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Ausbau der Elektromobilität braucht Umdenken im Autoland Deutschland

Ob selbstfahrende Busse oder Autos, die an der Steckdose aufgeladen werden – geht es nach den Plänen der Bundesregierung, sollten bis 2020 eigentlich rund eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein. Doch noch immer ist die Skepsis bei vielen Autofahrern groß, weiß Gernot Lobenberg von der Berliner Agentur für Elektromobilität (eMO).
Viele Vorurteile gegen Elektromobilität sind unbegründet
Gernot Lobenberg von der eMO Berlin (Bildquelle: eMO)

In etwas mehr als zwei Jahren sollte es in Deutschland eine Million Elektroautos geben, hatte die Bundesregierung geplant. Doch bisher fahren bundesweit lediglich rund 50.000 solcher Fahrzeuge. Selbst Kanzlerin Angela Merkel zweifelt inzwischen daran, das Ziel zu erfüllen. Das liegt vor allem am fehlenden Vertrauen sowie an Vorurteilen auf Seiten der Fahrer, betont Gernot Lobenberg, Leiter der eMO. Die Agentur fördert Projekte zum Ausbau der Elektromobilität in Berlin.

Damit sich die Elektromobilität bundesweit schneller durchsetzt, braucht es für Lobenberg neben der Kaufprämie für Elektroautos eine umfassende Aufklärungskampagne, die den Bürgern die Zweifel nimmt. Denn Vorurteile wie die vermeintlich geringe Reichweite oder der hohe Preis für die E-Fahrzeuge seien unbegründet, erklärt er im Interview mit finanzen.de.

Herr Lobenberg, während andere Länder wie China in Zukunft komplett auf Elektroautos setzen, hinkt Deutschland beim Ausbau der Elektromobilität derzeit noch hinterher. Woran liegt das?

Gernot Lobenberg: Einige Länder wie Norwegen nutzen Elektromobilität konsequent, um die Abkehr von fossilen Energieträgern im Verkehrssektor durchzusetzen. Das ist auch in Deutschland das Ziel. Hier spielen allerdings industriepolitische Erwägungen eine große Rolle. Es wird befürchtet, dass der Umstieg auf die Produktion von Elektroautos viele Arbeitsplätze bei den Herstellern, Zulieferern und in den Werkstätten kosten könnte. Vermutlich gibt es bei vielen autobegeisterten Menschen im „Autoland“ Deutschland zudem kulturelle Vorbehalte gegenüber der neuen Technologie.

Trotz des bundesweiten Rückstands beim Ausbau der Elektromobilität sehen Sie Berlin als Vorreiter. Was macht Berlin besonders gut?

Gernot Lobenberg: Zunächst leistet sich Berlin eine eigene Anlaufstelle für Akteure im Bereich der Intelligenten Mobilität und damit auch der Elektromobilität - die eMO. Wir initiieren, unterstützen und koordinieren viele technologische Innovationsprojekte und sorgen dafür, dass Räume für die Erprobung dieser Technologien in Berlin zur Verfügung stehen.

Gleichzeitig hat die eMO ein Netzwerk mit rund 60 Partnern aufgebaut, die sich bei Veranstaltungen wie der jährlichen Hauptstadtkonferenz der eMO oder dem vierteljährlich stattfinden Smart mobility-Forum austauschen und wertvolle Kontakte knüpfen können. Viele Unternehmen, darunter auch zahlreiche Start-ups, wissen dies zu schätzen und nutzen die guten und langjährigen Kontakte der Kollegen der eMO. In der Region laufen derzeit rund 80 Projekte im Bereich Elektro- und Intelligente Mobilität. Daran beteiligen sich mehr als 500 Akteure, davon allein 50 Start-Ups. Eine solche Vielfalt an Projekten von E-Bussen und E-Lkw über Ladeinfrastruktur sowie automatisiertes Fahren hat keine andere Region in Deutschland.

 

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Sie unterstützen zahlreiche Projekte, um den Ausbau der Elektromobilität in Berlin noch stärker voranzutreiben. Welche Vorhaben liegen Ihnen dabei besonders am Herzen?

