Interview

Katharina Jünger sieht große Potenziale für die Videosprechstunde

  • Seitens der Patienten ist die Nachfrage riesig
  • Einheitliche Lösungen sind zwingend erforderlich
  • Arztbesuche und Videosprechstunden werden parallel laufen

Entstehung, Entwicklung und Ausblick

Mit der Zulassung der Fernbehandlung 2018 wurde der Grundstein für Videosprechstunden in Deutschland gelegt. Was waren die größten Schwierigkeiten und was sind derzeit die größten Hindernisse der Videosprechstunde?

Als TeleClinic 2015 gegründet wurde, waren Fernbehandlungen noch nicht zugelassen und es gab viele Vorbehalte gegenüber der Idee, die zum Beispiel in den USA und Skandinavien weit verbreitet war. In den ersten Jahren haben wir viel Überzeugungsarbeit geleistet. Außerdem mussten wir natürlich auch die Plattform entwickeln, die allen Bedürfnissen (vor allem Datensicherheit, usability für Ärzte, Patienten und Apotheker) auf höchstem Standard nachkommt.

Seitens der Patienten ist die Nachfrage riesig, aufgrund der Pandemie und der kostenfreien Corona-Behandlungen, die wir zur Verfügung gestellt haben, ist das Interesse in den letzten Monaten noch mal drastisch gestiegen. 

Außerdem haben wir im Mai 2020 einen unserer wichtigsten Meilensteine erreicht, wir können jetzt auch für Gesetzlich Versicherte die Sprechstunden kostenfrei zur Verfügung stellen. Unsere größte Herausforderung ist seither, unser Netzwerk an Ärzten zu vergrößern, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Was fehlt, um eine Behandlung vollständig remote durchzuführen? (e-Rezept, e-Krankschreibung, Apps auf Rezept, andere)

Bisher fehlt es leider noch an einer einheitlichen Lösung für das digitale Kassenrezept, hier warten wir auf die Einführung des offiziellen, staatlich definierten E-Rezepts, das im Patientendaten-Schutzgesetz für den Januar 2021 vorgesehen ist. 

Sind Sie auch in weiteren Ländern aktiv? Wenn ja, welches Land ist Ihrer Meinung nach Vorreiter und warum?

nein 

Welche Partner haben Sie bei der Einführung von Videosprechstunden unterstützt? (Versicherer, Ärzte, Politik, andere)

Ohne unsere Partner hätten wir die Idee von TeleClinic nie umsetzen können! Das deutsche Gesundheitssystem ist hochkomplex und zurecht einer starken Kontrolle unterlegen, hier geht es schließlich um die Gesundheit der Menschen. Als Partner haben mit uns private und gesetzliche Krankenversicherungen, Apothekerverbände, Ärztekammern, Interessenverbände zur Digitalisierung, und viele, viele Einzelpersonen aus der Gesundheitsversorgung und -politik gearbeitet. 

Unter welchen Voraussetzungen werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen?

Seit dem 28. Mai können alle in Deutschland krankenversicherten Menschen unsere Videosprechstunden über ihre Krankenkassen abrechnen. Zuvor war unsere Leistung für Privatversicherte unserer Partnerkrankenkassen und für Selbstzahler verfügbar. Wir sind wahnsinnig stolz darauf, diesen Service als erstes Unternehmen in Deutschland anbieten zu können.

Wie schätzen Sie die künftige Entwicklung in Deutschland ein und wo werden wir 2025 stehen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine Zeitenwende in der medizinischen Versorgung erleben. Wir müssen gar nicht bis zum Jahr 2025 warten, ich gehe davon aus, dass schon Ende dieses Jahres noch mehr Menschen ganz selbstverständlich die Videosprechstunde nutzen werden. Im Jahr 2025 werden wir die Versorgung so aufgestellt haben, dass die Sprechstunde in der Praxis und die beim Online-Arzt ganz entspannt nebeneinander laufen, je nach Fall werden die Patienten sich für die eine oder die andere Form entscheiden.

Technik

Welche technischen Voraussetzungen müssen Ärzte und Patienten zur Wahrnehmung der Videosprechstunde mitbringen?

Die Patienten können sich einfach über ihr Smartphone, Computer oder Tablet ein Profil anlegen. Als teilnehmender Arzt benötigen Sie lediglich ein Handy und einen Computer mit Internet, Kamera und Ton. 

Wie viele Ärzte haben Sie in Ihrem Netzwerk?

 Im Moment etwa 220. Wir werben aktuell aber stark um neue Kollegen, denn die Nachfrage seitens der Patienten ist riesig.

Soll das System noch ausgebaut werden und wenn ja, wie?

Seit Juli 2020 gehören wir zur Zur Rose-Gruppe. Zusammen mit der Tochter DocMorris entwickeln wir eine digitale Plattform-Strategie, die die Patienten von der Diagnose bis zum Medikament betreut.

Zahlen und Fakten

Seit wann besteht die TeleClinic GmbH bzw. seit wann sind Sie auf dem deutschen Markt aktiv?

Wir haben TeleClinic 2015 gegründet. 

Wie haben sich Ihre Nutzerzahlen seitdem entwickelt?

Sie explodieren! Die Entwicklung der Zahlen lässt sich nicht linear darstellen, denn bis 2018 waren wir nur in Pilotprojekten für begrenzte Anzahlen von Patienten verfügbar, danach nur mit Selbstzahlung und für Privatversicherte. Die Nutzer sind kontinuierlich gestiegen, seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und dem Launch für Kassenpatienten haben wir einen großen Sprung gemacht. Bisher haben wir rund 300.000 registrierte Nutzer und etwa 100.000 Behandlungen durchgeführt.

Wie zufrieden sind die Nutzer?

 In den Bewertungen in den App-Shops ranken die User uns bei 4.8. Das ist das eindeutigste quantitative Feedback, das wir bekommen. Viele unserer Ärzte und auch unser medizinisches Personal bekommen aber auch sehr positives individuelles Feedback.

Welches Feedback bekommen Sie von den angeschlossenen Ärzten?

 Für die Ärzte ist der größte Vorteil, dass wir uns um alles Technische und Administrative kümmern. So können sie sich ganz auf ihre medizinische Behandlung konzentrieren. Außerdem schätzen sie die Zuverdienstmöglichkeit, die gerade bei Ärzten in ländlichen Regionen ein wichtiges Standbein ist.

Welche Krankheiten werden am meisten über Videosprechstunden behandelt?

Zu häufigsten Anliegen, mit denen sich Patient*innen an TeleClinic wenden, zählen: Verhütung, Durchfall, Grippaler Infekt, Blasenentzündung, Husten, Bluthochdruck und Erektile Dysfunktion

  • Katharina Jünger

    Gründerin & CEO von Teleclinic

Als CEO ist Katharina die treibende Kraft hinter Teleclinic und setzt sich täglich dafür ein durch digitale Arztbesuche jedem Menschen eine bessere Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Durch ihre Ärztefamilie konnte Sie sich schon früh von den Vorteilen eines allzeit verfügbaren ärztlichen Rats überzeugen.

Einen Zustand, den Sie auch anderen ermöglichen wollte. Aus diesem Wunsch heraus ist letztendlich Teleclinic entstanden. Als studierte Juristin bringt Katharina des Weiteren das nötige rechtliche Wissen mit, um regulatorische Hürden und Vorschriften der Telemedizin in Deutschland zu meistern.