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Versorgung von schwerkranken Menschen verbessert sich stetig

Schwerkranke, die Cannabis zur Linderung ihrer Schmerzen bisher nur unter Auflagen und auf eigene Kosten erhalten haben, werden künftig entlastet. Ab März 2017 sollen Krankenkassen dafür zahlen. Für den DHPV ist dies ein guter Schritt für die Palliativversorgung. Dort hat sich zuletzt einiges in die richtige Richtung bewegt, sagt Geschäftsführer Benno Bolze. Doch noch gibt es Baustellen.
Versorgung von schwerkranken Menschen ist auf einem guten Weg
DHPV-Geschäftsführer Benno Bolze

Am Freitag wird der Bundesrat voraussichtlich den Weg für ein Gesetz frei machen, das getrocknete Cannabisblüten und Cannabisextrakte auf Rezept künftig als Kassenleistung erlaubt. Für Gesundheitsminister Gröhe (CDU) stellt das Gesetz einen weiteren Schritt zur Verbesserung der Palliativversorgung dar. In diesem Bereich wurden zuletzt viele Maßnahmen beschlossen, die die Versorgung Schwerkranker stärken sollen. Ende 2015 ist dazu das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung (HPG) in Kraft getreten. Doch hat sich die Versorgung damit wirklich verbessert?

finanzen.de hat mit Benno Bolze, dem Geschäftsführer des Deutscher Hospiz- und PalliativVerbands e.V. (DHPV), über Cannabis auf Rezept sowie das HPG gesprochen und nachgehakt, in welchen Bereichen die Palliativversorgung in Deutschland noch verbessert werden müsste.

Künftig wird Cannabis als Medizin von den Krankenkassen gezahlt. Bundesgesundheitsminister Gröhe sieht mit dem Gesetz die Palliativversorgung in Deutschland gestärkt. Wie bewertet der DHPV die für März 2017 geplante Neuerung?

Benno Bolze: Es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Auch schon vor der Änderung der Verordnung war es möglich, dass Cannabis als Medizin eingesetzt wurde. Allerdings war dies mit Hürden verbunden. Zunächst war eine Verschreibung des Arztes notwendig. Zusätzlich brauchte der Patient eine staatliche Genehmigung und musste die Arznei selbst bezahlen. Mit der Gesetzesänderung werden die Voraussetzungen deutlich vereinfacht, sodass Cannabis als Medizin eine für jeden zugängliche und damit kostenfreie Möglichkeit der Versorgung schwerkranker Patienten ist.

Seit mehr als einem Jahr gilt das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung, mit dem die Versorgung schwerkranker Menschen überall dort gestärkt werden soll, wo sie ihre letzte Lebensphase verbringen. Hat das Gesetz Ihrer Meinung nach wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen nun besser begleitet werden?

Benno Bolze: Der DHPV hat wesentlich darauf hingewirkt, dass diese Gesetzesänderungen auf den Weg kommen. Sie führen zu einer deutlichen Verbesserung der Versorgung und Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland. Das Gesetz bietet die Grundlage für die Verbesserungen. Weitere Konkretisierungen erfolgen durch zusätzliche Vereinbarungen. Hier haben wir zum Beispiel bereits sehr gute Ergebnisse im Rahmen der Überarbeitung der Rahmenvereinbarung für die ambulanten Hospizdienste erzielt. Dort gibt es bereits deutliche Verbesserungen in der Finanzierung. Diese bedeuten bessere Strukturen für die ambulanten Dienste und somit eine Verbesserung der Versorgung der Betroffenen.

Ähnliches erleben wir im Bereich der stationären Hospizversorgung, wo wir noch in Gesprächen sind. Auch dort sind wir auf einem sehr guten Weg.

Wird der mit dem Gesetz vereinbarte höhere Mindestzuschuss für stationäre Hospize den Erkrankten in der Versorgung gerecht?

