Interview

Dr. Daniel Schneider wünscht sich mehr Mut für Telemedizin in Deutschland

  • Corona-Pandemie ist Katalysator für bekanntheit der Videosprechstunde
  • In Deutschland steht die Digitalisierung des Gesundheitswesens noch am Anfang
  • Patienten werden zwischen digitalen und analogen Angeboten frei wählen

Entstehung, Entwicklung und Ausblick

Mit der Zulassung der Fernbehandlung 2018 wurde der Grundstein für Videosprechstunden in Deutschland gelegt. Was waren die größten Schwierigkeiten und was sind derzeit die größten Hindernisse der Videosprechstunde?

Telemedizin ist für viele Patienten in Deutschland noch neu. Was der Telemedizin in Deutschland aktuell in erster Linie noch fehlt, ist die Bekanntheit – die Corona-Pandemie war in dieser Hinsicht ein Katalysator und hat vielen die Möglichkeiten und Vorteile von Video-Sprechstunden erst vor Augen geführt. Mittlerweile können sich – so die Ergebnisse einer aktuellen Befragung – rund die Hälfte der befragten Deutschen die Nutzung von Video-Sprechstunden vorstellen. 

Eine Hürde, die wir ebenfalls genommen haben, ist die Erstattungsfähigkeit der Video-Sprechstunden durch alle Krankenkassen. Nun können alle Versicherten in Deutschland gleichermaßen kostenfrei das Angebot von KRY nutzen. Wir sind sicher, dass wir nun nach und nach mehr Patienten von den Vorteilen einer Video-Sprechstunde überzeugen können. 

Was fehlt, um eine Behandlung vollständig remote durchzuführen?

(e-Rezept, e-Krankschreibung, Apps auf Rezept, andere)

In Deutschland steht die Digitalisierung des Gesundheitswesens noch am Anfang, da zentrale Elemente noch nicht geregelt sind – zum Beispiel das eRezept und die Verschreibung von Gesundheits-Apps. Für den Patienten kann hier noch vieles verbessert werden, um eine hürdenlose Nutzung von digitalen Gesundheitsleistungen zu ermöglichen. 

Denkt man diese Aspekte zusammen, wird deutlich, dass das Potenzial von Telemedizin innerhalb des Gesundheitssystem noch lange nicht ausgeschöpft ist. Dass hier schnelle und flexible Lösungen gefunden werden können, hat die Pandemie bewiesen, beispielsweise in der Lockerung der 20 Prozent Beschränkung auf telemedizinische Leistungen in der Abrechnung durch Kassenärzte.

Die regulatorische Infrastruktur muss weiter angepasst werden – zum Wohle des Patienten. Unsere Vision bei KRY ist es, die Möglichkeiten der Digitalisierung für eine bessere und einfachere Gesundheitsversorgung zu nutzen, um allen Versicherten einen schnellen, einfachen und hochwertigen Zugang zu medizinischer Versorgung zu ermöglichen.

Sind Sie auch in weiteren Ländern aktiv? Wenn ja, welches Land ist Ihrer Meinung nach Vorreiter und warum?

Ja, wir bieten Video-Sprechstunden nicht nur in Deutschland, sondern auch in Schweden, UK und Frankreich an. Mit 2,2 Millionen durchgeführten Video-Sprechstunden in diesen Ländern ist KRY der europäische Marktführer in diesem Segment. 

Der Blick in unser Heimatland Schweden zeigt eindrücklich, wie sich die Video-Sprechstunden von KRY innerhalb kurzer Zeit als wichtiger Baustein der Gesundheitsversorgung etabliert haben und wie groß die Vorteile sind – ob für Familien, chronisch Kranke oder Personen in ländlichen Gebieten. 

Welche Partner haben Sie bei der Einführung von Videosprechstunden unterstützt? (Versicherer, Ärzte, Politik, andere)

Jeder Arzt, der mit uns seit unserem Start im Dezember 2019 gearbeitet hat, war für uns ein wichtiger Partner, um Video-Sprechstunden für deutsche Patienten zu ermöglichen. Gemeinsam zu erarbeiten, wie man medizinische Qualität in diesem neuen Umfeld gewährleistet, war und ist für uns wichtig.

