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Ärztliche Behandlung aus der Ferne: Deutschland verpasst große Chance

Die Online-Sprechstunde beim Arzt steckt in Deutschland noch eher in den Kinderschuhen. Sie könnte jedoch den ländlichen Ärztemangel abfedern. Allerdings setzt der Gesetzgeber dem virtuellen Arztbesuch enge Grenzen, jüngst hat er die Regeln zur Fernbehandlung sogar verschärft. Dies geht zulasten vieler Patienten und Ärzte, kritisiert David Meinertz von der Online-Arztpraxis DrEd.
Deutschland hinkt bei Möglichkeiten durch Telemedizin hinterher
DrEd-Geschäftsführer David Meinertz (Bildquelle: DrEd)

Gerade auf dem Land ist der Weg zum nächsten Arzt oder Krankenhaus oft weit. Online-Sprechstunden können Patienten lange Anfahrtswege und nervige Wartezeiten im Sprechzimmer ersparen. Doch die Rahmenbedingungen für die sogenannte Telemedizin sind in Deutschland eng gesteckt. So kommt eine Online-Sprechstunde beispielsweise nur dann infrage, wenn diese im Behandlungsverlauf einschließt, dass sich Arzt und Patient mindestens einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Zudem dürfen über diese Sprechstunden in der Regel keine Rezepte erstellt werden.

Die Online-Arztpraxis DrEd hat einen Weg gefunden, die Vorgaben zu umgehen. Da das Unternehmen seinen Sitz in Großbritannien hat, können die dort ansässigen deutschen Ärzte Patienten aus der Bundesrepublik auch dann über das Internet behandeln, wenn sie vorher keinen Kontakt zu ihnen oder einen anderen Mediziner hatten. Möglich macht das die EU-Richtlinie zur Patientenmobilität. Zudem dürfen die Ärzte Privatrezepte ausstellen. Allerdings verpasst es Deutschland derzeit, ärztliche Versorgungsformen dem technologischen Fortschritt anzupassen, kritisiert DrEd-Geschäftsführer und Gründer David Meinertz im Gespräch mit finanzen.de. Im Gegenteil: Neuregelungen führen teilweise sogar zu „absurden Situationen“, da sie bestehenden Gesetzen widersprechen.

Insbesondere auf dem Land ist der Weg zum Arzt lang. Durch eine Online-Sprechstunde über Ihr Portal können sich Nutzer die Anreisezeit sparen. Was schätzen Patienten Ihrer Meinung nach noch an Ihrem Service?

David Meinertz: Behandlung ohne Wartezeit, ortsunabhängige Beratung und Diskretion sind Gründe, warum sich Patienten für Online-Sprechstunden entscheiden. Online-Arzt, Online-Beratung und Online-Rezept bedeuten für Menschen, die in ärztlich unterversorgten Regionen leben oder die immobil sind, auch Zeitersparnis. Denn bei DrEd kann der Arzt ohne Wartezeit auf den Termin oder im Wartezimmer sofort konsultiert werden. Davon profitieren zum Beispiel Patienten mit Asthma, deren Therapie bereits eingestellt ist und die lediglich ihr verschreibungspflichtiges Asthmaspray benötigen.

Mit der Qualität der Leistungen von DrEd sind laut einer Umfrage unter rund 1.500 Patienten 92,1 Prozent zufrieden (Note „gut“ und „sehr gut“). Zwei Drittel der Befragten (70,4 Prozent) sehen dabei keinen Unterschied in der Qualität der fachärztlichen Versorgung durch ihren Online-Arzt bei DrEd im Vergleich zu ihrem Offline-Arzt vor Ort.

Nicht immer kann DrED helfen. In welchen Fällen verweisen Sie Patienten an einen Arzt vor Ort?

David Meinertz: Es werden keine Rezepte für starke Schmerzmittel, Schlafmittel oder andere Medikamente ausgestellt, die ein erhöhtes Sucht- und Missbrauchspotential aufweisen. Zudem bietet DrEd bewusst ausgewählte Sprechstunden zu bestimmten Gesundheitsproblemen an, und zwar für die, die sich für die telemedizinische Diagnose oder Behandlung eignen. Die Online-Ärzte beraten und behandeln europaweit 50 Krankheiten aus verschiedenen Behandlungsfeldern, zum Beispiel Allgemeinmedizin (wie Heuschnupfen, Akne und Migräne), Innere Medizin (unter anderem Asthma, Bluthochdruck und Cholesterin) und Männergesundheit (beispielsweise Haarwuchs und Potenz).

