0800 300 3009

Kostenlose Service-Hotline

 
finanzen.de Nachrichten immer gut informiert

Pflegende am Limit: „Pflegen macht arm und einsam“

Die Eltern anziehen, das behinderte Kind füttern oder den Ehepartner waschen – so sieht der Alltag eines pflegenden Familienmitglieds oftmals aus. Nebenbei noch zu arbeiten, ist nur schwer möglich, denn häufig ist die Pflege ein Vollzeitjob. Für viele Pflegende ist dies nicht nur aus finanzieller Sicht der Anfang vom Ende, betont die Initiative gegen Armut durch Pflege.
Die Initiative fordert mehr Unterstützung für Pflegende
Susanne Hallermann setzt sich für pflegende Angehörige ein

Wie die aktuelle Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt, waren 2015 rund 2,9 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Beinahe jeder Zweite von ihnen hat sich in den eigenen vier Wänden allein von Angehörigen pflegen lassen. Das macht pflegende Familienmitglieder zu einer wichtigen „Säule der Pflegelandschaft“, betont Susanne Hallermann, von der Initiative gegen Armut durch Pflege. Doch für viele Pflegende, die für ihre Lieben da sein möchten, seien damit finanzielle wie soziale Einschnitte verbunden.

Zwar sind zu Beginn des Jahres tiefgreifende Änderungen in der Pflege wirksam geworden. Um die Situation von pflegenden Angehörigen langfristig zu verbessern, würden diese jedoch nicht ausreichen, so Hallermann. Im Interview mit finanzen.de erklärt sie, vor welchen Problemen Pflegende stehen und welche Maßnahmen erforderlich wären, um ihnen unter die Arme zu greifen.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will Pflegebedürftige und ihre Angehörigen durch seine angestoßenen Pflegereformen stärken. Besonders das Zweite Pflegestärkungsgesetz soll für mehr Entlastung und bessere Unterstützung sorgen. Was wird sich in der Pflege beziehungsweise für Pflegende Ihrer Meinung nach dadurch verändern?

Susanne Hallermann: Die Pflegereformen sind kleine Schritte in die richtige Richtung, aber umfassend sind sie leider nicht. Die demographischen Zahlen sind bekannt. Über 90 Prozent unserer Bundesbürger möchten bei Pflegebedürftigkeit so lange es geht zuhause bleiben und von ihren Lieben versorgt werden. Doch nach wie vor werden pflegende Angehörige allein gelassen mit dem Dschungel aus Informationen und sich ständig verändernden Gesetzen. Nötige Hilfsmittel, Unterstützungs- und Entlastungsmöglichkeiten werden von den Pflege-oder Krankenkassen häufig abgelehnt oder müssen mit viel Einsatz und Zeit erkämpft werden.

Mit welchen Auswirkungen haben pflegende Angehörige aktuell zu kämpfen, wenn sie sich um ein Familienmitglied kümmern?

Susanne Hallermann: Viele pflegende Angehörige können nicht mehr berufstätig sein. Sie müssen ihre Arbeit reduzieren oder aufgeben, weil sie mit ihrer Pflegeleistung und -verantwortung nicht vereinbar ist. Damit verlieren sie ihre eigene soziale Absicherung, die in minimalistischer Weise aufgefangen wird. Bedenkt man, dass die durchschnittliche Pflegedauer bei 9,3 Jahren liegt, werden die Auswirkungen bewusst. Pflegende benötigen individuelle, zugehende, kostenlose und neutrale Beratung sowie kontinuierliche Begleitung durch den Pflegeprozess, denn es verändert sich stetig etwas innerhalb des Pflegegeschehens und in den Familien.

Nötige Auszeiten sind kaum möglich und müssen erst einmal finanziert werden. Pflegende Angehörige kümmern sich oftmals sieben Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr, teilweise auch mit mehrmals unterbrochenen Nächten – ohne Anspruch auf Urlaub oder freie Wochenenden. Selbst wenn sie krank sind, geht die Pflege trotzdem weiter. Neben der finanziellen Verarmung sind viele Pflegende sozial verarmt. Sie kommen nur noch selten raus und vielfach reduziert sich ihr Familien-, Freundes-und Bekanntenkreis. Pflegen macht einsam.

Unser Service für Sie

Schützen Sie sich und Ihre Liebsten jetzt vor hohen Pflegekosten.

Sie kritisieren, dass pflegende Angehörige durch unzureichende Wertschätzung ihrer Pflegeleistungen diskriminiert werden und der Einsatz von Pflegenden nicht belohnt wird. Worin genau drückt sich diese Diskriminierung für Sie aus?

