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Neuer Darmkrebs-Test: Bessere Vorsorge mit großen Startschwierigkeiten

Seit dem 1. Oktober 2016 ist ein effektiverer Test zur Darmkrebsvorsorge Teil der Regelversorgung für gesetzlich Versicherte. Allerdings gibt es Abrechnungsprobleme für die Ärzte. Wir haben mit Prof. Dr. Jürgen F. Riemann von der Stiftung LebensBlicke über die Vorteile der neuen Untersuchung gesprochen und erfahren, was bei der Darmkrebsvorsorge noch passieren muss.
Neuer Test hilft bei Darmkrebsvorsorge
Darmkrebs: Zur Vorsorge gehört intensive Beratung dazu

Wer bisher einen Test zur Darmkrebsvorsorge durchführen lassen wollte, musste sich in der Regel in den Tagen zuvor an strenge diätetische Vorschriften halten. Denn die gFOBT oder auch Guajak-Test genannte Untersuchung reagiert auf den Blutfarbstoff Hämoglobin beziehungsweise dessen Abbauprodukte. Die finden sich allerdings auch im Stuhl, wenn der Patient bestimmte Lebensmittel gegessen hat, zum Beispiel Blutwurst oder Rindertartar sowie einige Gemüsesorten. Die neue iFOBT-Untersuchung ist hingegen ein immunologischer Test, der durch spezielle Antikörper ausschließlich auf menschliches Blut reagiert. Dieses kann ein Anzeichen für Darmkrebs oder deren Vorstufen, die Adenome, sein.

Der neue Test ist aussagekräftiger und schlägt nun zwei- bis dreimal besser als der Guajak-Test an. Laut Prof. Dr. Riemann von der Stiftung LebensBlicke können ca. bei 1 von 100 asymptomatischen Personen im 50. Lebensjahr ein Karzinom und bei 10 von 100 große Adenome entdeckt werden. Auch dieser Test sollte jährlich, mindestens aber alle zwei Jahre durchgeführt werden, da Adenome wie Karzinome langsam wachsen und nicht immer bluten. Die Regelmäßigkeit erhöht die Treffsicherheit.

Herr Prof. Dr. Riemann, viele Menschen machen bereitwillig bei der Darmkrebsvorsorge mit, rechnen aber nicht damit, dass ein solcher Test positiv ausfallen könnte. Was ist der nächste Schritt für Patienten, wenn das geschieht?

Prof. Dr. Riemann: Die goldene Regel in diesem Fall lautet: Auf einen positiven Stuhl-Test muss eine Darmspiegelung folgen. Nur mit ihr lassen sich Adenome oder Karzinome eindeutig identifizieren. Die Adenome können in der gleichen Sitzung entfernt werden; das verhindert die Krebsentstehung. Auch wenn der Gedanke unangenehm sein mag: es gibt keine Alternativen zu dieser Untersuchung. Dabei bringt es auch nichts, einen zweiten oder dritten Stuhltest durchzuführen. Denn schon ein einziges positives Ergebnis ist ein Warnsignal, dem man nachgehen muss, um eine bösartige Erkrankung möglichst noch im Vor- oder Frühstadium zu entdecken.

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Bedeutet denn jedes positive Ergebnis automatisch Krebs?

Prof. Dr. Riemann: Nein. Oftmals handelt es sich um Adenome, die sich zwar zu Darmkrebsen entwickeln können und daher entfernt werden sollten, aber selber noch keine Krebserkrankung darstellen. Zudem kann es auch zu falsch-positiven Ergebnissen kommen, wenn sich Blut aus einer anderen Quelle im Stuhl befindet, etwa von einem Magengeschwür.

Der neue Test gilt als effektiver als der bisherige. Gibt es auch Probleme hinsichtlich der neuen Untersuchung?

