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Ohne Zukunftsperspektive fehlt der Anreiz für gesunden Lebensstil

Um in Deutschland ein hohes Alter zu erreichen, muss man gut verdient haben. Denn Studien zeigen, dass die Lebenserwartung stark vom Einkommen abhängt: Wer wenig verdient, stirbt früher. Obwohl dies seit Jahren bekannt ist, hat sich an der gesundheitlichen Ungleichheit nichts geändert, kritisieren Maren Janella und Marion Amler vom Kongressteam Armut und Gesundheit.
Interview mit dem Kongress Armut und Gesundheit
Gesundheit muss Schwerpunkt und Aufgabe aller Politikbereiche werden

Seit 1995 versucht der Kongress Armut und Gesundheit ein Bewusstsein für die gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland zu schaffen. Denn noch immer ist die Lebenserwartung in Deutschland eng mit dem Einkommen, dem Bildungsstand und der beruflichen Stellung verknüpft. finanzen.de hat mit Maren Janella und Marion Amler vom Kongressteam Armut und Gesundheit darüber gesprochen, welche Maßnahmen notwendig sind, um die Ungleichheit zu beenden. Dabei wird deutlich: Eine bessere Gesundheit insbesondere für einkommensschwache Gruppen ist nur möglich, wenn sich alle Politikbereiche an dieser Aufgabe beteiligen.

Seit mehr als 20 Jahren findet der Kongress Armut und Gesundheit jährlich statt. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland entwickelt?

Maren Janella und Marion Amler: Wie Daten des Robert Koch-Instituts eindrucksvoll belegen, hat sich die gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland seit Jahrzehnten nicht verringert. Die Lebenserwartung zwischen Männern aus der niedrigsten Einkommensgruppe im Vergleich zu Männern aus der höchsten ist um elf Jahre geringer. Bei Frauen beträgt die Differenz immerhin acht Jahre. Betrachten wir die Anzahl der Lebensjahre, die bei guter oder sehr guter Gesundheit verbracht werden können, sind die Differenzen zwischen den Einkommensgruppen noch größer. Sie liegen für Männer bei 14 Jahren und für Frauen bei 10 Jahren. Diese Zahlen, die schon lange bekannt sind, zeigen, dass der Kongress nicht an Bedeutung verloren hat.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Maßnahme, um die gesundheitliche Ungleichheit zu beenden beziehungsweise die Abhängigkeit zwischen Einkommen und Gesundheit aufzulösen?

Maren Janella und Marion Amler: Es bedarf in erster Linie einer ehrlichen Diskussion um die Ursachen dieser Ungleichheiten. Dies ist die Voraussetzung für geeignete Handlungsempfehlungen. Noch immer werden Menschen vor allem für ihr eigenes Schicksal, in diesem Fall ihre schlechte Gesundheit, selbst verantwortlich gemacht, statt nach den gesellschaftlichen Faktoren zu suchen. Wenn Gesundheit zum Luxusthema wird, muss uns das als Gesellschaft interessieren. Nur so können wir gegensteuern.

Ein Kind, das auf die Ausgabe von Essen bei der Tafel angewiesen ist, ist in Deutschland beispielsweise keine Seltenheit. Jedes fünfte Kind gilt als armutsgefährdet – in einem reichen Land wie Deutschland. Das ist vermeidbar und deshalb so skandalös. Dabei geht es vor allem um das Stillen von Hunger und die gesellschaftliche Teilhabe, weniger um gesunde Ernährung. Hieran wird auch deutlich, dass nicht der Gesundheitsbereich alleine für die Gesundheit der Menschen verantwortlich sein kann. Wir sprechen vom sogenannten „Health in all policies“: Gesundheit muss Schwerpunkt und Aufgabe aller Politikbereiche werden.

Als stigmatisierungsarmer und guter Zugang zu allen Menschen hat sich der „Setting-Ansatz“ bewährt. Hierunter verstehen wir die gesunde Gestaltung von Lebenswelten (etwa Kitas, Schulen, Betriebe). Finde ich hier Bedingungen vor, die mir guttun (beispielsweise saubere Spielplätze, Parkanlagen, aber auch Orte für die Begegnung mit anderen und Möglichkeiten, mein Umfeld mitzugestalten), wirkt sich das sehr positiv auf meine Gesundheit aus. Die gesündere Entscheidung wird mir zur leichteren Entscheidung gemacht.

