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Diabetes-Patienten werden immer jünger: Mehr Prävention gefordert

Bis zu sieben Millionen Menschen leiden in Deutschland an Diabetes und es werden immer mehr. Um hier gegenzusteuern, fordert die Deutsche Diabetes Gesellschaft mehr Prävention. Vor allem junge Menschen müssten stärker zu einem gesunden Lebensstil motiviert werden. Denn die Patienten werden zunehmend jünger.
Diabetes betrifft längst nicht mehr nur ältere Menschen
Viel Bewegung ist ein wichtiger Schritt bei der Diabetes-Prävention

Jedes Jahr steigt die Zahl der Diabetiker schätzungsweise um etwa 300.000 Patienten. Da es kein offizielles Register gibt, sind genaue Zahlen kaum zu ermitteln, weiß Prof. Dr. Baptist Gallwitz von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Hinzu kommt eine Dunkelziffer von bis zu zwei Millionen bisher nicht bekannten Diabetes-Fällen. Denn viele Menschen wissen zunächst gar nicht, dass sie die Zuckerkrankheit haben, so Gallwitz.

Im Interview mit finanzen.de erklärt er, dass die Krankheit inzwischen immer mehr junge Menschen betrifft. Besonders der durch einen ungesunden Lebensstil oder eine Vererbung bedingte Typ 2-Diabetes, früher „Altersdiabetes“ genannt, trete nun häufig schon bei Personen zwischen 30 und 40 Jahren auf. In anderen Ländern wie den USA seien die Patienten sogar noch jünger.

Herr Prof. Dr. Gallwitz, woran erkennen Patienten, ob sie an Diabetes leiden?

Prof. Dr. Baptist Gallwitz: Generell gehen wir davon aus, dass viele Diabetes-Patienten zunächst einmal nicht von ihrer Krankheit wissen und die entsprechende Diagnose erst mit einer Verspätung von etwa fünf bis zehn Jahren bekommen. Das liegt einerseits daran, dass die Warnsignale für eine Diabetes-Erkrankung sehr unspezifisch sind. So fällt beispielsweise ein erhöhter Blutzuckerwert erst auf, wenn man zum Gesundheitscheck geht und dort eine nüchterne Blutprobe untersucht wird.

Andererseits sind die Symptome für einen höheren Blutzuckerwert ebenfalls nicht leicht zu erkennen. Die Patienten können zum Beispiel Müdigkeit und Abgeschlagenheit sowie ein leicht erhöhtes Risiko für Infektionen bemerken. Oftmals werden solche Anzeichen jedoch auf andere Erkrankungen oder das Alter geschoben.

Was sind die ersten Behandlungsschritte bei einer Diabetes-Diagnose?

Prof. Dr. Baptist Gallwitz: Besonders wichtig ist es, die Krankheit so früh wie möglich zu erkennen und effektiv zu behandeln, um das Risiko für Folgeerkrankungen zu verringern. Chronisch erhöhte Blutzuckerwerte führen zu Gefäßschädigungen, die letztlich Herzinfarkte und andere Krankheiten begünstigen. Einer der wichtigsten Behandlungsschritte ist die sogenannte Lebensstilintervention, in erster Linie eine gesündere Ernährung und viel Bewegung. Dadurch können sich die erhöhten Blutzuckerwerte wieder normalisieren.

Ist Diabetes heilbar?

Prof. Dr. Baptist Gallwitz: Diabetes ist grundsätzlich nicht komplett heilbar. Mit der richtigen Behandlung kann die Krankheit allerdings bis auf ein Minimum zurückgedrängt werden. Insbesondere Typ 2-Diabetes ist jedoch fortschreitend und kommt im Laufe des Lebens trotzdem oftmals zurück.

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Welche Behandlungen werden bei Diabetes von der Krankenversicherung übernommen?

Prof. Dr. Baptist Gallwitz: Es gibt sogenannte Disease -Management-Programme für den Typ 2-Diabetes, die sowohl von den gesetzlichen Krankenkassen als auch in der privaten Krankenversicherung in der Regel übernommen werden. In diesem Rahmen ist garantiert, dass jeder Patient eine Schulung erhält, bei der er wichtige Informationen zur Krankheit und zu seiner Lebensumstellung bekommt. Viele Erkrankte werden jedoch leider nicht kontinuierlich unterstützt und motiviert, beispielsweise durch regelmäßiges Coaching oder ähnliches. Wir als Fachgesellschaft für Diabetes fordern daher eine bessere Begleitung und Betreuung der Patienten.

