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„Die Menschen müssen für die Energiewende neu begeistert werden“

Norwegen gilt als Elektromobilitätsvorreiter. Jeder dritte Neuwagen ist elektrisch, insgesamt fahren über 124.000 Elektroautos durch das Land. In Deutschland sind dagegen nur rund 50.000 E-Autos gemeldet. Bis 2020 sollen es eine Million Fahrzeuge sein. Dieses Ziel wird die Bundesrepublik jedoch verfehlen. Das ist bedauerlich. Denn Elektromobilität stellt einen Schlüssel für die Energiewende dar
Energiewende braucht jetzt mutige Entscheidungen
Energiewende: Kein gutes Zeugnis für die alte Bundesregierung

Keine Kfz-Steuer, keine Mehrwertsteuer, keine Anmeldegebühren, keine Maut – Wie Elektromobilität im eigenen Land erfolgreich vorangetrieben werden kann, zeigt Norwegen. Durch diverse Förderungen zahlen Autofahrer für einen Neuwagen mit E-Motor weniger als für ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. In Deutschland müssen Autokäufer trotz staatlicher Umweltprämie dagegen noch immer mehr zahlen, wenn sie einen Wagen mit grünem Motor wollen.

Daher verwundert es auch nicht, dass bis Januar 2017 gerade einmal rund 34.000 E-Autos zugelassen waren. Bis Ende September dieses Jahres sind zwar weitere 16.400 Stück dazugekommen. Doch vom Ziel, bis 2020 eine Million Fahrzeuge mit E-Motor zugelassen zu haben, ist die Bundesregierung noch 950.000 Wagen entfernt – und damit weit weg von einer Verkehrswende.

Genau diese muss hierzulande jedoch geschafft werden, um die Energiewende voranzutreiben, erläutert Christof Timpe, Leiter des Bereichs Energie und Klimaschutz beim Öko-Institut in Freiburg. Vor welchen Herausforderungen Deutschland noch steht und was die neue Bundesregierung dazu tun muss, erzählt Timpe im Interview mit finanzen.de

Die Energiewende kommt hierzulande nur langsam voran. Was sind aus Ihrer Sicht die zwei größten Herausforderungen, vor denen Deutschland steht, um die Energiewende voranzutreiben?

Christof Timpe: Während wir im Bereich der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien bereits gute Fortschritte gemacht haben, sind die Treibhausgas-Emissionen Deutschlands in den letzten Jahren nicht weiter gesunken. Zugleich hat die Bundesrepublik aber die Klimaschutzvereinbarung von Paris ratifiziert, wonach die Erhitzung des globalen Klimas auf unter zwei Grad beschränkt werden soll. Um hier wieder Fortschritte zu machen, sind in Deutschland zwei Maßnahmen zentral:

Zum einen müssen wir die Verbrennung von Kohle in Kraftwerken kurzfristig deutlich reduzieren und in absehbarer Zeit komplett beenden. Das Öko-Institut hat vorgeschlagen, dass alle Kohlekraftwerke, die älter als 30 Jahre sind, innerhalb kurzer Zeit stillgelegt werden. Weiterhin soll der Betrieb von jeglichen Kohlekraftwerken im Jahr 2035 beendet werden. Dies ergibt einen geordneten Zeitplan für den Kohleausstieg und gibt der Kohlewirtschaft und den betroffenen Regionen Zeit für den nötigen Strukturwandel.

Zum anderen müssen wir die Verkehrswende schaffen. Der Verkehr ist der einzige Sektor unserer Wirtschaft, in dem die Treibhausgas-Emissionen in den letzten Jahrzehnten sogar angestiegen sind. Entscheidend ist, dass wir das stetige Wachstum der mit Auto und Flugzeug zurückgelegten Strecken brechen und viel stärker auf umweltverträgliche Verkehrsmittel wie Bahn, Busse, öffentlichen Nahverkehr sowie Fahrrad und zu Fuß gehen setzen. Auch der stetig wachsende Güterverkehr muss eingegrenzt werden. Ergänzend hierzu müssen wir die motorisierten Fahrzeuge umweltverträglich machen. Die größten Hoffnungen liegen hier auf der Elektromobilität, nicht nur beim Pkw, sondern auch bei Fahrrädern, Bussen und gegebenenfalls auch Lkws.

