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Unterstützung für Pflegeeltern: Bundesweit gültige Regeln gefordert

Ein behindertes Kind zu pflegen, ist für Eltern eine besondere Herausforderung. Nicht alle Mütter und Väter sind den Anforderungen gewachsen. Einige entscheiden sich daher, den Nachwuchs in die Obhut einer Pflegefamilie zu geben. Für die Kinder ist dies „eine großartige Chance“, sagt der Bundesverband behinderter Pflegekinder. Pflegeeltern müssen dagegen oft um Unterstützung kämpfen.
Der Bundesverband fordert mehr Unterstützung für Pflegefamilien
Gerhard Schindler vom Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V.

Dem Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V. (BbP) zufolge leben deutschlandweit laut aktuellen Schätzungen etwa 84.000 Kinder bei Pflegeeltern. Wie viele von ihnen eine Behinderung besitzen, wird statistisch jedoch nicht erfasst. Allein beim Verband bewerben sich jährlich mehrere Dutzend Pflegefamilien darum, ein behindertes Kind bei sich aufzunehmen, dennoch wird der tatsächliche Bedarf an Pflegestellen „bei Weitem nicht gedeckt“, sagt Gerhard Schindler vom BbP im Gespräch mit finanzen.de.

Der Verband versucht, die Jugendämter bei der Vermittlung von geeigneten Pflegefamilien zu unterstützen. „Im vergangenen Jahr hat dies bei zwanzig Kindern geklappt – so viele waren es noch nie“, betont Schindler. Das Leben in einer Pflegefamilie wirkt sich dabei sehr positiv auf die Kinder aus. Um deren Bedürfnissen gerecht zu werden, könnten Pflegefamilien allerdings besser unterstützt werden, kritisiert der BbP im Interview.

Herr Schindler, was bedeutet es für ein behindertes Kind, in einer Pflegefamilie statt in einem Pflegeheim aufzuwachsen?

Gerhard Schindler: Für ein Kind bedeutet dies eine großartige Chance. In einer Familie kann ein Kind enge Beziehungen aufbauen, die in einer Einrichtung mit wechselnden Bezugspersonen so überhaupt nicht möglich sind. Solche Bindungen sind für Kinder und ihre Entwicklung nachgewiesenermaßen außerordentlich wichtig – unabhängig davon, ob sie behindert sind oder nicht. Deshalb ist eine Pflegefamilie in den allermeisten Fällen die bessere Wahl.

Welche Voraussetzungen müssen Familien erfüllen, um ein behindertes Kind bei sich aufnehmen zu dürfen?

Gerhard Schindler: Die Voraussetzungen sind in den letzten Jahren deutlich umfangreicher geworden. Zunächst einmal müssen alle Pflegefamilien einen entsprechenden Kurs bei ihrem Jugendamt vor Ort absolvieren und eine Pflegeerlaubnis erhalten. Dazu gehört auch, ein erweitertes Führungszeugnis vorzulegen und seine Motivation zu erläutern. Gleichzeitig muss man sich selbst intensiv fragen: Was kann ich mir realistischerweise zutrauen? Ein ausführlicher Fragebogen hilft dabei.

Viele unserer Pflegeeltern, die ein Kind mit Behinderung aufgenommen haben, haben eine medizinische, pflegerische, therapeutische oder pädagogische Ausbildung. Noch wichtiger ist aber die Bereitschaft, sich auf ein Kind mit ganz besonderen Bedürfnissen einlassen zu wollen. Von den Familien, die sich bei uns bewerben, verlangen wir zusätzlich einen Erste-Hilfe-Kurs am Kind.

Pflegeeltern nehmen viel auf sich, um den besonderen Bedürfnissen eines behinderten Kindes gerecht zu werden. Wie werden sie dabei finanziell unterstützt?

Gerhard Schindler: Das ist leider noch immer nicht einheitlich geregelt und unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, häufig sogar von einem Amt zum andern. Deshalb fordern wir gemeinsam mit dem Runden Tisch der Adoptiv- und Pflegefamilienverbände seit langem Regeln, die bundesweit verbindlich gelten.

Grundsätzlich erhalten Pflegefamilien für die Aufnahme eines Kindes Pflegegeld. Dies ist ein etwas unglücklicher Begriff, weil die Leistungen der Pflegekasse genauso heißen, aber etwas komplett anderes beinhalten. Ein kleinerer Teil davon ist als Anerkennung für die Erziehung, der größere für den Unterhalt des Kindes vorgesehen. Dieser liegt, nach Alter gestaffelt, etwas über dem doppelten Sozialhilfesatz. Bei Kindern mit Behinderung bezahlen manche Jugendämter je nach Aufwand der Pflege bestimmte Sätze doppelt oder dreifach, andere Ämter dagegen nicht.

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Wie sieht die emotionale Unterstützung für Pflegeeltern aus?

