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W20: „Frauenrechte sind Menschenrechte - und ökonomisch wichtig“

Auf dem diesjährigen G20-Gipfel in Hamburg steht nicht nur wie üblich die internationale Zusammenarbeit auf der Tagesordnung. Dieses Mal trägt zudem die Bundeskanzlerin höchstpersönlich die Forderungen der Organisation W20 den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern vor. Es geht vor allem um die wirtschaftliche Stärkung von Frauen.
W20 bringt die wirtschaftliche Stärkung von Frauen beim G20 Gipfel auf den Tisch
Juliane Rosin ist Leiterin des Kooperationsprojekts W20

Bereits zum zwölften Mal werden sich vom 7. bis 8. Juli die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer beim G20-Gipfel zusammensetzen und in Hamburg über wirtschaftliche Beziehungen sowie den Welthandel sprechen. Was bisher jedoch außen vor geblieben ist, sind die Rechte der Frauen in der Arbeitswelt. Das soll sich ändern: Dazu gab es bereits Ende April das W20 (Women 20)-Treffen, auf dem unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel, First Daughter und Unternehmerin Ivanka Trump, Königin Maxima der Niederlande und IWF-Chefin Christine Lagarde über Feminismus und wirtschaftliche Stärkung von Frauen sprachen. Die zentralen Forderungen der W20-Gruppe trägt Merkel im Juli nach Hamburg und stößt damit eine längst überfällige Debatte auf dem G20-Treffen an. finanzen.de hat darüber mit Juliane Rosin, der Leiterin von W20, gesprochen.

Das Ziel von W20 ist im Rahmen einer Arbeitsgruppe integraler Bestandteil des G20-Gipfeltreffens zu werden. Der Fokus soll auf der wirtschaftlichen Stärkung von Frauen liegen. Wie ist es möglich, dass dieser Ansatz bei den G20-Gipfeln bisher fehlt?

Juliane Rosin: Das überhaupt die wirtschaftliche Stärkung von Frauen auf der Agenda der G20 steht, ist eine relativ neue Entwicklung. Auch W20 selbst existiert erst seit 2015. Dazu ist es wichtig, die Geschichte der G20 zu betrachten. Man muss etwa verstehen, dass G20 als informelles Forum der Finanzminister*innen und Zentralbankchefs 1998 begann und erst seit 2008 – als Folge der Weltwirtschaftskrise –  breiter aufgestellt und auf die Ebene der Staats- und Regierungschef*innen gehoben wurde. Im Zuge dieser Entwicklung wurde zu Recht erkannt, dass zur finanziellen Stabilität auch die gesellschaftliche Stabilität gehört und Geschlechtergerechtigkeit hier eine wichtige Rolle spielt. 

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Bundeskanzlerin Angela Merkel trägt die Forderungen der W20 in die G20 Verhandlungen. Welche sind in Ihren Augen die drei zentralen Punkte, die Frau Merkel beim Gipfeltreffen in Hamburg unbedingt einbringen sollte?

Juliane Rosin: Um die drei wichtigsten Forderungen zu formulieren, muss ich ein wenig ausholen. Die G20 hat bereits erkannt, dass Geschlechtergerechtigkeit keine reine Menschenrechtsfrage ist, sondern ökonomisch von hoher Bedeutung. Es wäre schöner, wenn der erste Grund reichen würde, um gleiche Rechte für alle Geschlechter durchzusetzen. Das ist aber leider nicht der Fall: Derzeit arbeiten Frauen zwar mehr als Männer (wenn man unbezahlte und bezahlte Arbeit zusammenzählt), sie bekommen aber weniger Lohn, leiden unter größerer sozialer Unsicherheit, haben weniger Zeit für sich und eine geringere Rente. Um das zu ändern, reicht es nicht, einzelne Symptome zu behandeln, wir müssen an die Wurzel des Problems. Unserer Meinung nach müssen wir dafür an den folgenden drei Punkten arbeiten:

1.       Die wirtschaftliche Förderung von Frauen muss zu einem zentralen Thema von G20 werden, das von verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Außerdem fordern wir die Einführung verschiedener klarer Indikatoren, um die Umsetzung unserer Ziele zu dokumentieren. Darüber hinaus bedarf es einer konsequenten Beobachtung der Daten, um ableiten zu können, welche Instrumente wirklich wirken.