Gernot Lobenberg: In Berlin gibt es mittlerweile einige Unternehmen und Projekte, die Elektromobilität mit sogenannten on-demand-services verbinden. Diese Kombination von intelligenten Mobilitätslösungen ist in meinen Augen besonders innovativ. Das Start-up Clever Shuttle hat beispielsweise ein computergestütztes Sammeltaxi mit E-Fahrzeugen auf die Straße gebracht, das Fahrgäste preiswert und effizient durch die Stadt bringt. Einen ähnlichen Service bietet door2door. Mithilfe innovativer Algorithmen soll der öffentliche Verkehr effizienter werden.

Einige deutsche Autokonzerne haben angekündigt, künftig verstärkt in Elektromobilität zu investieren. Warum werden vor allem Elektroautos bisher von vielen Kunden eher skeptisch gesehen? Sind diese beispielsweise häufiger in Unfälle verwickelt oder ist die Versicherung teurer als bei Benzin- oder Dieselautos?

Gernot Lobenberg: Es gibt zum Teil tiefsitzende Vorurteile gegen Elektromobilität: Die Autos seien zu teuer, die Reichweiten zu gering und die Ladeinfrastruktur zu schlecht ausgebaut. Auch haben manche Menschen eine generelle Abneigung gegenüber Neuerungen. Fakt ist jedoch, dass die meisten Elektrofahrzeuge mittlerweile keineswegs teurer als konventionelle Fahrzeuge sind, wenn die Gesamtkosten inklusive des Betriebs betrachtet werden. Die weit überwiegende Anzahl der Ladevorgänge von Elektroautos findet an der heimischen Steckdose oder am Arbeitsplatz statt, die öffentliche Ladeinfrastruktur wird ständig ausgebaut. Wer also will, findet auch genügend Möglichkeiten, sein Auto zu laden.

Die Reichweite dürfte für viele Pkw-Besitzer ebenfalls kein großes Problem sein, da bei einem Großteil der Fahrten ohnehin unter 100 Kilometer zurückgelegt werden, was deutlich unterhalb der Reichweite aller Elektroautos liegt. Mehr Unfälle oder höhere Versicherungsprämien haben Elektroautos nicht. Im Gegenteil: Sie sind sogar von der Kfz-Steuer befreit.

Was sollte die Regierung in Ihren Augen tun, um den Ausbau von Elektromobilität weiter zu fördern?

Gernot Lobenberg: Die Bundesregierung hat In den vergangenen Jahren zahlreiche Förderprogramme für die Entwicklung der Elektromobilität aufgelegt, unter anderem das von der eMO koordinierte Internationale Schaufenster Elektromobilität Berlin-Brandenburg. Die Elektrifizierung von kommunalen Flotten und die Erstellung von kommunalen Mobilitätskonzepten werden gefördert. Mit der Kaufprämie für Elektrofahrzeuge unterstützt die Regierung seit vergangenem Jahr auch den privaten Erwerb.

Was ich mir zusätzlich wünschen würde, ist eine Aufklärungs- und Informationskampagne, die in der Bevölkerung für mehr Vertrauen in die Elektromobilität wirbt, Ängste nimmt und mit Vorurteilen aufräumt.

Wie wird sich Deutschland in puncto Elektromobilität in den nächsten zehn Jahren Ihrer Meinung nach entwickeln?

Gernot Lobenberg: Ich bin davon überzeugt, dass sich Elektromobilität in den nächsten zehn Jahren durchgesetzt haben wird – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Damit dies auch nachhaltig und klimaschonend ist, brauchen wir einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien. Außerdem sollten nicht alle konventionellen Fahrzeuge, die jetzt auf den Straßen unterwegs sind, einfach eins zu eins durch Elektroautos ersetzt werden. Damit löst man Probleme wie Staus und verstopfte Städte nicht. Vielmehr brauchen wir intelligente Mobilitätslösungen mit Sharing-Modellen, mehr öffentlichen Personennahverkehr, eine bessere Infrastruktur für den Fahrrad- und Fußverkehr sowie autonome Fahrzeuge.

Vielen Dank für das Interview, Herr Lobenberg.