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Telemedizin: Technik allein macht Patienten nicht gesünder

Telemedizin ermöglicht den Austausch zwischen Arzt und Patient trotz räumlicher Trennung. Aus der Ferne lassen sich Erkrankungen behandeln und Therapien anwenden. In ländlichen Gegenden kann Telemedizin somit eine Antwort auf den Ärztemangel sein. Doch noch fehlt dazu die passende Gesetzgebung, sagen Kritiker. Ganz und gar nicht, erwidert der Gesundheitsexperte Dr. Achim Hein.
Telemedizin: Keinen neuen Gesetze notwendig
Telemedizin könnte Besuch beim Arzt durch Fernbehandlung ersetzen

Es gibt Kritiker, die meinen, dass Deutschland bei der Telemedizin der Zeit hinterherhinkt. Vor allem im Bereich der Gesetzgebung müsste einiges getan werden, damit Patienten besser von der Möglichkeit profitieren, von zu Hause aus therapiert beziehungsweise behandelt zu werden. Dies erspart ihnen nicht nur den Weg zum Arzt. Durch telemedizinische Behandlung kann auch die Versorgung von Bürgerinnen und Bürgern in Gegenden mit wenigen Medizinern verbessert werden. Doch was nützen die guten Aussichten, wenn der rechtliche Rahmen für Telemedizin nicht ausreichend gegeben ist?

Dr. Achim Hein, Vorstand bei EvoCare Telemedizin ECT eG, ist der Meinung, dass es keiner weiteren Gesetze bedarf. Im Gegenteil, diese könnten sogar schädlich sein. Im Interview mit finanzen.de erklärt er, dass Patienten schon jetzt von telemedizinischen Behandlungsverfahren profitieren. Doch nur wer Telemedizin richtig versteht, kann telemedizinische Methoden entwickeln, die gleichartig zu klassischen Behandlungen sind, von der Renten- oder Krankenkasse bezahlt werden und Patienten zugutekommen.

Herr Dr. Hein, warum hinkt die Gesetzgebung bei der Telemedizin der Zeit nicht hinterher?

Dr. Achim Hein: Die existierenden Erfolgsbeispiele der Umsetzung von Telemedizin-Behandlung in der heutigen Regelversorgung zeigen, dass die häufig herbeigesehnte neue Gesetzgebung zur Abrechnung von Telemedizin-Behandlung nicht erforderlich ist. Möglicherweise ist eine Aufweichung des jetzigen Regelwerkes zur Erbringung von Behandlungsleistungen für die Qualität des Gesundheitswesens wie auch dessen Gesamtfinanzierung eher schädlich.

Der Schlüssel zum Erfolg telemedizinischer Behandlungen ist das Verständnis des Wortes Telemedizin an sich – TeleMEDIZIN ist eine medizinische Behandlungsdienstleistung und damit ein wirksames Versorgungsangebot innerhalb des Sozialwesens. Patienten behandeln bedeutet individuell verordnen, „kümmern“ und laufend betreuen. Telemedizin ist also mehr, als dem Patienten nur Technik zur Verfügung zu stellen. Ich sage immer: „Technik macht die Omi nicht glücklich und auch nicht gesünder“ – es sind die Behandlung und Betreuung, die den Erfolg bringen.

Versteht man Telemedizin-Behandlung als eine neuartige Interaktionsmöglichkeit zwischen Behandler und Patient, die den Inhalten der Leitlinien und existierenden Richtlinien gehorcht, erfüllt sie die sehr gut bewährten Anforderungen an bestehende Behandlungsmethoden und kann gleichartig wie herkömmliche Methoden von Leistungserbringern angewendet und von Kostenträgern erstattet werden. Dafür eine neue Gesetzgebung zu bemühen, ist entbehrlich.

Ausnehmen von meiner Kritik möchte ich die Schaffung von Regularien zum Einsatz von einheitlichen Plattformen wie EPA (Elektronische Patientenakte) oder Gesundheitskarte. Sofern der Gesetzgeber dies wünscht, ist er gefordert, die Bedingungen dafür zu schaffen.

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Woran scheitert eine Kostenübernahme durch Kostenträger wie Krankenkasse oder Rentenversicherer Ihrer Erfahrung nach am häufigsten?

Dr. Achim Hein: Sofern sich die Anbieter von Behandlungsleistungen an die existierenden Richtlinien halten, sind die Vergütungswege wohl definiert und nutzbar. Wird jedoch von Kostenträgern erwartet, dass sie für die Technik der Industrie oder anderen Anbietern aufkommen, um dadurch zusätzlich die verfügbaren Budgets möglicherweise unkontrollierbar zu öffnen, muss dieses Ansinnen ins Leere laufen.

