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Erbschaft: Ohne Testament ist der Ärger groß

Der Tod des Ehe- oder Lebenspartners verändert das Leben der Hinterbliebenen von einem auf den anderen Tag. Die wenigsten Paare wissen jedoch, wie stark die eigene Existenz durch das Ableben des Partners bedroht ist. Die Expertin für Erbrecht und Rechtsanwältin Pia Roggendorff-Jentsch erklärt deshalb im finanzen.de-Interview, was Lebens- und Ehepartner unbedingt miteinander klären sollten.
Ein Testament kann Erbschaftsstreitigkeiten verhindern
Mit einem Testament seine Liebsten bestmöglich absichern

Niemand beschäftigt sich gern mit dem eigenen Tod oder dem des Ehepartners. Doch wer die Augen vor möglichen Schicksalsschlägen verschließt, tut weder sich noch seinen Angehörigen einen Gefallen. Denn sobald ein Ehepartner beispielsweise durch einen Unfall oder eine Krankheit verstirbt, muss der verwitwete Partner seinen Alltag allein bewältigen.

Dieser sieht oft düster aus, wenn Paare den Nachlass zu Lebzeiten nicht mit einem Testament geregelt haben, weiß die Erbrecht-Expertin Pia Roggendorff-Jentsch. Denn dann setzt die gesetzliche Erbfolge ein, die nicht unbedingt im Sinne einer glücklichen Familie sein dürfte. Die Rechtsanwältin erklärt im Interview, mit welchen einfachen und kostenlosen Tricks sich Familien vor einem großen Drama schützen können.

Viele Familien zerstreiten sich nach einem Erbe. Denn es ist unklar, wem welcher Anteil zusteht. Was raten Sie Menschen, die eine Erbschaft hinterlassen werden, um einen Familienstreit nach ihrem Tod zu verhindern? Worauf sollten sie achten?

Pia Roggendorff-Jentsch: Jeder Mensch, der etwas zu vererben hat, sollte seinen Nachlass noch zu Lebzeiten regeln, um einen Familienstreit zu vermeiden. Das lässt sich mit einer sogenannten „Verfügung von Todes wegen“, zu der beispielsweise ein Testament gehört, relativ einfach bewerkstelligen. In einem Testament sollten die Anteile und die Gegenstände, die vererbt werden, im besten Fall gleichwertig sein und Personen zugeordnet werden. Es ist am einfachsten, wenn aus dem Testament hervorgeht, dass die jüngste Tochter etwa das Familienportrait erhält, die mittlere eine wertvolle Antiquität und die älteste das Auto des Verstorbenen. Um Streit zu vermeiden, sollte die Aufteilung wertemäßig gerecht erfolgen.

Die gesetzliche Erbfolge kann durch ein solches Testament zwar teilweise ausgehebelt werden. Doch es ist nicht möglich, ein direktes Familienmitglied, also Abkömmling, Eltern oder Ehegatten, vollständig zu enterben. Diese haben immer ein Anrecht auf einen Pflichtteil.

Gerade frisch verheiratete Paare stellen sich nach der Hochzeit die Frage, was im Todesfall des jeweils anderen mit den gemeinsamen Anschaffungen und dem Vermögen des verstorbenen Ehepartners geschieht. Welchen Erbanspruch hat der verwitwete Partner, wenn kein Testament oder ein anderer Vertrag besteht?

Pia Roggendorff-Jentsch: Sobald sich ein Paar zur Ehe entschlossen hat, lebt es automatisch in einer sogenannten Zugewinngemeinschaft. Ändern die Eheleute diesen Güterstand nicht über einen Ehevertrag, fallen drei Viertel des Erbes an den verwitweten Ehepartner. Das letzte Viertel der Erbmasse kann dann zum Beispiel unter den lebenden Angehörigen des verstorbenen Partners zur Verteilung kommen. 

Ohne ein Testament, aus dem ein anderer Wunsch des Verstorbenen hervorgeht, ist dies die normale Erbfolge. Das kann beispielsweise bei einer gemeinsamen und selbstgenutzten Immobilie schwere Folgen haben.

