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„Studiengebühren verschärfen die soziale Selektivität“

In Deutschland erwerben immer mehr Schülerinnen und Schüler die allgemeine Hochschulreife oder ihr Fachabitur. Viele der Absolventen möchten danach an einer Universität weiterlernen. Da sich jedoch nicht alle motivierten Abiturienten ein Studium leisten können, gibt es finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten. Doch nicht jeder, der sie benötigt, hat Anspruch darauf.
Mandy Gratz ist Vorstandsvorsitzende des fzs
Mandy Gratz kämpft für Chancengleichheit für Studierende

Der Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen wird im Wesentlichen durch zwei Voraussetzungen reguliert. Zum einen müssen Schüler ihr Abitur oder Fachabitur bestehen. Zum anderen hängt die Studienfachwahl eng mit dem Notendurchschnitt des Abiturzeugnisses zusammen. Denn die Plätze in einigen Studienfächern wie Medizin und Psychologie werden nach dem sogenannten Numerus Clausus (NC) an die besten Absolventen vergeben. Die Vorstandsvorsitzende des freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften, Mandy Gratz, sieht jedoch noch einen weiteren Faktor, der in Deutschland eine wesentliche Rolle bei den Voraussetzungen für ein Studium spielt: der finanzielle Hintergrund der Studieninteressierten. Dieser hat oft einen großen Einfluss darauf, ob sich junge Menschen überhaupt für ein Studium entscheiden.

Der freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften engagiert sich für einen freien Zugang zu Bildung. Was sind Ihre drei zentralen Forderungen?

Mandy Gratz: Ein freier Zugang zu Bildung bedeutet für uns keine Studiengebühren und ein elternunabhängiges BAföG als Vollzuschuss, sodass nichts davon zurückbezahlt werden muss und nicht der Geldbeutel bei der Entscheidung für ein Studium eine Rolle spielt. Außerdem fordern wir eine Ausfinanzierung der Hochschulen mit dem Ziel, dass alle Zulassungsbeschränkungen für Studiengänge aufgehoben werden und nicht mehr die Abiturnote über die Studienwahl mitentscheidet.

Für Studierende gibt es verschiedene finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten. Warum hat in Ihren Augen trotzdem nicht jeder die Chance, sich ein Studium zu ermöglichen?

Mandy Gratz: In Deutschland spielt die soziale Herkunft immer noch eine entscheidende Rolle, wenn es um den Bildungsweg von Menschen geht. Das Einkommen und die Tätigkeit der Eltern bestimmen mit darüber, ob die Kinder studieren oder nicht. Wenn die Eltern nicht studiert haben, verringern sich die Chancen, selbst zu studieren. Außerdem gibt es das sogenannte ‚Mittelstandsloch‘ in der Studienfinanzierung. Viele Studierende erhalten keine Ausbildungsförderung (BAföG), weil ihre Eltern angeblich zu viel verdienen. In der Realität reicht das Einkommen der Eltern aber oft nicht, um die Kinder beim Studium zu finanzieren.

Ein weiteres Hindernis für echte Chancengleichheit an den Hochschulen sind Zusatzkosten, die in bestimmten Studienfächern anfallen. Der Zugang zu Laboren kostet oft Geld, viele Lehrbücher sind teuer und müssen immer auf dem aktuellsten Stand sein, Materialien für Präparate müssen aus der eigenen Tasche finanziert werden und so weiter. Die finanzielle Situation entscheidet also bei jedem Schritt im Bildungssystem mit.

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Was muss eine Ausbildungsfinanzierung leisten, die jedem ein sorgenfreies Studium bietet?

Mandy Gratz: Ein finanziell sorgenfreies Studium zeichnet sich ganz einfach dadurch aus, dass das Geld zum Leben und Studieren reicht – egal wo und was man studiert. Die Studienfinanzierung sollte unabhängig von Studienerfolg und -geschwindigkeit sein, damit nicht bestandene Prüfungen zu keiner finanziellen Existenzkrise werden. Zu guter Letzt ermöglicht eine elternunabhängige Finanzierung des Studiums eine wirklich unabhängige und sorgenfreie Studienzeit, weil die Beziehung zwischen Eltern und Studierenden freiwilliger wird und dadurch meist auch entspannter.

Welche Rolle spielt Ihrer Erfahrung nach finanzielle Sicherheit während des Studiums für den Studienerfolg?

Mandy Gratz: Existenznöte und finanzielle Sorgen belasten ein Studium sehr. Wer diese Nöte nicht kennt und nicht hat, studiert angstfreier und traut sich mehr. Über 60 Prozent der Studierenden verdienen sich mit einem Nebenjob etwas dazu. Das hat natürlich viele Motive, wird aber dann zum Problem, wenn die Existenzsicherung vom Nebenjob abhängt. Wer nicht arbeiten muss oder sich nicht zu sorgen braucht, ob das Geld für die Miete reicht, hat mehr Zeit und größere Freiräume, um sich dem Studium zu widmen. Die Chancen, Erfolg und Spaß im Studium zu haben, steigen also, wenn das Studium finanziell abgesichert ist.

In den Koalitionsgesprächen für die Regierungsbildung in NRW sprechen CDU und FDP aktuell darüber, Studiengebühren wieder einzuführen. Welche Konsequenzen befürchten Sie, wenn es tatsächlich dazu kommt?

Mandy Gratz: Wer Studiengebühren einführt, will, dass der Geldbeutel mit über die Aufnahme eines Studiums entscheidet. Studiengebühren jeder Art verschärfen die soziale Selektivität. Denn dann können sich nur diejenigen ein Studium leisten, welche die Gebühren zahlen können. Natürlich kann jeder einen Kredit aufnehmen. Aber wer aus prekären finanziellen Verhältnissen kommt, schreckt verständlicherweise vor Schulden zurück. Die Studiengebühren, wie sie in NRW durch CDU und FDP angedacht sind, werden sich negativ auf die Diversität auf dem Campus auswirken. Damit werden Hochschulen wieder vermehrt zu Elfenbeintürmen.

Vielen Dank für das Interview, Mandy Gratz.