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Ihre Ärzte bekommen den Patienten in der Regel nicht zu Gesicht. Wie können Sie sicherstellen, dass hinter den vorlegten Informationen tatsächlich die Person steckt, für die sie sich ausgibt, beziehungsweise ob sie bestimmte Angaben nicht nur deshalb macht, um ein gewisses Medikament zu bekommen?

David Meinertz: Im Grunde gibt es keinen echten Unterschied zwischen dem Ausfüllen eines Aufnahmebogens in der Arztpraxis und dem Beantworten am Computer zu Hause. Nicht gut beraten ist, wer seinen Arzt belügt – ganz gleich, ob on- oder offline. Das gilt genauso wie beim Steuerberater. Es entstehen langfristig nur Probleme. Es entsteht dem Patienten zudem kein Vorteil durch eine bewusste Lüge gegenüber dem Arzt.

In Deutschland sind telemedizinische Behandlungen insofern eingeschränkt, dass sich Arzt und Patient vor einer Fernbehandlung mindestens einmal persönlich gegenübergestanden haben. DrEd umgeht dies, indem Ihre Ärzte in Großbritannien zugelassen sind. Mitte Dezember hat der Bundesrat allerdings ein Gesetz (AMG-Novelle) gebilligt, wonach Apotheken verschreibungspflichtige Medikamente nur dann herausgeben dürfen, wenn es zuvor zu einem direkten Arzt-Patienten-Kontakt gekommen ist. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

David Meinertz: Die Gesetzesänderung steht im Widerspruch zum 2015 erlassenen E-Health-Gesetz und hat weitreichende Konsequenzen für innovative Modelle der Gesundheitsversorgung. Daneben wurden im August in Baden-Württemberg Ferndiagnose und Fernbehandlung in einem Modellversuch zugelassen. Mit der AMG-Novelle wird es nun zu der absurden Situation kommen, dass ein Arzt in Baden-Württemberg einen Patienten aus der Ferne behandelt und ein Apotheker in Baden-Württemberg die Einlösung des Rezepts verweigern muss.

Wir bedauern es sehr, dass in Deutschland das Fernbehandlungsverbot verschärft und ärztliche Versorgungsformen nicht dem technologischen Fortschritt angepasst werden. Hier wird eine große Chance vertan. Zum Leidwesen all jener Patienten mit chronischen Krankheiten, für in ihrer Mobilität eingeschränkte Patienten oder solche aus ärztlich unterversorgten Gebieten und aus Gegenden, in denen die Arztpraxen überfüllt sind.

Auch für Ärzte bedeutet diese neue gesetzliche Regelung eine Beschneidung ihrer Freiheit, ihren Beruf so auszuüben, wie sie ihn medizinisch verantwortlich vertreten können. Ärzte in Schweden oder in der Schweiz zum Beispiel können von Patient zu Patient entscheiden, ob sie Telemedizin einsetzen oder nicht. Den Ärzten in Deutschland wird diese Kompetenz von oben erneut abgesprochen.

Für unsere Patienten wird sich aufgrund der Gesetzesnovelle nur sehr wenig ändern, da sie über europäische Versandapotheken ihre Arzneimittel bestellen können – anstelle der Apotheke vor Ort.

Gesundheitsminister Gröhe arbeitet jedoch an einem Versandhandelsverbot verschreibungspflichtiger Medikamente. Könnte das Verbot die Arbeit von DrEd behindern oder das Portal sogar dazu zwingen, seinen Service in Deutschland einstellen zu müssen?

David Meinertz: Hier warten wir ab, wie die Änderungen aussehen werden.

Wie bewerten Sie die Voraussetzungen in Deutschland für telemedizinische Behandlungen insgesamt?

David Meinertz: Innovative telemedizinische Leistungen, die den individuellen Lebensgewohnheiten der Menschen entgegen kommen, werden immer stärker gefragt. Das zeigen nicht zuletzt unsere steigenden Behandlungszahlen. Wir haben die Millionenmarke erreicht. Und wir werden auch in Zukunft unser Angebot an den Bedürfnissen unserer Patienten ausrichten, bequem und flexibel.

Eins ist sicher: Der Trend ist da, die Services werden vom Patienten nachgefragt. Bleibt abzuwarten, wie die Rahmenbedingungen von der Politik gestaltet werden. Andere Länder, wie die Schweiz oder Schweden, sind weiter.

Vielen Dank für das Interview, Herr Meinertz!