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Höhere Ausgleichszahlungen: Krankenkassen machen Mitglieder kränker

Je kränker, desto lohnender: Durch einen Finanzausgleich profitieren Krankenkassen von chronisch kranken Versicherten. Dabei soll das System eigentlich für einen gerechten Kostenausgleich sorgen. Doch einige Kassen lassen ihren Mitgliedern von Ärzten Volkskrankheiten diagnostizieren und erschleichen sich so mehr Geld, als ihnen zusteht.
Kranke Versicherte bringen Krankenkassen Vorteile beim Finanzausgleich
Krankenkassen bezahlen Ärzte für die Diagnose von Volkskrankheiten

Wenn Krankenkassen besonders viele ältere und kränkere Mitglieder haben als andere Kassen mit eher jungen und gesunden Versicherten, erhalten sie durch den sogenannten morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) einen finanziellen Ausgleich. Somit ist zwischen den Kassen weiterhin ein fairer Wettbewerb möglich. Seit seiner Einführung steht das Ausgleichsverfahren jedoch in der Kritik, bestimmte Kassen zu bevorteilen. Ein Bericht der Welt am Sonntag gießt nun zusätzlich Öl ins Feuer. Demnach machen einige Kassen ihre Versicherten kränker, als sie tatsächlich sind.

1.000 Euro pro Patient: Krankenkassen profitieren von Volkskrankheiten

Wie die Welt am Sonntag aktuell enthüllt, haben verschiedene Kassen Prämien von mehr als 840 Millionen Euro pro Jahr dafür gezahlt, dass Ärzte bei ihren Patienten eine Volkskrankheit diagnostizieren. Dadurch wollen sich die Krankenkassen einen höheren Anteil am Finanzausgleich erschleichen. Denn „für jedes Mitglied mit einer ausgleichsrelevanten Volkskrankheit erhalten die Versicherungen Zuschläge, im Schnitt gut 1.000 Euro pro Diagnose“, erläutert die Zeitung. Teilweise werden gar externe Dienstleister angeheuert, welche die Versicherten dazu bringen sollen, zum Arzt zu gehen. Dieser diagnostiziert dann Krankheiten wie Diabetes oder Fettleibigkeit, sodass der Kostenausgleich für die Krankenkassen steigt.

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Woran orientiert sich das Ausgleichssystem zwischen den Krankenkassen?

Grundsätzlich hat der Morbi-RSA die Aufgabe, Risikounterschiede zu verringern. So erhalten die Krankenkassen, die durch ihre Patienten höhere Kosten haben, einen größeren Anteil an Mitgliedsbeiträgen und staatlichen Zuschüssen. Wie hoch die Zahlung ausfällt, hängt sowohl von Alter und Geschlecht der Versicherten als auch davon ab, ob sie Rente wegen Erwerbsminderung beziehen. Zudem wird seit den letzten sieben Jahren exemplarisch an 80 Krankheiten der Versorgungsbedarf der Mitglieder einbezogen. Hat ein Versicherter zum Beispiel eine dieser Erkrankungen, muss er sich teuren Behandlungen unterziehen. Hierfür wird seine Krankenkasse durch den Morbi-RSA entschädigt.

Zu allgemein und präventionsfeindlich: Zuweisungsprinzip in der Kritik

Während Krankenkassen wie die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) das Zuweisungssystem begrüßen und davon profitieren, stößt es bei Innungs-, Betriebs- und Ersatzkrankenkassen auf Widerstand. Einige von ihnen haben sich sogar zu einer RSA-Allianz zusammengeschlossen. Diese bemängelt, dass manche Anbieter durch den Ausgleichsprozess bevorteilt werden. Daher fordert sie eine Anpassung des Systems. So sollen beispielsweise regionale Faktoren stärker in die Berechnung einfließen. Denn oft unterscheiden sich die Behandlungskosten je nach Standort. In Ballungszentren fallen diese höher aus, auf dem Land dagegen geringer. Auch die Liste der 80 Krankheiten muss weiter gefasst werden. Derzeit werden Schlaganfälle oder bestimmte Krebserkrankungen zwar berücksichtigt, aber nicht hinreichend abgedeckt.

Daneben sorgt das bestehende Ausgleichsprinzip dafür, dass sich Präventionsangebote nicht mehr lohnen. „Kassen werden systematisch finanziell bestraft, wenn sie in Prävention investieren“, gibt Hans Peter Wollseifer vom Dachverband der Innungskrankenkassen an. Der AOK-Bundesverband widerspricht diesen Vorwürfen allerdings und verweist darauf, dass das Ausgleichssystem „nie fairer als heute“ war. Auch das Bundesgesundheitsministerium sowie das Bundesversicherungsamt sehen keinen akuten Handlungsbedarf.

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