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Karriereplanung für Frauen: „Mehr Mut, weniger Zurückhaltung“

2012 waren in Deutschland 71,5 Prozent der 20- bis 64-jährigen Frauen erwerbstätig. Doch ‚Sie‘ arbeitet bis heute zugunsten der Familie oft im Niedriglohnsektor, in Minijobs oder Teilzeit. Das muss nicht sein, findet Karriereberaterin Ragnhild Struss. Sie möchte mehr Frauen dazu ermutigen, sich eine Karriere zuzutrauen und nicht in allen Lebensbereichen perfekt sein zu müssen.
Karriereberaterin Ragnhild Struss von Struss und Partner
Karriereberaterin Ragnhild Struss im Interview Foto: Tristan Vostry

Die Berufs- und Karriereplanung ist nicht einfach. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Jobs es in der Arbeitswelt gibt und welche Türen ihnen durch ihren Bildungsabschluss und ihre Ausbildung offenstehen. Gerade für Frauen kann die Berufs- und Karriereplanung schwierig sein. Denn sie haben neben der Karriere oft eine zweite Baustelle im Kopf: Familie und Kinder. Die Karriereberaterin Ragnhild Struss möchte Frauen deshalb dazu ermutigen, ihre Karriere selbstbewusst sowie zielstrebig anzugehen und sich nicht von potenziellen Problemen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zurückhalten zu lassen. Zum einen sind Frauen nicht allein für die Familienplanung zuständig. Zum anderen gibt es für jede Lebensrealität eine Lösung, die glücklich macht, so die Expertin.

Mit welchen Problemen, Wünschen und Ängsten kommen Frauen in der Regel zu Ihrer Karriereberatung?

Ragnhild Struss: Insbesondere Frauen neigen dazu, sich zu unterschätzen. Häufig sind sie zu schüchtern, sich um die Jobs zu bewerben, für die sie qualifiziert sind. Ihr Denken ist oft geprägt von einem vorweggenommenen „Aber“. Ich habe die Ausbildung, aber kann ich das wirklich? Das ist genau mein Job, aber schaffe ich das? Ich würde gerne, aber geht das überhaupt?

Dabei spielen auch zeitliche Aspekte eine Rolle. Viele Mütter wollen im Job Verantwortung übernehmen und entsprechend verdienen. Um gleichzeitig ihrer familiären Rolle gerecht zu werden, wünschen sie sich Teilzeitmodelle, die ihnen Flexibilität verschaffen. Das selbstbewusst zu fordern, fällt vielfach schwer. Vor allem dann, wenn Frauen eine lange Erziehungspause eingelegt und damit verbunden Angst haben, nicht mehr mithalten zu können.

Unser Service
für Sie

Können Sie die Schritte einer Karriereberatung kurz skizzieren? Wie läuft so eine Sitzung ab?

Ragnhild Struss: Die Beratung umfasst einen Tag, den wir in Eins-zu-Eins Gesprächen mit dem Klienten verbringen. Um bei der Beratung unvoreingenommen zu sein, möchten wir vorab nichts über die Karriereziele der Klienten wissen. Den Interessen, Zielen und Wünschen nähern wir uns, indem wir eine Reihe anerkannter personalpsychologischer und eignungsdiagnostischer Verfahren anwenden und uns ausführlich im strukturierten Gespräch mit unserem Gegenüber beschäftigen. Der persönliche Eindruck ist besonders wichtig, um die Ergebnisse einordnen und den Menschen erfassen zu können. Für die berufliche und persönliche Entwicklung beziehen wir immer auch Werte und Glaubenssätze ein. Darüber hinaus führen wir kognitive Tests durch, die Tendenzen weisen.

Unser Ziel ist:

  • Stärken herauszuarbeiten und auszubauen
  • Potenziale zu entdecken und im Einklang mit der Persönlichkeit zu  entfalten
  • Eine rundum erfüllende Lebens- und Berufsplanung zu erarbeiten

Dafür geben wir ganz konkrete Empfehlungen, von Zusatzausbildungen über offene Stellenangebote bis hin zu Sport-und Literatur-Tipps.

Haben Sie den Eindruck, dass vielen Frauen der Überblick über ihre beruflichen Möglichkeiten fehlt?

