Die Zukunft der Pflege in Deutschland

In den kommenden Jahren wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland drastisch steigen. Wie die Bevölkerung auf den wachsenden Pflegebedarf vorbereitet ist und was sich in der Pflegepraxis künftig ändern sollte, erklärt Prof. Christel Bienstein im Interview. Sie leitet das Departement für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke und erhielt im Jahr 2011 den Pflegepreis des Deutschen Pflegerates (DPR) für ihre innovativen Impulse und die Verbesserung der Pflegepraxis.

Pflegeversicherung Interview - Christel Bienstein
Prof. Christel Bienstein,
Departmentleiterin der Fakultät für
Gesundheit an der Universität
Witten/Herdecke

Frau Prof. Bienstein, Ihr Lehrgebiet stellt hierzulande eine noch recht junge akademische Disziplin dar. Was können die Studentinnen und Studenten der Pflegewissenschaft bei Ihnen lernen?

Mit unseren pflegewissenschaftlichen Studiengängen stellen wir bereits seit 1996 sicher, dass in Deutschland nicht mehr einfach so „drauflosgepflegt“ wird. Wir qualifizieren Pflegefachkräfte, indem wir ihnen strukturiertes und fachlich fundiertes Wissen vermitteln. Die Studierenden werden in die Lage versetzt, neue Erkenntnisse in der Pflege kritisch zu hinterfragen und auf Praxistauglichkeit zu überprüfen. Man kann sagen, dass wir sehr erfolgreich Pflegeexperten ausbilden, die die Pflege reflektiert steuern und verbessern können.

Die Pflegewissenschaft ist dabei ein äußerst breites Feld. Es geht  nicht nur um den menschenwürdigen Umgang mit pflegebedürftigen und demenzkranken Menschen, sondern auch um die Versorgung pflegender Angehöriger. Wir fragen uns unter anderem, wie die Pflege in den Kommunen besser gestaltet werden kann. Angesichts des demographischen Wandels braucht unsere Gesellschaft qualifizierte Pflegekräfte, die Veränderungsprozesse in der Pflege anstoßen und optimal gestalten können.

In der Pflegebranche ist der Fachkräftemangel ein sehr aktuelles Thema. Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um einem Personalmangel – gerade vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl an Pflegebedürftigen – entgegenzuwirken?

Wir müssen unbedingt das pflegerische Engagement in den Familien stärken. Alte Menschen haben das Bedürfnis, möglichst lange in der ihnen vertrauten Umgebung leben zu können. Damit das aber auch für die pflegenden Angehörigen funktioniert, sind bessere Konzepte gefragt. Wir haben beispielsweise ein Projekt initiiert, bei dem die Mitarbeiter eines Krankenhauses ihre pflegebedürftigen Angehörigen während der Arbeitszeit in die Klinik mitbringen können. So muss nicht jeder Demenzkranke sofort nach der Diagnose ins Altenheim einziehen.

Zudem brauchen wir in der Pflege und für die Pflegeberatung mehr Menschen, die mithelfen. Ich denke da beispielsweise an Friseure, die – sofern sie in ihrer Berufsausbildung darauf vorbereitet wurden – ihre ältere und hilfsbedürftige Kundschaft auf Unterstützungsangebote hinweisen könnten. Wir müssen die Betroffenen dort erreichen, wo sie hingehen. Deswegen brauchen wir Pflegeexperten im Aldi und gute, qualifizierte Pflegestützpunkte in den Einkaufsmeilen. Wir werden da noch viel tun müssen, um die Bevölkerung einzubeziehen.

Welche Veränderungen werden und müssen im Bereich der Pflege in den nächsten Jahren außerdem auf unsere Gesellschaft zukommen?

Ich wünsche mir eine bundesweite, zentrale Rufnummer, bei der die Bürgerinnen und Bürger bei pflegerischen Fragestellungen jederzeit kompetente Unterstützung erhalten. Aktuell leiden wir in Deutschland an einem völlig zersplitterten Beratungssystem. Pflegebedürftige und deren Angehörige wissen oftmals gar nicht, wohin sie sich wenden sollen oder wie man zum Beispiel einen Antrag auf finanzielle Unterstützung stellt. Wir können nicht erwarten, dass diese Beratungsaufgabe allein von den Ärzten übernommen wird. Ich sehe da einen dringenden Handlungsbedarf, der am Ende auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll sein wird.

Ich halte es für eine wichtige Aufgabe, mehr Wissen über die Pflege in die Öffentlichkeit zu tragen. Das fängt in den Schulen an, wo über das Thema gesprochen werden muss. Letztlich muss es für jeden Einzelnen selbstverständlich werden, sich sozial zu engagieren.

An Ihrer Hochschule wird auch der Masterstudiengang "Versorgung von Menschen mit Demenz" angeboten. Welche konkreten Vorschläge und Ideen werden dort gelehrt, um Menschen mit Demenz künftig bedarfsgerechter zu versorgen?

Pflege lässt sich ja nicht nur auf den Pflegesektor beschränken, sondern ist vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Aus diesem Grund werden in unserem Studiengang verschiedene Berufsgruppen zusammengeführt, um Ideen und Impulse für neue und verbesserte Versorgungsmodelle zu generieren. Architekten, Mathematiker und Mitarbeiter der Stadtverwaltung – sie alle können mithelfen, die Pflege in Zukunft bedarfsgerechter zu gestalten. Unsere Studierenden sind da sehr kreativ und erarbeiten unter anderem neue, innovative Wohnmodelle. Dabei geht es im Detail dann beispielsweise auch um die Frage, welches Licht, welche Ernährung oder welche technischen Geräte für demenziell erkrankte Menschen geeignet sind. Nur die disziplinübergreifende Zusammenarbeit wird am Ende zu einer besseren Versorgung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen führen.

Ihre Studenten absolvieren im Rahmen des Studiums auch Auslandaufenthalte. Von welchen Ländern kann sich Deutschland im Bereich der Pflege etwas abgucken und in welcher Hinsicht können wir vom Ausland lernen?

Führend in der Patientenversorgung und auch in der Patientenaufklärung sind die Amerikaner. In den Staaten gibt es zum Beispiel nachweislich weniger Infektionen und Stürze von Pflegebedürftigen. Da können wir hierzulande sicherlich noch einiges lernen. Auch die skandinavischen Länder verfügen über eine sehr hohe pflegerische Expertise. Das liegt wohl vor allem auch daran, dass in diesen Länder bereits seit langer Zeit Pflegestudiengänge angeboten werden.

Frau Prof. Bienstein, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

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