Benno Bolze: Der höhere Mindestzuschuss ist ein Teil der Lösung. Wir brauchen aber genaue Regelungen zur Frage der Qualität und Leistung in stationären Hospizen, damit wir bundesweit einheitliche Standards in der stationären Hospizversorgung haben. Das ist bisher in den einzelnen Bundesländern bisweilen sehr unterschiedlich umgesetzt. Wir haben derzeit noch einzelne Länder, in denen die Finanzierung noch nicht so ausgestaltet ist, damit eine Versorgung und Begleitung bei einer entsprechend hohen Qualität gewährleistet ist. Durch das HPG werden aber auch hier Verbesserungen erzielt.

 

Was ist der Mindestzuschuss?

Die Krankenkassen zahlen stationären Hospizen einen Mindestbetrag je Hospizgast und Tag. Dieser wurde im Zuge des HPG von sieben auf neun Prozent der sogenannten Bezugsgröße in der Sozialversicherung angehoben, sodass der Mindestzuschuss 2017 bei 267,55 Euro liegt.

Wie können Patienten erfahren, wie gut ein Hospiz ist? Gibt es dazu ähnlich wie bei den Pflegeheimen Pflegenoten?

Benno Bolze: Das Thema Qualität ist ein ganz wichtiger Punkt. Denn die Menschen, die zu uns kommen und in den stationären Hospizen versorgt werden, brauchen ein hohes Maß an Zuwendung, Begleitung und Fürsorge gerade am Lebensende.

Es gab vor Jahren die Überlegung, die Pflegenoten, die für Pflegeheime vergeben werden, auf die Hospize zu übertragen. Allerdings hat sich schnell gezeigt, dass diese Maßstäbe der Qualitätsmessung für stationäre Hospize nur sehr begrenzt zutreffen, etwa weil es andere Schwerpunkte in der Versorgung gibt. Deshalb arbeiten wir im Zuge des HPG an einem neuen Katalog zur Prüfung von Qualität in stationären Hospizen.

Davon unabhängig bleibt es die Entscheidung des Menschen, der aufgenommen wird, sich vorab über die Arbeit im stationären Hospiz zu informieren. Welche Formen der Unterstützung gibt es? Wie werden die Angehörigen betreut und begleitet? Wer im Hospiz lebt, sollte auch immer das Gespräch mit der Hospizleitung suchen, wenn etwas nicht optimal gelaufen ist. Darüber hinaus gibt es einen Hospizfürsprecher, an den sich Bewohner wenden können.

In Deutschland gibt es über 2.000 ambulante Hospizdienste, stationäre Hospize und Palliativstationen in Krankenhäusern. Reichen diese aus Ihrer Sicht zur vertrauensvollen Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen aus?

Benno Bolze: Wir haben in Deutschland mittlerweile ein dichtes Versorgungsnetz, beispielsweise durch die Teams der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung und damit eine verbesserte Betreuung zu Hause. Angesichts dessen wäre es ein Fehler zu sagen, wir brauchen bundesweit eine bestimmte Zahl mehr an Betten. Stattdessen muss man sich die Situation vor Ort anschauen, um zu entscheiden, ob und welche Form der Versorgung in der Region weiter ausgebaut  wird. Gibt es beispielsweise schon seit vielen Jahren ein stationäres Hospiz vor Ort, könnte ein ergänzendes Team der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung sinnvoll sein.

 

Kosten der stationären Palliativversorgung

95 Prozent der Kosten für die Versorgung Schwerkranker in stationären Hospizen übernimmt die gesetzliche Kranken- und Pflegekasse. Die restlichen fünf Prozent stemmen Hospize unter anderem aus Spenden.

Welche Schritte müssen noch gegangen werden, damit sich die Palliativversorgung in Deutschland weiter verbessert?

Benno Bolze: Wir sehen insbesondere bei den stationären Pflegeeinrichtungen Verbesserungspotenzial. Hier ist ein Ausbau der Versorgung notwendig. Denn Pflegheime sind immer auch Orte, wo Menschen zum Teil viele Jahre gelebt haben und dort auch am Lebensende versorgt und begleitet werden möchten. Hier wollen wir auch erreichen, dass Erkrankte am Lebensende nicht vom Pflegeheim in ein Krankenhaus verlegt werden müssen, sondern in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, weil die Versorgung im Heim entsprechend gut organisiert ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bolze.