Hunderte von Pilotprojekten zeigen immer wieder gleiche Muster. Es wird über Technologie gesprochen, nicht über Behandlung. Es wird Technologie angeboten, nicht Behandlung. Derartige Vorhaben kennen nicht die Antwort auf die Frage, wie eine telemedizinische Behandlungsleistung passgenau für das Gesundheitswesen zu definieren ist und welche Kriterien im deutschen Gesundheits- und Sozialsystem dafür zu erfüllen sind. Aus unserer Erfahrung ist dies nicht ganz einfach und bedarf großer Expertise.


Aus der Praxis: Bei TEMPSIS/STENO können Ärzte bei Patienten mit Schlaganfall aus der Region Süd-Ost-Bayern noch in der Notfallaufnahme per Videokonferenz Experten zuschalten. Dieser kann nicht nur den Patient direkt befragen, sondern ihn auch zusammen mit dem Mediziner vor Ort neurologisch untersuchen. Dadurch steht Patienten in der ländlichen Region einen effektive Schlaganfallbehandlung zur Verfügung.


Welche weiteren Hürden sehen Sie bei der Ausweitung telemedizinscher Angebote sowohl auf Seite der Patienten als auch der Ärzte?

Dr. Achim Hein: Stellen Sie sich vor, Sie seien Patient. Sie erwarten eine qualitativ hochwertige Behandlung. Sie erwarten nicht per App abgespeist zu werden. Doch wird ein Patient vom Behandler richtig auf die telemedizinische Behandlung eingestellt, zeigen Studien keinerlei Hürden in Akzeptanz, Zufriedenheit und Therapietreue (Compliance).

Derzeit gibt es schon zahlreiche Lifestyle-Apps im Bereich Monitoring, mit netten Gimmicks als Zugabe. Solche Apps können durchaus zu Verhaltensänderungen anregen, aber keinesfalls eine ärztliche Behandlung ersetzen. Lifestyle-Apps unterscheiden sich deutlich von professionellen telemedizinischen Behandlungen. Diese gehorchen dem Verordnungsprinzip, dem Supervisionsprinzip, beruhen auf evidenzbasierter Medizin und wurden von Ärzten und Kostenträgern auf „Herz-und Nieren“ geprüft. Dabei werden ärztlich therapeutische Leistungen nicht ersetzt, sondern ergänzt.

Wird ein telemedizinisches Behandlungsangebot von Ärzten wie ein Therapeutikum wahrgenommen, fallen die Anwendungshürden. Es ist ärztlich kontrolliert und innerhalb existierender Budgets verordnungsfähig. Damit ist die wesentliche Hürde genommen – die der Finanzierung.


Aus der Praxis: Die telemedizinische EvoCare-Behandlung findet in unterschiedlichen Bereichen, etwa bei der Physiotherapie, Anwendung. Patienten können damit die verordnete Behandlung flexibel zu Hause ausführen. Diese unterliegt der persönlichen Supervision des Arztes beziehungsweise Therapeuten. Hierfür erhalten Patienten ein Leihgerät, mit dem sie mit ihrem Behandler in Kontakt treten sowie ihr individueller Behandlungsplan mit speziellen Feedback-Interaktionen wie Bild, Ton und Video gezielt verfolgt wird.


Wie viele telemedizinische Behandlungsverfahren haben es bisher in die Regelversorgung geschafft?

Dr. Achim Hein: Aus unserer Sicht gibt es derzeit zwei nennenswerte Verfahren. Im Bereich Stroke (Schlaganfall-Behandlung) hat sich TEMPIS/STENO einen Namen gemacht. Im Bereich Versorgung zu Hause, Heilmittel und Reha ist die EvoCare-Behandlung Vorreiter und erfahrenster Marktteilnehmer in der Anwendung der Digitalisierung im Gesundheitswesen. In den beiden Verfahren wurde über mehr als ein Jahrzehnt belegt, dass die Behandlung gleich gut wirkt wie klassische Methoden, die Behandlungsmethoden konkrete Vorteile für Qualität, Wirksamkeit und Kosten bieten, Arbeitsplätze schaffen und die Beseitigung des Fachkräftemangels unterstützen. So umgesetzt ist mit der Digitalisierung wirklich allen geholfen.

Leistungserbringern, Kliniken, Praxen, Ärzten bringt die Digitalisierung unzweifelhaft Chancen. Allerdings sind die technischen Lösungen unüberschaubar und häufig nicht für den Zweck der Patientenbehandlung geeignet. Behandler brauchen passgenaue Behandlungsangebote für deren Patienten – gerade mit der Digitalisierung. In 2013 hat sich daher die erste Telemedizin Genossenschaft in Deutschland gegründet. Als genossenschaftlich organisierte Selbsthilfeorganisation ist es der EvoCare Telemedizin ECT eG ein Bedürfnis wie satzungsgemäße Aufgabe, als eine Wertegemeinschaft telemedizinische Möglichkeiten nachhaltig zu verankern.

Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Hein!