Prof. Dr. Riemann: Der immunologische Test selbst ermöglicht es den Ärzten, noch genauere Ergebnisse hinsichtlich Anzeichen von Blut im Stuhl und damit möglichen Tumoren oder Vorstufen zu erkennen. Allerdings hakt es bei der Umsetzung. Zwar hat der Gemeinsame Bundesausschuss G-BA beschlossen, dass dieser Test ab dem 1. Oktober 2016 eingeführt wird. Es wurde aber bisher noch keine EBM-Position dafür geschaffen. Das bedeutet, dass Ärzte diese Leistung noch nicht abrechnen können. Die Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung haben dafür noch bis April nächsten Jahres Zeit. Ein halbes Jahr lang gibt es also keine eindeutige Regelung, obwohl die Patienten eigentlich schon Anspruch auf die iFOBT-Untersuchung haben.

Darüber hinaus herrscht bei den Fachärzten, beispielsweise Gynäkologen, Verwirrung darüber, in welchem Umfang die Leistung abgerechnet werden soll. Es besteht die Befürchtung, dass vorwiegend die Arbeit der Laborärzte vergütet wird. Gerade Frauenärzte haben sich aber durch ihre intensive Beratung und Aufklärungsarbeit in den letzten Jahren um die Darmkrebsvorsorge verdient gemacht. Wird die Beratung und die dafür notwendige Zeit zukünftig nicht mehr bezahlt, müsste wohl der eine oder andere Arzt schon aus wirtschaftlichen Gründen darauf verzichten. Das wiederum wäre ein Rückschritt für die Darmkrebsvorsorge. Ich hoffe daher auf eine vernünftige Lösung, die der Beratungsleistung von Hausärzten, Gynäkologen und Urologen gerecht wird.

 

Einige Kassen erstatten schon jetzt neuen Test

Patienten können bis zum 1. April 2017 den bisherigen Guajak-Test durchführen lassen; dieser bleibt bis dahin Teil der Regelversorgung. Einige Kassen erstatten bereits jetzt die neue Untersuchung (oftmals ab 50 Jahre), bei anderen gibt es Rückerstattungsanträge, mit denen der Patient in Vorleistung geht, die Kasse die Kosten aber zahlt, sobald der iFOBT Kassenleistung wird.

Was muss von Ihrer Seite aus von der Politik getan werden, um die Darmkrebsvorsorge in Deutschland noch weiter zu verbessern?

Prof. Dr. Riemann: Die Einführung des neuen Tests ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings muss in der Bevölkerung noch mehr das Bewusstsein geschaffen werden, wie wichtig die Prävention ist. Diesbezüglich gibt es zwei Botschaften. Zum einen ist und bleibt die Primärprävention das beste Mittel, um Darmkrebs vorzubeugen. Dazu gehört eine ballaststoffreiche Ernährung, also zum Beispiel fünf Portionen Obst, Gemüse sowie Vollkornprodukte pro Tag. Der Verzicht aufs Rauchen, ein allenfalls mäßiger Alkoholkonsum und 30 bis 45 Minuten Bewegung am Tag helfen weiterhin, das Darmkrebsrisiko um etwa ein Drittel zu senken.

Zum anderen wissen die wenigsten Menschen, wie stark erbliche Faktoren eine Rolle bei der Entwicklung von Darmkrebs spielen. Bei einem von vier Patienten gibt es eine familiäre Belastung. So wissen wir, dass die leiblichen Nachkommen von Darmkrebspatienten ein doppelt so hohes Risiko haben, selbst an Darmkrebs zu erkranken. Bei solchen Menschen empfehlen wir auch schon eine Darmspiegelung ab dem 40. Lebensjahr. Doch um als Arzt überhaupt zu erkennen, dass solche familiären Risikofaktoren bestehen, muss auch eine entsprechende Anamnese durchgeführt werden. Deshalb ist es sinnvoll, im Rahmen des Gesundheitschecks ab 35 eine verpflichtende Frage nach Krebsfällen in der Familie einzuführen. Das würde auch die Vorsorge bei anderen Krebsarten erheblich erleichtern.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Dr. Riemann!

Hier finden Sie Tipps und weitere Informationen zur gesetzlichen Krankenversicherung.