Unter welchen Voraussetzungen werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen?

Die Kosten der Video-Sprechstunden von KRY werden von allen deutschen Krankenkassen getragen. 

Wie schätzen Sie die künftige Entwicklung in Deutschland ein und wo werden wir 2025 stehen?

Die Prognose ist gut: In einer aktuellen Umfrage von Bitkom gab fast die Hälfte der Befragten an, sich die Nutzung von Video-Sprechstunden vorstellen zu können. 

KRY kann das Gesundheitssystem dort entlasten, wo es entlastet werden kann und sollte. Dabei behält die Praxis vor Ort weiterhin eine zentrale Bedeutung. Video-Sprechstunden werden das Behandlungsangebot ergänzen, um das Potenzial der Digitalisierung auszuschöpfen. Telemedizin hilft, Arztbesuche zu vermeiden, wenn keine körperliche Behandlung nötig ist. Die Praxen werden dadurch entlastet und können sich um diejenigen Patienten kümmern, die eine Vor-Ort-Behandlung benötigen.

Wir sind uns somit sicher, dass telemedizinische Beratungsleistungen, wie KRY sie anbietet, in der Zukunft als ein selbstverständlicher Baustein des ärztlichen Portfolios etablieren werden. Mit Blick auf 2025 erwarten wir, dass sich Patienten ohne großen Aufwand zwischen digitalen und analogen Angeboten bewegen und – wie heute schon in anderen Lebensfeldern – die digitalen Hilfsmittel auch in der Gesundheitswelt Normalität geworden sind.

Technik

Welche technischen Voraussetzungen müssen Ärzte und Patienten zur Wahrnehmung der Videosprechstunde mitbringen?

Die technischen Voraussetzungen sind denkbar gering: Patienten können die KRY App auf Ihrem Smartphone oder Tablet nutzen. Unsere Partner-Ärzte führen die Video-Sprechstunde und die vor- und nachgelagerten Schritte über eine leicht zu bedienende Software am PC durch. 

Wie viele Ärzte haben Sie in Ihrem Netzwerk?

Die Zahl der Ärzte mit denen KRY in Deutschland zusammenarbeitet, liegt im zweistelligen Bereich. So bietet KRY den Patienten eine schnelle Reaktionszeit, da sie nie länger als eine halbe Stunde auf ihr Arztgespräch warten. Alle Ärzte bei KRY sind in Deutschland zugelassen und haben langjährige Praxis-Erfahrung. 

Soll das System noch ausgebaut werden und wenn ja, wie?

Seit August werden die Kosten für die KRY Online-Sprechstunden von allen Krankenkassen in Deutschland übernommen. Das war für uns ein wichtiger Schritt und wir konzentrieren uns nun erstmal darauf unser Netzwerk an Partner-Ärzten auszubauen und Patienten davon zu überzeugen, dass sie mit den Video-Sprechstunden von KRY schnell und unkompliziert medizinische Hilfe auf hohem Niveau erhalten.   

Zahlen und Fakten

Seit wann besteht die KRY International AB bzw. seit wann sind Sie auf dem deutschen Markt aktiv?

Das E-Health Unternehmen KRY startete 2014 in Schweden. Seit Dezember 2019 bietet KRY auch in Deutschland in Zusammenarbeit mit deutschen Ärzten Video-Sprechstunden an.

Wie haben sich Ihre Nutzerzahlen seitdem entwickelt?

Die Zeit, seit der wir in Deutschland Video-Sprechstunden anbieten, ist geprägt durch die Corona-Pandemie: Zur Hochphase der Corona-Pandemie gab es eine stark gewachsene Nachfrage von Patienten, unsere Video-Sprechstunden zu nutzen: Die Zahl der Video-Termine ist beispielsweise von Februar auf März um mehr als 350 Prozent gestiegen. Diese starken Zuwächse ergeben sich sicher auch aus den kostenfreien Angeboten von KRY: Um das Gesundheitssystem zu entlasten, bieten wir (auch weiterhin) allen Patienten mit COVID-19-Symptomen via App kostenfrei einen Symptom-Check sowie Video-Sprechstunden an. 

