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Gegen Chaos in der Notaufnahme: Neue Pauschale bei Kliniken unbeliebt

Seit dem 1. April erhalten Krankenhäuser für jeden Patient, der keine dringende Behandlung benötigt, eine sogenannte Abklärungspauschale. Doch die Vergütung ist bei den Kliniken äußerst unbeliebt. Dabei soll sie helfen, überfüllte Notaufnahmen zu leeren. Die Krankenhäuser argumentieren allerdings, dass die Regelung zulasten von Ärzten und Patienten geht.
Vergütung von Notfallpatienten: Pauschale reicht Kliniken nicht aus
Abklärungspauschale: Echter Notfall oder Fall für den Hausarzt

Die Abklärungspauschale wird seit Anfang April 2017 für alle Patienten gezahlt, die in Notaufnahmen nicht weiter behandelt, sondern stattdessen zur weiteren Behandlung an den Hausarzt oder einen ambulant tätigen Facharzt verwiesen werden. Die Pauschale beträgt pro Patient tagsüber 4,74 Euro, in der Nacht 8,42 Euro. Damit werden die Krankenhäuser erstmals für die Abklärung honoriert. Was jedoch nach einer für die Kliniken positiven Regelung klingt, wird von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) nun beklagt. Demnach erhöht die Pauschale den Zeitdruck auf die Notfallmediziner.

Abklärungspauschale in der Notaufnahme: Darum sind die Kliniken unzufrieden

Die Abklärungspauschale veranschlagt die notwendige Zeit für die Entscheidung, ob ein Patient dringend weiterbehandelt werden muss oder nicht, auf zwei Minuten. Der Befund muss laut DKG-Geschäftsführer Georg Baum nicht nur medizinisch korrekt, sondern auch rechtssicher sein. Die zwei Minuten schließen zudem die verwaltungsmäßige Erfassung des Patienten ein. „Das kann nicht im Sinne von Ärzten sein. Im Sinne von Patienten ist es sicherlich nicht“, sagt Baum laut Deutscher Presse-Agentur.

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Kritik der Krankenhäuser „ausgemachter Unsinn“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bezeichnen die Einwände der DKG als „ausgemachten Unsinn“. KBV-Vorstandsvorsitzender Andreas Gassen erklärt, dass die Notfallambulanzen entlastet werden, wenn abgeklärt werden kann, ob ein Patient akut behandlungsbedürftig sei oder besser durch einen niedergelassenen Arzt behandelt wird. Darüber hinaus bedeute die Pauschale nicht, dass nun alle medizinischen Entscheidungen innerhalb von zwei Minuten getroffen werden müssten. Johann-Magnus von Stackelberg vom GKV-Spitzenverband wirft der Krankenhauslobby sogar vor, sie würde Ärzte und Patienten mit Schreckensmeldungen verunsichern.

Überlastung in Notfallpraxen steigert Frust und Aggression unter Patienten

Das Problem überfüllter Notarztpraxen ist keineswegs neu. Vielerorts führen lange Wartezeiten zu Frust unter den Patienten. Immer wieder entlädt sich dieser auch in Gewaltbereitschaft sowohl untereinander als auch gegenüber dem Klinikpersonal. So berichtete das Diakonissenkrankenhaus in Karlsruhe nach einer Risikoanalyse für das Jahr 2015 von 970 Fällen aggressiven Verhaltens in Notaufnahme und Intensivstation inklusive 166 Vorkommnissen mit körperlicher Gewalt. Auch andere Krankenhäuser können mit ähnlichen Zahlen belegen, wie sich die Überlastung der Notaufnahmen auf die Kliniksicherheit auswirkt.

Ambulante Praxen zur Entlastung von Notaufnahmen

Neben Sicherheitspersonal und Schulungen für Ärzte und Pfleger um Sicherheit zu fördern, gibt es den Vorstoß, durch sogenannte Portalpraxen das Patientenaufkommen in den Notaufnahmen zu reduzieren. In diesen könnten Patienten, die kein akuter Notfall sind, aber in den sprechstundenfreien Zeiten in der Nacht und an den Wochenenden ihren Hausarzt nicht erreichen, behandelt werden. Dieser Vorschlag ist aber ebenso umstritten wie die jetzt eingeführte Abklärungspauschale.

„Es gibt gar nicht genug nie­der­gelassene Ärzte, um solche Portalpraxen durchgehend und an allen Klinik­standorten zu besetzen“, erklärt beispielsweise der Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung Dominik von Stillfried gegenüber dem Ärzteblatt. Daher ist fraglich, ob Portalpraxen über einzelne Pilotprojekte hinaus auch flächendeckend in Deutschland umgesetzt werden.