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Wie beurteilen Sie die Energiepolitik der letzten vier Jahre?

Christof Timpe: Vor allem bei den Erneuerbaren Energien ist einiges erreicht worden. Auf den beiden gerade genannten Feldern, Kohleausstieg und Verkehrswende, kann der alten Bundesregierung aber kein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Hier wurden viele gute Ansätze und Vorschläge nicht umgesetzt.

Auch in anderen Bereichen ist zu wenig geschehen, zum Beispiel bei der energetischen Sanierung des Gebäudebestands oder bei der Reduktion des Strombedarfs in allen Bereichen.  

Was erwarten Sie von der nächsten Regierung?

Christof Timpe: Die wichtigsten Handlungsfelder habe ich bereits angesprochen, hier gibt es wirklich viel zu tun. Es wird nötig sein, mutige Entscheidungen zu treffen, auch gegen die zu erwartenden Widerstände, die das langfristige Ziel des Klimaschutzes und den im Abkommen von Paris verankerten Budgetansatz im Auge behalten.

Über den konkreten politischen Handlungsbedarf hinaus muss es aber auch gelingen, die Menschen neu für die Energiewende zu begeistern. Die neue Bundesregierung muss es schaffen, die positive Vision einer umwelt- und klimaverträglichen Energieversorgung wieder in den Vordergrund zu stellen. Diese Vision darf nicht durch die Mühen und Diskussionen bei der Umsetzung im Detail verdeckt werden. Dazu gehört auch, die Verteilungseffekte der Energiewende im Griff zu behalten und bei Bedarf nachzusteuern. Auch die Menschen in Haushalten mit geringeren Einkommen sollen in energetisch gut sanierten Gebäuden leben und effiziente Geräte nutzen können.

Welche Tipps haben Sie an Privatpersonen, die einen eigenen Beitrag gegen den Klimawandel leisten wollen?

Christof Timpe: Wer eine Wohnung oder ein Haus besitzt, sollte sich fragen, wie diese Immobilie so gedämmt werden kann und wie der verbleibende Wärmebedarf gedeckt werden kann, dass das Gebäude in absehbarer Zeit möglichst keine Treibhausgas-Emissionen mehr ausstößt. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, deren Umsetzung oftmals einen langen Atem braucht. Wer zur Miete wohnt, sollte den Vermieter fragen, was er hierfür tut.

Darüber hinaus sollten wir alle vor allem unser Mobilitätsverhalten hinterfragen. Wie kann ich Urlaubs- und Geschäftsreisen so planen, dass möglichst wenige Emissionen verursacht werden? Das bedeutet vor allem wenige Reisen, die dafür aber länger dauern dürfen, und die Nutzung von umweltverträglichen Verkehrsmitteln. Auch bei den täglichen Wegen zur Arbeit, in die Schule, zur Ausbildung und zu Einkäufen sollten wir prüfen, ob wir nicht ein Fahrrad oder einen Bus nutzen können. Vielleicht wäre ein E-Bike eine gute Anschaffung, um weniger auf das Auto angewiesen zu sein?

Ein weiterer wichtiger Schritt ist das Hinterfragen der eigenen Konsumgewohnheiten. Wie viele neue Dinge benötige ich wirklich und kann ich sie auch nach Umweltkriterien auswählen? Viele Produkte sind einfach unnötig und verursachen zudem bei Herstellung und Gebrauch einen unnötig hohen Verbrauch an Ressourcen und Energie.

Und nicht zuletzt hoffe ich, dass diejenigen, die etwas gegen die Klimaerwärmung tun wollen, am 24. September auch eine Partei gewählt haben, die den Klimaschutz zu einer ihrer Prioritäten erklärt hat. Ansonsten ist bei der nächsten Wahl hierzu wieder Gelegenheit.

Vielen Dank für das Interview, Herr Timpe.