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Hebammen: „Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht“

Seit Monaten fordern Hebammen und Elterninitiativen die Politik auf, die Rahmenbedingungen für die Geburtshilfe zu verbessern. Die zweifache Mutter Michaela Skott kämpft jetzt mit einer Petition für mehr Sicherheit und Qualität in der Geburtshilfe. Bis Donnerstag braucht sie mindestens 50.000 Unterstützer, damit sich der Petitionsausschuss mit ihren Forderungen befasst.
Hebammen erhalten Unterstützung von Eltern
Eltern fordern mehr Sicherheit in der Geburtshilfe

Mit einer Petition fordert die Schwerinerin Michaela Skott dieser Tage ein Grundrecht auf eine selbstbestimmte Geburt für Frauen. Sie will, dass jede Frau das Recht hat, den Geburtsort ihres Kindes selbst zu bestimmen, und dass die Geburtsbegleitung im Schlüssel von 1:1 durch eine Bezugshebamme gesetzlich als Grundrecht verankert wird. Wieso sie die Petition eingereicht hat? Aus Wut, sagt sie im Interview mit finanzen.de.

Momentan wird sehr heftig über die Situation in der Geburtshilfe diskutiert. Worum geht es bei diesem Protest?

Michaela Skott: Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Wegen der steigenden Kosten der Haftpflichtversicherungen in der Geburtshilfe geben immer mehr freiberufliche Hebammen und Gynäkologen ihre Tätigkeit auf. Kleinere Geburtskliniken schließen. Dadurch ist die Versorgungssicherheit für uns Frauen gefährdet. Es gibt Gegenden, in denen ist die nächste Geburtsklinik eine Stunde Fahrt entfernt. Das hat nichts mehr mit Sicherheit und Qualität zu tun.

Im Bundesgesundheitsministerium weigert man sich diese Realität zu akzeptieren, die wir hier in der Fläche, aber auch den Großstädten tagtäglich erfahren. Man stützt sich dort auf ein IGES-Gutachten von 2010 - mit teilweise deutlich älteren Zahlen - nach dem es kein Problem in der Versorgung mit Hebammenhilfe gibt. Dazu muss man wissen, dass an dieser Untersuchung lediglich 30 Prozent der befragten Hebammen teilgenommen haben. IGES weist sogar eindeutig darauf hin.

Welche Änderungen sind denn in Ihren Augen dringend erforderlich, um die bestehenden Probleme zu lösen und die Hebammen in der längeren Frist zu retten?

Michaela Skott: Ich bin im Elternprotest Hebammenunterstützung aktiv. Eine Gruppe, die bundesweit arbeitet und im Februar binnen weniger Stunden über 16.000 Mitglieder hatte. In großer Sorge um die Zukunft der Geburtshilfe in Deutschland haben verschiedene Elterninitiativen gemeinsam mit Hebammen und Ärzten Forderungen ausgearbeitet, deren Umsetzung langfristig dazu beitragen würde, dass nicht nur die Hebammen gerettet, sondern vor allen Dingen alle Frauen und Kinder, immerhin rund 670.00 jährlich, die Chance auf eine gesunde und sichere Geburt haben dürfen:

Wir fordern das Recht auf die selbstbestimmte Geburt mit der freien Wahl des Geburtsortes sowie der Begleitung durch eine Bezugshebamme im Schlüssel von 1:1. Wir fordern die Neuausrichtung der Schwangerenvorsorge und der klinischen Geburtsbegleitung. Wir fordern ein Vergütungssystem, das geringere medizinische Interventionen prämiert sowie den Erhalt und Ausbau der häuslichen Wochenbettbetreuung durch frei gewählte Hebammen. Wir fordern die Einrichtung eines Haftungsfonds für alle Gesundheitsberufe.

Gerade erst hat der Bundestag einen zweistufigen Plan beschlossen, der die aktuelle Situation der Hebammen entschärfen soll. Was halten Sie von diesem Beschluss?

Michaela Skott: Wenig. Nur einige Beispiele weshalb: Derzeit muss eine Hebamme Mitglied im Deutschen Hebammenverband sein, um eine Versicherung bis 2016 abschließen zu können. Die Hebammen des BfHD und DFH sind nicht berücksichtigt. Die Zuschläge lösen zudem nicht das Grundproblem der steigenden Beiträge. Es werden also keine langfristigen Anreize für die Hebammen und Gynäkologen gesetzt, sich niederzulassen. Der Sicherstellungszuschlag gilt beispielsweise nicht bei begleitenden Zweithebammen.