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Wer erbt denn beispielsweise eine selbstbewohnte Eigentumswohnung, nachdem ein Ehepartner verstorben ist? Was passiert, wenn die Eigentümer nicht verheiratet sind?

Pia Roggendorff-Jentsch: Die Erbmasse – also alles, was es zu vererben gibt – unterscheidet nicht zwischen Geld- und Sachwerten. Ein Haus oder eine Wohnung fällt demnach genauso unter die oben genannte Aufteilung wie Sparkonten oder ein Auto. Damit jedoch der verwitwete Ehepartner seine eigenen vier Wände nicht plötzlich mit den Schwiegereltern teilen muss, rate ich Ehepartnern, sich gegenseitig testamentarisch zum Alleinerben zu machen. Das erspart eine Menge Ärger. Denn falls die Schwiegereltern auf ihren Erbanteil bestehen, muss der überlebende Partner im schlimmsten Fall die Immobilie verkaufen, um die anderen Erben auszuzahlen. So eine Situation ist für Betroffene oft existenzbedrohend.

Ist ein Paar in dem genannten Fall nicht verheiratet oder verpartnert, sprechen wir im Anwaltsjargon von einem absoluten Super-GAU. So etwas möchte ich niemandem wünschen: Der hinterbliebene Partner erbt nämlich überhaupt nichts von seinem Lebenspartner. Das bedeutet, dass nicht nur die Hälfte der Immobilie an die Verwandtschaft des Verstorbenen geht, sondern auch die Hälfte des gemeinsamen Hausstands. Dann gehört die halbe Couch, der halbe Fernseher und die halbe Einbauküche beispielsweise den Schwiegereltern.

Mein Tipp: Ein Testament kann handschriftlich erstellt werden und der Partner zum Beispiel als Alleinerbe eingesetzt werden. Hier raten wir jedoch immer dazu, fachmännischen Rat einzuholen, damit das Testament auch wirksam ist. Darüber hinaus sollten Paare eine sogenannte notarielle General- und Vorsorgevollmacht erstellen lassen, für den Fall, dass der Partner nicht stirbt, aber ins Koma fällt oder selbst keine eigenständigen Entscheidungen mehr treffen kann.

Was passiert, wenn ein gemeinsamer Kredit noch nicht abbezahlt ist?

Pia Roggendorff-Jentsch: Mit einem Erbe wird häufig ein Gewinn gleichgesetzt. Das ist jedoch nur teilweise richtig. Denn vererbt werden Geld- und Sachwerte genauso wie Schulden  da gilt leider das Prinzip „Ganz oder gar nicht“. Ein laufender Kredit wird demnach an die Hinterbliebenen vererbt und muss weiterhin getilgt werden. Meiner Erfahrung nach sind die Banken in solchen Situationen keine Unmenschen und versuchen gemeinsam mit den Hinterbliebenen eine Lösung zu finden. Kann die verwitwete Person den Kredit jedoch langfristig nicht allein stemmen, führt das meist zu einer Zwangsveräußerung oder gar Zwangsversteigerung. Um dieser Situation zu entgehen, empfehle ich Ehepaaren mit einer Immobilie, sich über Hinterbliebenenschutz in Form verschiedener Versicherungen Gedanken zu machen.

Mit jedem Erbe fällt eine Erbschaftsteuer an. Wie können Ehepaare noch zu Lebzeiten dafür sorgen, dass diese möglichst klein bleibt?

Pia Roggendorff-Jentsch: Die Erbschaftsteuer ist im Prinzip nur dann relevant, wenn die Erbmasse sehr groß ist. Ehepaare haben beispielsweise derzeit wechselseitig einen Erbschaftsteuerfreibetrag auf einen Nachlass in Höhe von 500.000 Euro. Darüber hinaus gibt es nochmals einen Freibetrag in Höhe von rund 250.000 Euro sowie komplette Steuerfreiheit für selbstgenutzte Immobilien – allerdings nur, wenn der hinterbliebene Partner dort mindestens zehn Jahre nach dem Todesfall wohnen bleibt. Aufgrund von Verfügungen von Todes wegen lassen sich etwaige Erbschaftsteuerkonstellationen ebenfalls vermeiden.

Vielen Dank für das Interview, Frau Roggendorff-Jentsch.