiten mit leicht verständlichen Erklärungen, der ehrenamtliche Übersetzer benötigt dafür etwa fünf Stunden.

Kann man auch Rückfragen stellen, wenn es trotz der Übersetzung noch Unklarheiten gibt?

Beatrice Brülke: Wenn der Patient etwas in der Übersetzung noch nicht genau verstanden hat, kann er bei uns nachfragen. Bitten um Diagnosen, Behandlungsempfehlungen oder ähnliches müssen wir leider ablehnen – wir können keine Befunde interpretieren, sondern diese nur übersetzen. Für solche Fragen verweisen wir den Nutzer an den behandelnden Arzt. Wir möchten dem Patienten ermöglichen, seinem Arzt bessere Fragen stellen zu können, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sich gesundheitsbewusster zu verhalten – und so das Arzt-Patienten-Verhältnis unterstützen.

Unser Service
für Sie

Die Befunde werden von Medizinstudenten übersetzt. Sind diese denn überhaupt schon qualifiziert genug, einen Befund übersetzen?

Beatrice Brülke: Um bei "Was hab' ich?" ehrenamtlicher Übersetzer zu werden, müssen die Medizinstudierenden mindestens im achten Fachsemester sein – so können wir sicherstellen, dass sie bereits über das nötige Fachwissen verfügen. Zusätzlich werden sie durch ein großes Konsiliar-Ärzte-Team unterstützt, welches bei Fachfragen hilft. Zu Beginn ihres Engagements erhalten sie außerdem eine persönliche Ausbildung in patientenfreundlicher Kommunikation, bei der sie intensiv durch die bei "Was hab' ich?" festangestellten Ärzte betreut und geschult werden.

Werden alle Fachgebiete abgedeckt?

Beatrice Brülke: Ja, wir übersetzen alle humanmedizinischen Befunde, egal ob Magenspiegelung, MRT-Bericht oder Herz-Untersuchung.

Angenommen, die Übersetzung des Befundes unterscheidet sich gravierend von dem, was mir mein Arzt erklärt hat: Was sollte ich dann unternehmen?

Beatrice Brülke: Unsere Empfehlung ist immer, sich noch einmal an den behandelnden Arzt zu wenden. Wer seinen Befund verstanden hat, kann oftmals konkretere Fragen stellen. Manchmal hilft es aber auch, einen anderen Ansprechpartner aufzusuchen. Dabei kann zum Beispiel die Unabhängige Patientenberatung unterstützen.

Das Projekt wird momentan durch Spenden finanziert. Gibt es nicht auch von Seiten der Krankenkassen oder privaten Krankenversicherer ein Interesse daran, dass Patienten ausreichend informiert werden?

Beatrice Brülke: Bereits seit 2012 hat uns der AOK Bundesverband immer wieder finanziell unterstützt. Von vielen weiteren Kassen und Versicherern wissen wir, dass sie unserem Service sehr positiv gegenüberstehen. Dennoch ist unsere Finanzierung noch lange nicht gesichert – als gemeinnütziges Unternehmen sind wir nicht gewinn-, sondern wirkungsorientiert. Daher sind wir auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Gleichzeitig ist es uns sehr wichtig, absolut unabhängig zu bleiben.

Sind es vorwiegend jüngere Menschen oder auch ältere Patienten, die das Projekt am ehesten nutzen?

Beatrice Brülke: Tendenziell sind unsere Nutzer eher etwas älter. Das liegt vor allem daran, dass sie häufiger zum Arzt müssen und daher auch häufiger ärztliche Befunde erhalten. Aber auch junge Patienten oder Angehörige wenden sich an uns.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Brülke!