Qualitätsmanagement ist für die Hebammen keine neue Erfindung - auch wenn der Bundesgesundheitsminister so tut. Unsere Vorstellungen von einer sicheren und qualitativ guten Geburt klaffen auch weit mit denen der Bundesregierung auseinander. Mit dem Unterschied, dass wir mit unseren Forderungen jegliche wissenschaftlich aktuellste Erkenntnis auf unserer Seite haben.

Sie fordern in einer Petition an den Bundestag ein Grundrecht auf eine selbstbestimmte Geburt für Frauen. Was hat Sie dazu gebracht, diese Petition einzureichen?

Michaela Skott: Meine Wut. Meine Wut darüber, dass der Bundesgesundheitsminister beschlossen hat, die über 420.000 Unterschriften, die Bianca Kasting über change.org gesammelt hat, nicht anzuerkennen, weil es sich nicht um eine staatliche Plattform handelt. Dabei bedurfte es einer ersten Petition von Anke Bastrop, dass dieses Thema überhaupt im Koalitionsvertrag stand. Wut also, und die Erkenntnis, dass die Wahlfreiheit, zu der sich alle immer bekennen, rechtlich nicht verankert ist. Es wird immer so getan, als ginge es hier um ein paar Hausgeburtsmütter. Mitnichten. Der Trend geht zu großen Geburtszentren mit langen Anfahrtswegen. Das ist weder sicher noch kann ich damit den Geburtsort frei wählen. Wahlfreiheit heißt, dass es auch entsprechende Angebote geben muss, die der Staat vorzuhalten hat. Hebammen, Geburtshäuser, kleine und große Kliniken, wohnortnah, qualitativ hochwertig, mit verschiedenen Ausrichtungen.

Welches Feedback haben Sie bislang zu der Petition erhalten?

Michaela Skott: Das Feedback war zunächst durchaus kritisch. Es reichte von der Frage, weshalb wir noch eine Petition einreichen bis hin zu den Hebammen, die zu Recht kritisch hinterfragen, ob wir wissen, was wir da tun und fordern. Mittlerweile haben wir eine große Welle der Sympathie ausgelöst. Denn erstmals bringen sich Eltern aktiv und kompetent ein. Natürlich wissen wir, was wir tun. Es sind doch wir Frauen, die die Kinder bekommen. Wer, wenn nicht wir, soll also Experte für die eigene Geburt sein? Und natürlich gehören zu unserem Kreis ausgewiesene fachliche Experten auf dem Gebiet. Das Netzwerk der Unterstützer*innen ist groß und agiert deutschlandweit: Hebammenunterstützung, Rettet die Hebammen, Human Rights in Childbirth, Happy Birthday, Das Erste Gesicht und so weiter.

Erst in der vergangenen Woche hat der Petitionsausschuss über eine andere Petition beraten, mit der die Hebamme Sabine Schmuck einen Haftungsfond für Hebammen gefordert hat. Welche Botschaft werden Sie an den Ausschuss richten, wenn Ihre Petition genügend Mitzeichner findet?

Michaela Skott: Unsere Petitionen sind an manchen Stellen deckungsgleich. Beispielsweise was den staatlich gesicherten Haftungsfonds für alle Gesundheitsberufe angeht. Wir haben unsere Forderungen unter anderem auch in Zusammenarbeit mit Sabine Schmuck ausgearbeitet. Ich fordere darüber hinaus die Feststellung des Grundrechts auf die Wahlfreiheit des Geburtsortes sowie eine Geburtsbegleitung von 1:1 durch eine Bezugshebamme. Darüber hinaus würde ich dringend empfehlen, dem Beispiel anderer Länder zu folgen: Es gehören bei solchen Fragen immer Verbrauchervertreter mit an den Tisch. Wir Frauen müssen endlich das Recht bekommen, über unser Schicksal mit zu entscheiden - ohne zuvor mindestens 50.000 Unterschriften sammeln zu müssen.

Frau Skott, herzlichen Dank für das Interview!

Mehr Infos: Noch bis zum 03. Juli 2014 kann die Petition von Michaela Skott im Internet unterstützt werden. Hier entlang zur E-Petition.