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Ärztemangel: Medizinstudierende zweifeln an Landarztquote

Ärztemangel ist gerade in ländlichen Gebieten ein immer größeres Problem. Die Politik will dem unter anderem mit einer Landarztquote bei den Studienzulassungen entgegenwirken. Doch die heutigen Medizinstudenten sehen diese Lösung kritisch. Stattdessen fordern sie mehr Unterstützung für künftige Ärzte. Auch die Telemedizin kann helfen, die Versorgung auf dem Land zu gewährleisten.
Land ohne Landarzt: Diese Maßnahmen sollen gegen Ärztemangel helfen
Ärztemangel wird vor allem für ältere Patienten zum Problem

Bei gesundheitlichen Beschwerden schnell mal zum Hausarzt gehen – das ist für zahlreiche Menschen in Deutschland nicht ohne Weiteres möglich. Denn in ländlichen Regionen ist eine flächendeckende Versorgung mit Allgemeinmedizinern längst nicht mehr überall gewährleistet. Hausärzte, die sich zur Ruhe setzen, suchen zum Teil sehr lange nach einem Nachfolger und werden manchmal überhaupt nicht fündig. Praxen müssen dann geschlossen werden und Patienten haben lange Fahrtwege bis zum nächsten Hausarzt. Das Problem wird sich in den nächsten Jahren verschärfen, da vielerorts vor allem ältere Hausärzte praktizieren, die kurz vor dem Ruhestand stehen.

Gegen Ärztemangel: Die Politik hat einen Masterplan

Die Regierung will vor allem mit dem sogenannten Masterplan Medizinstudium 2020 dem Ärztemangel auf dem Land entgegensteuern. Dieser sieht unter anderem vor, dass bei der Studienzulassung ein bestimmter Teil der Studienplätze bevorzugt an diejenigen Bewerber vergeben wird, die sich bereit erklären, nach ihrem Studium auf dem Land tätig zu werden. Dabei sollen auch Bewerber einen Studienplatz erhalten, deren Abitur sonst nicht für die Zulassung gereicht hätte. Voraussichtlich im März dieses Jahres soll der Masterplan in einer Bund-Länder-Vereinbarung verabschiedet werden.

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Studenten sehen in Landarztquote das falsche Mittel

Dabei ist diese Landarztquote umstritten. Zum einen befürchten Experten neue Möglichkeiten, sich auf einen Studienplatz einzuklagen. Zum anderen wird dadurch die freie Berufswahl der Ärzte eingeschränkt. Auch die Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) sieht den Plan höchst kritisch. Gegenüber finanzen.de erklärt Sprecherin Carolin Siech die Bedenken der bvmd: „Wir Studierende sind davon überzeugt, dass mit einer Landarztquote lediglich die Gründe für den Landarztmangel kaschiert würden. Um dem Problem einer drohenden ärztlichen Unterversorgung in ländlichen Regionen zu begegnen, braucht es dagegen eine deutliche Steigerung der Attraktivität der Weiterbildungs- und Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte auf dem Land.“

Medizinstudenten scheuen sich vor wirtschaftlichem Risiko

Die Ärztevertretung Marburger Bund hat im MB-Studi-Barometer 2016 nachgeforscht, warum sich so wenige junge Mediziner für die Landarzttätigkeit entscheiden. Dazu wurden 1.756 Studierende befragt. Demnach ist es nicht allein die Arbeit im ländlichen Bereich, die künftige Ärzte abschreckt. Auch die Niederlassung als Hausarzt ist für zahlreiche Studenten als Perspektive unattraktiv. Als Gründe werden häufig „schlechtere finanzielle Bedingungen und zu viel Bürokratie“ genannt. In eine der Antworten heißt es beispielsweise: „Viele meiner Generation wollen später in einem Team arbeiten und häufig trauen sie sich nicht oder können sich schlicht nicht vorstellen, die Verantwortung als Einzelmensch für eine Praxis zu übernehmen.“

Entsprechend wollen nur 12 Prozent der Befragten später in einer Gemeinde oder Kleinstadt mit weniger als 20.000 Einwohnern arbeiten. Carolin Siech betont daher, dass der „Bürokratieabbau, angemessene Arbeitszeiten sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ wichtige Mittel sind, um eine flächendeckende ärztliche Versorgung in Zukunft sicherzustellen. Zudem müssen ausreichend Weiterbildungsangebote für Landärzte vorhanden sein, damit sich mehr Medizinstudierende für diesen Berufsweg entscheiden.

Telemedizin als Chance für die ärztliche Versorgung

Laut Carolin Siech gibt zusätzlich zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen weitere Möglichkeiten, die Versorgung auf dem Land zu stärken. Dazu gehört beispielsweise eine bessere Delegation der Aufgaben: „Denkbar ist zum Beispiel, dass qualifizierte Praxismitarbeiter vor Ort Wundfotos machen, die der Arzt über die Distanz hinweg auswerten kann, um dann in Echtzeit weitere Schritte vor Ort einzuleiten.“

Die Bundeskoordinatorin für Gesundheitspolitik der bvmd, Jana Aulenkamp, sieht in solchen telemedizinischen Versorgungsformen eine Chance für die „niedrigschwellige Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen“. Demnach können „Videosprechstunden eine sinnvolle Ergänzung sein, um sich weite Fahrtzeiten auf dem Land zu sparen, in welchen man nicht seiner ärztlichen Tätigkeit nachgehen kann.“ Nicht nur den Ärzten würden damit Fahrtwege erspart werden. Auch Patienten könnten auf lange Anfahrten verzichten.