Ragnhild Struss: Was Frauen – wie auch Männern - manchmal fehlt, ist die Fähigkeit, in Möglichkeiten zu denken. Ihr Blick richtet sich nicht nach innen, nicht auf die eigenen Potenziale, sondern nach außen auf Branchen und Positionen. Diese Herangehensweise verengt das Sichtfeld und limitiert ihre Möglichkeiten. Das gilt auch für die Orientierung an Menschen aus dem privaten oder beruflichen Umfeld, die ähnliche Wege gehen. Es geht nicht darum, den Weg von jemand anderem nachzugehen, sondern seinen eigenen zu finden.

Viele Jobsuchende neigen dazu, bisherige Erfahrungen heranzuziehen, um darauf aufzubauen. Dahinter steht ein traditionelles lineares beziehungsweise vertikales Karriereverständnis. Eine Folge aufeinander aufbauender Karriereschritte: erst Trainee, dann Junior, Manager, Senior und Partner. Davon sollten sich Jobsuchende lösen und stattdessen in Portfolio-Karrieren denken. Damit sind Erwerbsbiografien gemeint, die nicht linear verlaufen, sondern verschiedene Stränge verfolgen.

Welche Tipps geben Sie berufstätigen Frauen mit, um ihre Karriere voranzutreiben?

Ragnhild Struss: Ich gebe ihnen den Rat, sichtbar zu werden. Ein Profil in den gängigen beruflichen Netzwerken wie XING und LinkedIn ist in Zeiten digitalen Recruitings unabdingbar. Networking ist wichtiger denn je. Immerhin werden die meisten Jobs heute über Kontakte vergeben. Verbindung zu Headhuntern aufzunehmen, kann je nach Position ebenfalls ratsam sein. Darüber hinaus sollten Jobsuchende alle Menschen in ihrem Umfeld über ihren Wechselwunsch informieren und die Kontakte nutzen, die sich daraus ergeben.

Frauen bestärke ich insbesondere darin, mehr Mut zu zeigen. Sie sollten sich trauen, eine langfristige Vision von sich selbst zu entwickeln und die konkreten Ziele auf dem Weg dorthin zu verfolgen. Ich stelle immer wieder fest, dass Frauen sich nicht in bestimmte Positionen wagen, weil es beispielsweise sein könnte, dass sie in den nächsten Jahren eine Familie gründen wollen. Dabei ist der Familienwunsch absolut legitim und nachvollziehbar. Aber solange es noch nicht so weit ist, sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Stattdessen sollten Frauen sich selbst, ihre Motive und Möglichkeiten in den Fokus rücken. Selbstmarketing statt Bescheidenheit! Daher mein Appell: mehr Mut, weniger Zurückhaltung.

Welche Rolle spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei der Karriereplanung von Frauen?

Ragnhild Struss: Die Vereinbarkeit spielt eine sehr große Rolle – bei Frauen deutlich mehr als bei Männern. Die Zahl männlicher Führungskräfte, die eine Elternzeit nehmen, ist weiterhin überschaubar. Der Fokus liegt auf den Frauen, deren Erwartungen häufig sehr hoch sind. Die Ressourcen müssen nach der Geburt eines Kindes aufgeteilt werden. Doch welche Priorität bekommen die einzelnen Bereiche? Familie, Karriere, Selbstentwicklung, Partnerschaft – Mütter sollten sich vom Druck befreien, alles gleichzeitig und im selben Maße vorantreiben zu müssen. Eine natürliche Wellenbewegung anzuerkennen, entlastet.

Wie schwer empfinden Frauen Ihrer Erfahrung nach den Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Elternzeit?

Ragnhild Struss: Wie sich die Rückkehr in den Job gestaltet, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, die Frauen individuell unterschiedlich stark wahrnehmen. Zum einen kann es strukturelle Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg geben. Wer beispielsweise in einer Unternehmensberatung tätig war, wird nach der Elternzeit nicht wieder auf seine alte Position zurückkommen können. Die Rahmenbedingungen des Berufs – lange Arbeitszeiten, hohe Reisebereitschaft – machen das schlicht unmöglich. Zum anderen wirken finanzielle Faktoren auf den Wiedereinstieg ein. Wenn das Gehalt der Frau gerade einmal die Babysitterkosten aufwiegt, fällt mancher Mutter die Entscheidung für die Rückkehr in einen Job schwer. Darüber hinaus spielen innere Faktoren eine Rolle. Bei vielen Frauen gehen Schwangerschaft und Muttersein mit einer Werteverschiebung einher, sodass sich der Blick auf den Job ändert.

Vielen Dank für das Interview, Frau Struss.