Susanne Hallermann: Rund 75 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zuhause gepflegt. Bei mehr als der Hälfte davon übernehmen Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn die komplette Pflege allein. Damit sind pflegende Angehörige die tragende Pflegesäule in Deutschland. 64 Prozent aller pflegenden Angehörigen leisten eine „Rund-um-die-Uhr-Pflege“, die im Umfang oft weit über eine Vollzeitbeschäftigung hinausgeht.

Zwei Drittel aller Pflegekosten werden von der Familie geschultert, nur ein Drittel übernehmen die Pflegekassen. Doch für Zehntausende führt wohl gemeinte Pflege zu einem Prozess finanzieller Verarmung und sozialer Ausgrenzung. Viele Pflegende können keiner bezahlten Arbeit nachgehen oder müssen sie aufgeben. Somit werden sie oftmals ungewollt zu Hartz-IV-Empfängern.

Obwohl sich der wirtschaftliche Wert der Familienpflege auf rund 37 Milliarden Euro pro Jahr beläuft, leben 284.000 pflegende Angehörige in Haushalten mit ALG II-Bezug. Ihre weitgehend unbezahlte Arbeit wird nicht anerkannt, obwohl sie einer der Pfeiler unseres Pflegesystems sind. Sie tragen mehr zur Entlastung des Sozialsystems bei als alle Leistungen der sozialen und privaten Pflegeversicherungen zusammen.

Was schlagen Sie vor, um Pflegenden einen Ausweg aus dieser finanziellen wie emotionalen Belastung zu ermöglichen?

Susanne Hallermann: Pflegende Angehörige entlasten den Sozialstaat immens, sind selbst aber von Armut bedroht oder betroffen. Die Hauptforderungen, um sie besser zu unterstützen sind daher:

  • Sozialrechtliche Absicherung
  • Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
  • Verbindliche und kostenfreie Auszeiten
  • Unabhängige und leicht zugängliche Informationen

Viele Pflegende sind nach wie vor schlecht informiert. Das ist tragisch, denn es gibt bereits einige Unterstützung und Entlastungsmöglichkeiten. Diese kennen die Betroffenen oftmals nicht und die, die sie kennen, müssen häufig darum kämpfen. Dafür haben sie weder die Kraft noch die Zeit.

Wir fordern außerdem, dass pflegende Angehörige politisch mitsprechen müssen – nicht über, sondern mit uns. Als Säule der Pflegelandschaft gehören pflegende Angehörige an die runden Tische in den Städten, Kommunen und Kreisen, auf Landes-wie Bundesebene.

Die Initiative gegen Armut durch Pflege verfolgt das Ziel, pflegenden Angehörigen eine Stimme zu geben und ihnen mehr Mitspracherecht einzuräumen. Welche Unterstützung bieten Sie Pflegenden?

Susanne Hallermann: Das Thema Armut durch Pflege war 2009, als unsere Initiative ihr Engagement aufnahm, überhaupt nicht präsent und wurde weder in den Medien noch von der Politik aufgenommen. Das wollten wir ändern. Wir möchten pflegende Angehörige und ihre Erfahrungen stärker in den Mittelpunkt rücken – „Fragt die Betroffenen“ ist unser Leitmotto. Dazu veröffentlichen wir regelmäßig Erfahrungsberichte und unterstützen verschiedene Aktionen von Betroffenen. 2010 lief beispielsweise ein pflegender Sohn in 40 Tagen zu Fuß von Süddeutschland nach Berlin, um ein Zeichen zu setzen.

Die Initiative konnte dazu beitragen, dass Pflegende in der Politik Gehör finden und in den Medien präsenter sind. Mittlerweile erreichen wir vor allem über die sozialen Medien mehr als 20.000 Menschen und helfen so, das tabuisierte Thema in die Gesellschaft zu bringen. Den Betroffenen tut es gut, endlich gehört zu werden. Sich mit dieser Problematik nicht alleine zu fühlen, stärkt ihr Selbstbewusstsein immens und wirkt sich auf die ganze Familie positiv aus. Durch ihre Berichte können Pflegende selbst etwas dafür tun, dass sich die sozialrechtliche Absicherung und wirkliche Wertschätzung für sie verbessert.

Vielen Dank für das Interview, Frau Hallermann.


Die ehrenamtliche und spendenfinanzierte Initiative gegen Armut durch Pflege ist ein Schwerpunktthema der bundesweiten Interessenvertretung pflegender Angehöriger „wir pflegen e.V.“ Sie arbeitet eng mit Betroffenen zusammen und dient als wichtige Anlaufstelle. Pflegende Angehörige erhalten nähere Informationen unter der Telefonnummer 02504 6967725 oder per E-Mail an initiative@armutdurchpflege.de.

Hier finden Sie Tipps und weitere Informationen zur privaten Pflegeversicherung.