Gerhard Schindler: Emotionale Unterstützung gibt es vom Amt nur selten. Bessere Rahmenbedingungen bieten da meist freie Träger der Jugendhilfe. Diese handeln praktisch im Auftrag des Jugendamtes, können Pflegeeltern jedoch oft andere Konditionen bieten, beispielsweise eine sehr viel engere Betreuung und Beratung sowie Entlastungsmöglichkeiten. Dort gehört oft auch Supervision ganz selbstverständlich dazu. Als Pflegefamilie braucht man jedoch immer ein persönliches Netzwerk, das die Entscheidung für ein Pflegekind mitträgt. Der Austausch mit anderen Pflegeeltern kann ebenfalls sehr hilfreich sein. Viele Jugendämter organisieren Gruppentreffen, aber auch in unserem Bundesverband spielen Unterstützung und Selbsthilfe eine große Rolle.

Wären in Ihren Augen weitere Unterstützungsangebote notwendig?

Gerhard Schindler: Oft würde es schon ausreichen, wenn bestehende Leistungen ohne großen Kampf zugestanden würden. Wir machen leider häufig die Erfahrung, dass Ämter oder Versicherungen Leistungen nicht bewilligen, obwohl das Kind oder die Familie laut Gesetz einen Anspruch darauf hat – etwa auf Supervision, auf unterstützende Beratung, in bestimmten Fällen auch auf einen Schulbegleiter oder auf Hilfsmittel. Immer wieder sind Widersprüche oder sogar Klagen nötig. Das ist vielfach sehr zermürbend und kostet Energie, die viel besser ins Familienleben gesteckt werden könnte.

Reicht die Kraft von Pflegeeltern für die Pflege eines behinderten Kindes einmal nicht aus, welche Möglichkeiten haben sie, um sich eine Auszeit zu nehmen?

Gerhard Schindler: Theoretisch gibt es für die betroffenen Pflegeeltern einige Hilfen. In der Praxis steht man jedoch vor zwei Hürden: Zum einen muss die entsprechende Leistung auch bewilligt werden. Das ist teilweise je nach Region durchaus verschieden. Selbst aus einem bundeseinheitlichen Gesetz werden Leistungen regional sehr unterschiedlich ausgestaltet. Das erstaunt uns immer wieder. Zum anderen müssen Pflegefamilien erst einmal jemanden finden, der zum Beispiel die Betreuung übernimmt.

Wenn das Kind einen Pflegegrad besitzt, kann die Pflegeversicherung für spezielle Maßnahmen die Kosten für einen Pflegedienst übernehmen. Außerdem bezahlt sie in einem bestimmten Umfang Entlastungsleistungen, Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege. Damit können Pflegeeltern verhaltensoriginelle Kinder beispielsweise in intensiv betreute Ferienfreizeiten schicken.

Braucht das Kind ein hohes Maß an Behandlungspflege, zahlt die Krankenkasse Fachstunden durch einen Pflegedienst, wenn dies ein Arzt verordnet. Die Kassen bieten außerdem Mutter-Kind-Kuren an. Hier gilt es allerdings, vorher genau abzuklären, ob die entsprechende Klinik auf die speziellen Bedürfnisse bei der Betreuung und Therapie des Kindes eingehen kann. Manche Familien bekommen auch zusätzliche Betreuungsstunden für das behinderte Pflegekind vom Sozialamt über die Eingliederungshilfe bezahlt.

 

Erholung über eine Eltern-Kind-Kur

Nicht nur (Pflege-)Eltern von behinderten Kindern wünschen sich oftmals eine Auszeit vom Alltagsstress. Während einer Mutter- oder Vater-Kind-Kur können sie sich gemeinsam mit dem Kind erholen und neue Kraft tanken. Auf dem Weg zur Kur helfen ihnen diese Tipps.

Wie unterscheiden sich die Rechte und Pflichten von Pflegeeltern gegenüber denen von leiblichen Eltern?

Gerhard Schindler: Pflegeeltern haben grundsätzlich mehr Pflichten als Rechte. Sie verpflichten sich, für das Wohl ihres Pflegekindes zu sorgen. Dafür erhalten sie Unterstützung vom Jugendamt, müssen dort aber auch Rechenschaft ablegen. Allein entscheiden können sie für das Kind nur ganz alltägliche Dinge, etwa wann es ins Bett muss oder in welchen Verein es gehen darf. Schon bei der Schulanmeldung oder bei Krankenhausaufenthalten muss derjenige entscheiden, der das Sorgerecht innehat. Je nach Vorgeschichte können das die leiblichen Eltern oder ein Amtsvormund sein.

Wenn als Ziel vereinbart ist, dass das Pflegekind dauerhaft in der Pflegefamilie bleiben soll, empfehlen wir den Pflegeeltern grundsätzlich, die Übertragung der Personensorge auf sich zu beantragen. So wird es einfacher, Dinge selbst zu entscheiden – wobei die Pflegeeltern dann auch manchen Kampf gegen Behörden allein durchfechten müssen. Die gleichen Rechte wie leibliche Eltern erhalten Pflegeeltern allerdings nie. Das wäre nur bei einer Adoption der Fall.

Vielen Dank für das Interview, Herr Schindler.