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Politik mangelt es am Willen gegen prekäre Arbeit vorzugehen

Ein neues Rentenpaket soll beim Kampf gegen die Altersarmut helfen. Doch können die Maßnahmen diejenigen Menschen erreichen, die am stärksten im Alter unter zu geringen Rentenleistungen leiden? finanzen.de hat mit Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, über die Rentenaussichten von Niedriglöhnern gesprochen.
Heute schlecht bezahlt, morgen arm: Niedriglöhnern droht Altersarmut
Hans-Jürgen Urban: Mindestlohn allein reicht nicht aus (Foto: IG Metall)

Noch im November will Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ihr Rentenkonzept vorlegen. Im Mittelpunkt steht dabei die Bekämpfung der drohenden Altersarmut. Bei diesem Thema werden immer wieder Frauen als Beispiel genommen, die aufgrund von Kindererziehung und Teilzeitarbeit im Alter nur eine Mini-Rente zur Verfügung haben. Allerdings gibt es auch viele Geringverdiener, die trotz Vollzeitbeschäftigung nicht genügend Rentenansprüche ansammeln. Im Gespräch erklärt Hans-Jürgen Urban von der IG Metall, warum diese Bevölkerungsgruppe im Alter vor großen finanziellen Herausforderungen steht.

Herr Urban, wird unterschätzt, wie viele Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen später nur geringe Renten erhalten werden?

Hans-Jürgen Urban: Ich glaube nicht, dass man hier von unterschätzen sprechen kann. Das Problem der Menschen im Niedriglohnsektor liegt für alle erkennbar auf der Hand – auch mit Blick auf die negativen Folgen für die Versorgungssituation im Alter. Aber es mangelt derzeit am politischen Willen, darauf auch angemessen zu reagieren. Prekäre Beschäftigung und Brüche in der Erwerbsbiografie gehören gleichermaßen zu den größten Risiken einer um sich greifenden Armutsgefahr im Alter. Daher fordert die IG Metall nicht nur ein höheres Rentenniveau, sondern auch flankierende Maßnahmen zur Bekämpfung von Altersarmut.

Lagerarbeiter mit saisonalen Schwankungen, Paketboten unter extremem Zeitdruck und Minijobber im Einzelhandel – das sind recht „klassische“ Jobs, die unter prekäre Arbeit fallen können. Daneben entwickeln sich mehr und mehr ganz neue Berufszweige, wie Crowdworker und Klickarbeiter im Internet. Besteht hier die Gefahr eines ganz neuen Prekariats?

Hans-Jürgen Urban: Für die IG Metall steht es außer Frage, dass Fairness und gute Arbeitsbedingungen auch für Crowdworker und Klickarbeiter gelten müssen. Die Arbeit muss angemessen entlohnt werden und wir brauchen eine obligatorische Alterssicherung auch für diese neuen Erwerbsformen. Das funktioniert am besten in der Solidargemeinschaft einer zur Erwerbstätigenversicherung weiterentwickelten gesetzlichen Rentenversicherung, in der alle Erwerbstätigen in einem gemeinsamen System pflichtversichert sind.

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Seit 2015 gibt es einen spürbaren Rückgang der vollzeitbeschäftigten Aufstocker. Denken Sie, dass durch die Einführung des Mindestlohns zukünftig mehr Menschen mit ihrer Rente auskommen?

Hans-Jürgen Urban: Der Mindestlohn ist zunächst einmal ein wichtiger Damm gegen den wachsenden Niedriglohnsektor und ein Zeichen, dass endlich Schluss sein muss mit Dumpinglöhnen. Aber die Höhe des Mindestlohns allein reicht selbst für jahrzehntelang Vollzeitbeschäftigte nicht aus, um Renten oberhalb der staatlichen Grundsicherung zu erreichen. Daher müssen wir beim Mindestlohn rasch nachlegen und zugleich effektive Instrumente gegen Altersarmut installieren.


Seit dem 1. Januar 2015 gibt es in Deutschland einen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde. Dieser soll gegen Lohn-Dumping und prekäre Beschäftigung helfen. Ab 2017 wird der Mindestlohn auf  8,84 Euro erhöht. Das reicht Arbeitnehmervertretern allerdings noch nicht aus. Verdi hat beispielsweise in der Vergangenheit einen Mindestlohn von 10 Euro gefordert.


Denken Sie, dass die Lebensleistungsrente ein geeignetes Instrument wäre, um Geringverdiener im Alter eine ausreichende Rente zu sichern?

Hans-Jürgen Urban: Bei der Lebensleistungsrente soll jahrzehntelange Privatvorsorge zur Voraussetzung gemacht werden. Aber wie sollen die Menschen mit den geringsten Einkommen überhaupt privat für das Alter vorsorgen, wenn es selbst mit den laufenden Kosten schon eng wird? Die IG Metall fordert daher, die Rente nach Mindestentgeltpunkten zu verlängern. Auch Zeiten im Niedriglohnbereich ab 1992 müssen für die Rente bis auf 75 Prozent des Durchschnittseinkommens und ohne unrealistische Zugangsbedingungen hochgewertet werden – systemgerecht aus zusätzlichen Steuermitteln finanziert!

 

Lebensleistungsrente vor dem Aus?

Neue Informationen bezüglich des geplanten Rentenpakets legen nahe, dass sich die Regierung von der Lebensleistungsrente verabschiedet. Stattdessen sieht das Konzept von Bundesarbeitsministerin Nahles andere Hilfen gegen die Altersarmut bei Geringverdienern und Selbstständigen vor.

Gibt es für Menschen in Niedriglohnjobs eine Möglichkeit, selbst etwas gegen eine drohende Armut im Alter zu unternehmen?

Hans-Jürgen Urban: Wenn damit zusätzliche Privatvorsorge für das Alter gemeint ist, dann bin ich sehr skeptisch. Ohne angemessene Beteiligung der Arbeitgeber an den Kosten der Alterssicherung sind viele Beschäftigte schlicht überfordert. Wenn damit aber gemeint ist, sich für gute Arbeit und gute Renten einzusetzen, dann sind die Gewerkschaften der richtige Ort dafür. Mit der Kampagne „Mehr Rente – Mehr Zukunft“ kämpft die IG Metall für den Neuaufbau einer solidarischen Alterssicherung und wir freuen uns über jede Unterstützung.

Herr Urban, herzlichen Dank für das Gespräch!