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Beim 22. Kongress Armut und Gesundheit Mitte März stand das Thema „Gesundheit solidarisch gestalten“ im Mittelpunkt. Welche wichtigen Anregungen wurden zusammengetragen, um das zu erreichen?

Maren Janella und Marion Amler: Auch in diesem Jahr haben wieder mehr als 2.000 Interessierte unseren Kongress besucht. Dies zeigt, dass der Schwerpunkt „Solidarität“ einen Nerv getroffen hat. Natürlich ist es unmöglich, in wenigen Worten die zentralen Befunde der insgesamt 121 Veranstaltungen wiederzugeben. Deshalb nur einige Beispiele:

Besonders beeindruckend waren die Ausführungen des Eröffnungsredners Prof. Richard G. Wilkinson. Seine Forschungen verdeutlichen, dass nicht nur der eigene Stand auf der gesellschaftlichen Stufenleiter die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger beeinflusst, sondern auch die Länge dieser Stufenleiter. Mit steigender (Einkommens-)Ungleichheit nehmen gesundheitliche und soziale Probleme wie Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum, Kindersterblichkeit, Übergewicht, sowie psychische Erkrankungen deutlich zu. Das heißt, dass der Abbau von Ungleichheiten der beste Weg zur Verbesserung unserer sozialen Lebenswelt und damit der Lebensqualität für alle ist.

Darüber hinaus ist ein Leben in Armut immer verbunden mit Demütigungen, anhaltenden Ohnmachtsgefühlen und Existenzängsten. Oft ist es auch eines ohne zukunftsgerichteten Blick. Wenn ich selbst keine Lebensperspektive habe, etwa weil ich die Miete am Monatsende nicht bezahlen kann, dann interessiert es mich herzlich wenig, ob mir das Rauchen in 20 Jahren sehr wahrscheinlich zum Verhängnis wird. Wie Prof. Rolf Rosenbrock pointiert formulierte: „Die beste Prävention ist die Lust auf die eigene Zukunft.“

Zu Ihren Partnern zählen einige gesetzliche Krankenkassen. Welche Verantwortung trägt die gesetzliche Krankenversicherung, wenn es darum geht, gesundheitliche Probleme gemeinsam zu bestreiten?

© Gesundheit Berlin-Brandenburg/Foto: André Wagenzik

Maren Janella und Marion Amler: Mit Verabschiedung des Präventionsgesetzes 2015 wurde den Krankenkassen die alleinige Verantwortung für die Ausgestaltung von Gesundheitsförderung und Prävention übertragen. Dass zugleich die Mittel für Gesundheitsförderung und Prävention in Settings fast verdreifacht wurden, ist sehr erfreulich. Schwierig daran ist allerdings, dass das Wettbewerbsprinzip zwischen den Krankenkassen sich nun an eben dieser Stelle in eine Kooperation umkehren soll. Denn das Gesetz fördert explizit die kassenübergreifenden Aktivitäten. Dies ist gerade in der Anfangszeit mit Schwierigkeiten verbunden. Zu wünschen bleibt, dass das Gesetz gelebte Kooperationen – zwischen den Kassen ebenso wie zwischen einzelnen Ressorts – fördert.

Darüber hinaus ist sehr entscheidend, dass die Partnerinnen und Partner, die sich ebenfalls in dem Feld der sogenannten nichtmedizinischen Primärprävention tummeln und ausgewiesene Expertisen mitbringen, miteinbezogen werden.

Der diesjährige Kongress hat wiederum sehr eindrücklich gezeigt, dass es viele Engagierte gibt, die sich für ein solidarisches Miteinander einsetzen. Auch der Kongress selbst ist eine Gemeinschaftsinitiative, die ohne den Einsatz unzähliger Menschen nicht umsetzbar wäre.

Vielen Dank für das Interview, Frau Amler und Frau Janella.