Wie könnte das Nachwuchsproblem in der qualifizierten und patientengerechten Versorgung von Diabetikern Ihrer Meinung nach gelöst werden?

Prof. Dr. Baptist Gallwitz: Wichtig ist zum einen, dass die Beschäftigung als Diabetesassistent oder Diabetesberater, staatlich anerkannte Berufsgruppen werden. Sie beinhalten einen Großteil der Patientenbetreuung. Dies würde den Berufszweig insgesamt reizvoller machen.

Zum zweiten muss die ärztliche Versorgung gestärkt werden. Dazu sollte auch das Fach der Diabetologie wieder attraktiver werden, damit sich Medizinstudenten möglichst früh für diese Fachrichtung entscheiden. Leider haben nur acht der rund 30 deutschen Universitäten einen Lehrstuhl für Diabetologie. Bei den übrigen Einrichtungen ist es mehr oder weniger dem Zufall überlassen, ob die Studenten im Rahmen von anderen Fächern etwas über Diabetologie lernen.

Auch die Facharztausbildung sollte mehr gesichert werden. So schließen viele Krankenhäuser ihre Diabetes-Abteilungen, da die entsprechenden Behandlungen zu schlecht vergütet werden. Wir von der DDG machen uns unter anderem dafür stark, die Leistungen der Diabetesbehandlung besser abzubilden, damit die Vergütung dafür steigt.

Können technische Hilfsmittel wie Apps bei der Versorgung von Patienten unterstützen?

Prof. Dr. Baptist Gallwitz: Die Digitalisierung ist für die Diabetologie ein großes Thema. Natürlich kommt es immer auf die Patienten und ihr entsprechendes Krankheitsbild an, was für sie gut ist. So brauchen beispielsweise ältere Menschen, die an Typ 2-Diabetes leiden, andere Maßnahmen als jüngere Patienten mit Typ 1. Apps, die beispielweise die täglichen Blutzuckerwerte aufzeichnen, können definitiv eine Erleichterung sein. Allerdings müssen die Daten beim behandelnden Arzt entsprechend ausgelesen werden können. Aspekte wie Konnektivität und Kompatibilität sind aktuell im Gesundheitswesen noch nicht klar geregelt. Hier bedarf es in Zukunft noch Verbesserungen.

Was müsste Ihrer Meinung nach im Bereich der Prävention getan werden, um Neuerkrankungen, vor allem bei Kindern, zu verhindern?

Prof. Dr. Baptist Gallwitz: Grundsätzlich sollte in der Prävention noch viel mehr getan werden, als dies bisher der Fall ist. Diabetes tritt als Krankheit wesentlich häufiger in ärmeren und bildungsferneren Bevölkerungsgruppen auf als in wohlhabenderen und gebildeten Schichten. Das ist ein Skandal. Um dagegen vorzugehen, müssen gesellschaftliche Forderungen erhoben werden, sodass mehr Menschen motiviert werden, eine gesunde Lebensweise anzunehmen. Das fängt schon bei den Kindern an. Darum fordern wir Ernährungsstandards für die Kindergarten- und Schulverpflegung. Bisher sind die einzelnen Einrichtungen auf sich gestellt, die Unterstützung in den Bundesländern ist sehr heterogen. Weiterhin könnte in Kindergärten und Schulen der Limonadenverkauf gestoppt werden und es sollte sichergestellt werden, dass jedes Kind ausreichend Bewegung bekommt. Ein Verbot von Lebensmittelwerbung, die sich direkt an Kinder richtet, beispielsweise für Süßwaren, wäre ebenso möglich.

Wir denken außerdem darüber nach, die Steuerreglungen zu verändern. Gesunde Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Vollkornprodukte könnten steuerlich entlastet werden, während Süßwaren oder Fertigprodukte mit der vollen Mehrwertsteuer belegt werden.

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Dr. Gallwitz.