0800 300 3009

Kostenlose Service-Hotline

finanzen.de Nachrichten immer gut informiert

Geschlechterquote: „Startschuss für Chancengleichheit in Arbeitswelt“

Die Frauen- oder Geschlechterquote ist in den größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands bereits umgesetzt. Ein Gesetz wirkt offenbar Wunder. Es zeigt auch, dass die Arbeitswelt nachhaltig verändert werden kann, so Monika Schulz-Strelow, Präsidentin der Organisation „Frauen in die Aufsichtsräte“ (FidAR). Diese Chance will sie nutzen.
Frauen müssen Unternehmensentscheidungen mitbestimmen dürfen
Monika Schulz-Strelow ist Präsidentin der Organisation FidAR Bild: Inga Haar

Die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern macht Fortschritte. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die erfolgreich eingeführte Frauenquote in den größten DAX-Unternehmen. Für die Umsetzung der Quote bedarf es jedoch offenbar Anreize oder Vorschriften durch den Gesetzgeber.

Die FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow setzt sich insbesondere für eine Geschlechterquote in den Aufsichtsräten von großen und kleinen Unternehmen ein. Denn dort werden die zentralen Unternehmensentscheidungen getroffen. „Frauen sollen nicht nur ein präsenteres Gesicht in der Arbeitswelt haben, sondern diese auch aktiv mitgestalten“, fordert Schulz-Strelow.

Die Frauen- beziehungsweise Geschlechterquote wurde 2015 für die größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands beschlossen. Was hat sich seither in den Chefetagen geändert? Welche notwendigen Änderungen stehen noch aus?

Schulz-Strelow: Die Einführung der Geschlechterquote hat bereits eine deutliche Wirkung erzielt. So haben alle Unternehmen, die dazu per Gesetz verpflichtet wurden, 2016 ihr Soll erfüllt. Das ist erfreulich. Leider gibt es aber auch Unternehmen, die die Quote schon vor dem Gesetz erfüllt hatten und jetzt in Stillstand verfallen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Geschlechterquote nicht zwingend und sofort zu umfassenden Änderungen der Unternehmenskultur führt. Sie ist ein Startschuss, um mehr Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt zu etablieren.

Dafür muss noch viel passieren. In den großen Unternehmen muss sich neben der Geschlechterquote jetzt durchsetzen, dass Frauen nicht nur in einst männlich dominierten Bereichen arbeiten können, sondern auch mitentscheiden dürfen. Kleinere Unternehmen sollten auch hier noch stärker ihren Beitrag leisten, obwohl sie nicht von dem Gesetz betroffen sind.

Unser Service
für Sie

Frau Schulz-Strelow, Sie engagieren sich mit FidAR auch für mehr Frauen in den Aufsichtsräten großer, privater und öffentlicher Unternehmen. Wie würde sich die Arbeitswelt der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch das Erreichen dieses Ziels verändern?

Schulz-Strelow: Gemischte Teams sind leistungsstärker, agiler und denken breiter. Gerade in einem Land wie Deutschland, dessen einzige Ressource Personal ist, können wir auf Frauen als gut ausgebildete Fachkräfte nicht verzichten. Damit diese wertvolle Ressource jedoch ihre volle Tatkraft entfalten kann, müssen sich einige – von Männern geprägte – Arbeitsstrukturen ändern.

Frauen wissen am besten, unter welche Bedingungen sie gut arbeiten können. Solange sie neben dem Beruf auch das Familienleben größtenteils managen, müssen sich die Arbeitsbedingungen an diese Bedürfnisse anpassen. Dazu zählen etwa flexiblere Arbeitszeiten, die mit Betreuungsaufgaben vereinbar sind, geteilte Führungspositionen, weniger Präsenzkultur und – das ist ganz wichtig – Lohngerechtigkeit.

Damit Frauen diese notwendigen Änderungen herbeiführen können, müssen sie auch zentrale Positionen besetzen, in denen Mitbestimmung möglich ist – das sind zum Beispiel die Ausschüsse im Aufsichtsrat, wo Frauen noch immer fehlen. All diese Veränderungen sind dabei genauso positiv für moderne Männer, die auch keine Lust auf starre Rollenklischees haben.

 

Geschlechter- oder Frauenquote kurz erklärt

Die Geschlechterquote, auch Frauenquote genannt, ist eine 2015 verabschiedete Regelung. Sie besagt, dass die größten DAX-Unternehmen einen Frauenanteil von 30 Prozent in den Aufsichtsräten erfüllen müssen.

Wie ist Ihre Erfahrung: In welcher Weise verändern sich Aufsichtsräte, wenn dort nicht ausschließlich Männer entscheiden?

Schulz-Strelow: In Aufsichtsräten saßen jahrzehntelang hauptsächlich bis ausschließlich Männer. Meist war der Vorsitzende auch der Wort- und Meinungsführer. Dadurch wurden Entscheidungen von einigen Wenigen gefällt und von den übrigen mitgetragen. Seit jedes Aufsichtsratsmitglied eigenständig für Entscheidungen haftet, ist diese männliche Konsenskultur abgeebbt. Doch intensiv diskutiert wird, meiner Erfahrung nach, immer noch nicht. Ich sehe immer wieder Männer, die während Sitzungen lieber auf ihr Handy gucken, als am Gespräch teilzunehmen.

Tauchen Frauen in den Sitzungen auf, betreten sie ein für sie neues Terrain. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie sich immer sehr gut auf Sitzungen vorbereiten. Sie stellen außerdem die kritischen und ungemütlichen Fragen. Mein Eindruck ist, dass die Sitzungen sehr von Frauen profitieren und an Qualität gewinnen.

Was versprechen Sie sich von der Geschlechterquote? (Welche drei Effekte sind Ihnen am wichtigsten?)

Schulz-Strelow: Frauen müssen ein integraler und normaler Bestandteil in Führungspositionen, Aufsichtsräten und Unternehmen sein. Eine Faustregel besagt, dass eine Minderheit erst dann vollständig anerkannt wird, wenn mindestens 30 Prozent von ihnen unter der Mehrheit lebt. Die 30 Prozent Geschlechterquote sind demnach eine gute Möglichkeit, um diesen Strukturwandel einzuläuten.

Damit mehr Frauen den Schritt in die Führungsetagen gehen, braucht es jedoch präsente Vorbilder, die zeigen, dass es möglich ist. Ich wünsche mir jedoch nicht nur mehr Vorbilder, sondern auch mehr Solidarität und Unterstützung von Frauen untereinander. Wir sollten nicht gegeneinander für einen Platz in einer männlichen Welt kämpfen, sondern miteinander für eine Arbeitswelt, wo alle Platz haben.

Der letzte Effekt, der mir besonders wichtig ist, ist die Lohngerechtigkeit. Wenn Frauen mitbestimmen, wer eingestellt wird, nehmen sie auch Einfluss auf das Gehalt der Bewerberin.

Vielen Dank für das Interview, Frau Schulz-Strelow.