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„Menschen mit Behinderung können hervorragende Fachkräfte sein“

Menschen mit Behinderung oder besonderem Förderbedarf haben es auf dem Arbeitsmarkt oft schwer. Das liegt vor allem daran, dass viele Arbeitgeber Bedenken haben, wie sich das Handicap auf den Berufsalltag auswirkt, betont das Annedore-Leber Bildungswerk Berlin (ALBBW). Die Einrichtung fördert junge behinderte Menschen bei der Ausbildung und dem Berufseinstieg.
Ausbildung ist für das ALBBW nicht nur Grundlage der Existenzsicherung
Margrit Zauner vom ALBBW (Bildquelle: ALBBW)

Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt Unternehmen finanziell, die Menschen mit Behinderung ausbilden und später als Mitarbeiter übernehmen. Trotzdem sind viele Arbeitgeber skeptisch, wenn es darum geht, Personen mit Handicap einzustellen. Denn sie wissen nicht, welchen Einfluss der spezielle Förderbedarf auf den Arbeitsalltag hat, erklärt Margrit Zauner vom Berufsbildungswerks Berlin e.V., dem Trägerverein des ALBBW. Sie fordert darum eine bessere Aufklärung, damit mehr Firmen erkennen, dass auch behinderte Personen sehr gute Fachkräfte sein können.

Das große Ziel des ALBBW ist, dass möglichst jeder junge Mensch einen passenden Arbeitsplatz findet. Dieser sichert nicht nur seine Existenz, sondern sorgt auch für Struktur und Zufriedenheit im Lebensalltag, wie Zauner im Interview betont.

Sie bieten Menschen, die eine Behinderung oder besonderen Förderbedarf haben, die Möglichkeit einer Berufsausbildung. Welche Besonderheiten gibt es dabei?

Margrit Zauner: Das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin ist eine rehabilitationsspezifische, außerbetriebliche Einrichtung, die junge Erwachsene mit Körper-, Sinnes- und Lernbehinderungen sowie psychischen Erkrankungen für den ersten Arbeitsmarkt ausbildet. Da viele unserer Auszubildenden einen sehr hohen Förderbedarf haben, steht ihnen ein interdisziplinäres Team aus Fachkräften der Bereiche Psychologie, Sozial-, Sonder- und Freizeitpädagogik sowie Medizin, Physio- und Ergotherapie während der gesamten Lehrzeit zur Seite. Dies gilt auch für die betrieblichen Phasen, die bei Kooperationsunternehmen absolviert werden.

Welche Bedeutung hat die berufliche Ausbildung für junge Menschen, die sie unterstützen?

Margrit Zauner: Unser Ziel ist es, jungen Menschen mit Behinderung den Weg in einen sozialversicherungspflichtigen Job zu ebnen. Eine Berufsausbildung ist die Basis dafür, später eigenes Geld zu verdienen und nicht von staatlichen Transferleistungen abhängig zu sein. Doch es geht um mehr als den Broterwerb: Arbeit ist eine wichtige sinnstiftende Komponente des Lebens, die Halt, Zufriedenheit und Sicherheit gibt. Der Zugang jedes Menschen zu einer Ausbildung als Grundlage für eine eigenständige Existenzsicherung ist zudem ein wichtiges Element der demokratischen Teilhabe und Wertschätzung aller in einer Gesellschaft.

Wie sieht die Situation am Ausbildungsmarkt für Menschen mit Behinderung aus? Wie viele Unternehmen bieten spezielle Ausbildungsplätze für sie an?

Margrit Zauner: Die Bereitschaft der Unternehmen, Menschen mit Behinderung einzustellen, nimmt zu. Die Betriebe wissen, dass der Bewerber beziehungsweise die Bewerberin bereits eine Ausbildung geschafft und demzufolge Potenzial hat. Hinsichtlich der Ausbildung gibt es mehr Zurückhaltung, da die Personalverantwortlichen sich oft nicht sicher sind, ob die jungen Leute den betrieblichen Anforderungen gerecht werden.

Für diesen Fall bietet sich das Modell der Verzahnten Ausbildung mit Berufsbildungswerken an: Die Auszubildenden absolvieren bis zur Hälfte ihrer Lehrzeit in einem Betrieb – wir betreuen sie in dieser Phase aber engmaschig weiter und stehen auch den Kolleginnen und Kollegen im Betrieb beratend zur Seite. Aktuell haben wir etwa 150 Kooperationsunternehmen, mit denen wir diese Form der Ausbildung durchführen.

Unser Service für Sie

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Nach erfolgreicher Ausbildung unterstützen Sie Menschen mit Behinderung auch beim Übergang in den Beruf. Wie genau erfolgt die Vermittlung in Unternehmen?

Margrit Zauner: Im Mittelpunkt unserer Aktivitäten zur Überleitung in ein Arbeitsverhältnis steht ein individuelles Vermittlungscoaching. Ziel ist, dass jeder junge Mensch den zu ihm passenden Arbeitsplatz findet. Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unterstützen die Auszubildenden bei der Stellensuche sowie dem Erstellen von Bewerbungsunterlagen, pflegen umfangreiche Kontakte zu Unternehmen und beraten diese zu Fragen rund um die Einstellung und eventuelle Fördermöglichkeiten.

Mit welchen Herausforderungen haben Menschen mit Behinderung beim Berufseinstieg zu kämpfen?

Margrit Zauner: Auch wenn viele Unternehmen erkannt haben, dass Menschen mit Behinderung hervorragende Fachkräfte sein können, bleibt noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Manche Arbeitgeber haben Berührungsängste, weil sie nicht wissen, wie sich bestimmte Erkrankungen im Berufsalltag äußern. Hier hilft konsequente Information und Beratung.

Wie viele Jugendliche bilden Sie pro Jahr aus und vermitteln sie anschließend?

Margrit Zauner: Jedes Jahr beenden über hundert junge Frauen und Männer ihre Ausbildung im ALBBW und stehen Unternehmen als qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung. Unsere aktuelle Vermittlungsquote beträgt ein halbes Jahr nach Ausbildungsende 53 Prozent.

Das Annedore-Leber-Bildungswerk fördert bereits seit knapp 40 Jahren junge Menschen mit Behinderung. Wie finanzieren Sie sich und Ihr Förderangebot?

Margrit Zauner: Kostenträger unserer Angebote ist in den allermeisten Fällen die Bundesagentur für Arbeit. Die Anmeldung erfolgt deshalb in der Regel über die sogenannten Reha-Teams der Arbeitsagenturen am jeweiligen Wohnort der Jugendlichen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Zauner.