Viele Menschen sind außerdem dem Rat offizieller Stellen gefolgt und entlasten Wartezimmer – auch um sich selbst und andere vor Infektionen zu schützen. 

Seit August werden die Kosten der KRY Video-Sprechstunden zudem von allen Krankenkassen in Deutschland übernommen, sodass nun alle deutschen Patienten unser Angebot ohne Zusatzkosten wahrnehmen können. Mit diesem wichtigen Schritt können wir jetzt in Deutschland durchstarten und Patienten von den Vorteilen des digitalen Arztbesuchs bei KRY überzeugen. Wir sehen schon in den ersten Tagen mit diesem Angebot, dass die Nachfrage rasant ansteigt.

Wie zufrieden sind die Nutzer?

Wir erleben, dass die Patienten Video-Sprechstunde allgemein und unseren Service im Besonderen sehr zu schätzen wissen. Unser Appstore-Rating bewegt sich konstant mit 4.8/4.9 von 5 Sternen am oberen Ende des möglichen. Auch das tägliche Feedback, dass wir bekommen belegt, dass wir an vielen Stellen schnelle und zuverlässigen medizinischen Rat bieten können, und die Einfachheit und Schnelligkeit sehr geschätzt wird.

Welches Feedback bekommen Sie von den angeschlossenen Ärzten?

Wir erhalten nicht nur von Patienten positives Feedback, sondern auch die Resonanz von Ärzten ist durchweg positiv. 

Wir verstehen uns nicht als Ärzte-Verzeichnis, sondern als eine Online-Praxis mit einem ausgewählten Ärzte-Team. Alle Ärzte, die mit KRY zusammenarbeiten, sind in Deutschland niedergelassen und haben jahrelange Praxiserfahrung. Wir begleiten unsere Partnerärzte – egal ob bei technischen oder fachlichen Fragen. Mit einem engen medizinischen Austausch im Ärztenetzwerk und Weiterbildungsangeboten werden wir unserem Anspruch gerecht, die höchstmögliche Qualität sicherzustellen. 

Viele Ärzte erkennen in dem Angebot einer Video-Sprechstunde einen Mehrwert – einerseits für das Portfolio ihrer Praxis, andererseits für ihre eigene Work-Life-Balance. Video-Sprechstunden können flexibel vereinbart werden und sind örtlich ungebunden. Zusätzlich kann das Angebot die Auslastung und Effizienz der eigenen Praxis steigern und man kann neue Patienten dazu gewinnen. Durch die neue Abrechenbarkeit der Video-Sprechstunde durch alle Kassen ergeben sich zudem attraktive Verdienstmöglichkeiten gemäß GOÄ bzw. EBM. 

Welche Krankheiten werden am meisten über Videosprechstunden behandelt?

Über eine KRY Video-Sprechstunde kann eine Beratung zu zahlreichen unterschiedlichen Erkrankungen erfolgen: Typische Beschwerden sind Erkältungssymptome, Allergien, aber auch Hauterkrankungen und chronische Krankheitsbilder. Häufig wünschen Patienten auch die Ausstellung von Folgerezepten oder suchen Rat bei Kinderkrankheiten.

  • Dr. Daniel Schneider - General Manager KRY

    Dr. Daniel Schneider

    General Manager Deutschland KRY

Er verantwortet in seiner Position die Geschicke des Unternehmens auf dem deutschen Markt. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler und Politologe war zuletzt bei Oetker Digital als Geschäftsführer tätig. Dort baute er ein Team entlang aller digitalen Disziplinen auf und leitete die Produktentwicklung.

Seine Expertise liegt unter anderem in der Entwicklung von nutzerzentrierten Produkten und der digitalen Transformation von Märkten.