2.       Es darf nicht bei politischen Versprechungen bleiben. Es gibt bereits eine Reihe internationaler Abkommen, die sich für Geschlechtergerechtigkeit und die wirtschaftliche Stärkung von Frauen aussprechen. Diese müssen auch umgesetzt werden. Deshalb brauchen wir konkrete Aktionspläne auf Ebene der G20 und auch national. Dazu haben wir zusätzlich zu unserem Communiqué Maßnahmen, Beispiele für Indikatoren und relevante Studien sowie Berichte gesammelt.

3.       Da die Digitale Transformation ein zentrales Thema für 2017 ist, ist es wichtig, dass die G20 anerkennt,  das diese besondere Konsequenzen für Frauen hat. Wir fordern einen konkreten 5-Jahres-Plan, der den bestehenden „digital gender devide“ aufbricht, damit alle Geschlechter gleichberechtig vom digitalen Wandel profitieren.

Das W20-Treffen war besonders während des hochkarätig besetzten Gesprächs zwischen der Bundeskanzlerin, Königin Maxima der Niederlande, IWF-Chefin Christine Lagarde und der First Daughter Ivanka Trump im Fokus der Medienöffentlichkeit. Welche Reibungspunkte stachen zwischen diesen Personen hervor?

Juliane Rosin: Das Panel war eine große Bereicherung für den W20 Summit. Die öffentliche Wahrnehmung für W20 ist enorm gestiegen und selbst Wochen nach der Veranstaltung nehmen die Anfragen nicht ab. Das macht es einfacher die Forderungen eines sehr diversen Netzwerkes in die G20 Verhandlungen einzubringen. Außerdem haben wir eine öffentliche Plattform gewonnen, auf der wir über Geschlechtergerechtigkeit allgemein und die wirtschaftliche Förderung von Frauen ganz konkret diskutieren können. Trotzdem ist das Panel nicht das Herzstück unserer Arbeit, denn der W20 Summit ist der Höhepunkt einer langen Arbeitsphase. Unser Communiqué, welches auf dem Summit abgestimmt wurde, ist das Ergebnis eines internationalen Dialogs mit Vertreterinnen von Frauen-NGOs, Unternehmerinnen, Forscherinnen, Parlamentarierinnen und weiteren. In diesem Prozess haben wir also Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen zusammengebracht – ein sehr einzigartiges Setting, in dem es natürlich viele Reibungspunkte gab. Aber genau das bringt uns in der Diskussion, was Frauen brauchen, und dem Findungsprozess, wie die Wirtschaft die Forderungen umsetzen kann, wirklich voran.

Es gibt zahlreiche Bewegungen gegen den G20-Gipfel. Initiativen wie NoG20 verfolgen etwa das Ziel, nicht nur die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer zu Wort kommen zu lassen, sondern fordern mehr Mitspracherecht für alle Länder. Wie steht W20 zu diesen Forderungen?

Juliane Rosin: W20 versteht das G20-Gipfeltreffen als Forum der politischen Meinungsbildung. Dort müssen dringend notwendige und ganz konkrete Schritte vorangetrieben werden, die bereits an anderer Stelle gefordert wurden. Wir wollen das Rad nicht neu erfinden, sondern dazu beitragen, dass wichtige Beschlüsse endlich umgesetzt werden. Leider erleben wir einige große Akteure, wie die UNO, als sehr schwerfällig. Ein Forum wie die G20 muss sich als Aufgabe setzen, als Vermittler international zu wirken. Wir begrüßen, dass das Forum auch die Zivilgesellschaft mit einbindet. W20 ist nur eine von vielen Interessengruppen, die am Gesprächsprozess beteiligt sind. Jeder der Gruppierungen steht es natürlich frei, Teilnehmer*innen aus nicht G20-Staaten einzuladen. Außerdem sind Delegierte internationaler Organisationen wie der UNO ebenfalls offizielle Teilnehmer*innen der G20-Verhandlungsrunden. Sie bringen ihre Stimme laut ein und vertreten weit mehr als 20 Länder.

Vielen Dank für das Interview, Frau Rosin.