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„Die Traumaversorgung steht ständig vor neuen Herausforderungen“

Eine verstauchte Hand, ein gebrochener Arm oder schwere Unfallverletzungen – Traumata können vielfältig ausfallen. Doch nur wenige Menschen können mit dem Begriff „Trauma“ etwas anfangen, weiß Prof. Dr. Florian Gebhard von der Deutschen Traumastiftung. Um dies zu ändern, möchte die Stiftung wichtige Erkenntnisse der Traumaforschung stärker in die Öffentlichkeit tragen.
Die Stiftung möchte die Traumaversorgung und -forschung verbessern
Prof. Dr. Florian Gebhard (Bildquelle: Unfallchirurgie der Uniklinik Ulm)

Bundesweit verletzt sich etwa jeder zehnte Mensch mindestens einmal pro Jahr. Besonders häufig sind Verletzungen und Unfälle bei Kindern. So verunfallt laut dem Statistischen Bundesamt alle 19 Minuten ein Kind unter 15 Jahren. Diese Zahlen verdeutlichen, wie allgegenwärtig Traumata sind, betont Prof. Dr. Florian Gebhard von der Deutschen Traumastiftung. Unter dem Begriff werden aus medizinischer Sicht Verletzungen und Wunden zusammengefasst, die durch Gewalteinwirkung von außen entstehen. Dabei beschränkt sich die Bezeichnung jedoch nicht nur auf körperliche Verletzungen, sondern hat auch eine psychologische Seite.

Um die Traumaforschung und -versorgung langfristig zu verbessern, ist es ein wichtiges Ziel der Stiftung, die Erkenntnisse aus beiden Bereichen zusammenzutragen und in die Öffentlichkeit zu bringen. Wie dies funktioniert und vor welchen Herausforderungen die Traumaforschung steht, erklärt Prof. Dr. Gebhard im Interview mit finanzen.de.

Die Deutsche Traumastiftung widmet sich der Traumaforschung und -versorgung. Welche konkreten Ziele verfolgen Sie dabei?

Prof. Dr. Florian Gebhard: Grundsätzlich ist das Ziel der Deutschen Traumastiftung, ein Bindeglied zwischen der Forschung und der Bevölkerung sowie der Politik zu sein. Wir wollen Verständnis für Traumata und deren Folgen in der Bevölkerung wecken, Wege aufzeigen, wie man langfristig Vorsorge treiben kann und damit zugleich ein Kanal sein, mit dem neue Forschungserkenntnisse möglichst schnell in die breite Allgemeinheit gelangen.

Die Traumaversorgung läuft rein auf physischer Ebene in Deutschland hochprofessionell ab, zum Beispiel durch die Rettungsdienste an der Unfallstelle, die Rettungskette in den Krankenhäusern und über das bundesweite Traumanetzwerk, sodass wir hierzulande eine sehr hochwertige Versorgung haben. Parallel dazu werden alle Verletzungen über das deutsche Traumaregister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie erfasst. Zudem wird ständig daran gearbeitet, wie beispielsweise Behandlungsabläufe verbessert werden können. Dieses Wissen entsteht sehr rasch in der Medizinercommunity, kommt aber nur verzögert in der Bevölkerung an. Daher wollen wir hier als Verbindungsglied fungieren.

Ein weiteres Anliegen unserer Stiftung ist es, zu zeigen, dass Traumata neben körperlichen auch psychische Komponenten haben. In der Regel können sich Interessierte jedoch nur entweder zu physischen oder zu psychischen Traumata informieren. Eine Kombination der beiden Faktoren wird kaum beleuchtet. Genau hier möchten wir ansetzen, den Bereich Trauma von allen Seite betrachten und unsere Erkenntnisse auch in die Öffentlichkeit tragen.

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Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Traumaversorgung?

Prof. Dr. Florian Gebhard: Der Begriff „Trauma“ ist allgemein sehr abstrakt und schwer greifbar. Wenn man Trauma googelt, kommt man meist per Zufall auf eine Seite der Psychologie beziehungsweise Psychiatrie oder einer Unfallchirurgie. Das liegt daran, dass die Bezeichnung nicht scharf abgegrenzt werden kann. Ein Trauma ist die Folge jeglicher Art von außen einwirkender Kraft und kann sich sowohl physisch als auch psychisch äußern.

Jeder Bereich ist für sich weitreichend untersucht und belegt worden, wurde allerdings nie richtig zusammengefügt. Das gilt in Deutschland und international. So wurden beispielsweise in den USA erst zahlreiche psychologische Programme für Traumaopfer eingerichtet, nachdem die Anschläge vom 11. September stattgefunden haben und ein gewisses Bewusstsein dafür vorhanden war. Noch vor 20 Jahren hätte an so etwas kaum jemand gedacht. Die Traumaforschung und -versorgung steht somit ständig vor neuen Herausforderungen. Dies zu vermitteln, ist ein wichtiges Ziel der Stiftung.

Wie wird die Unterstützung von Trauma-Opfern finanziert und wo gibt es eventuell Nachholbedarf?

Prof. Dr. Florian Gebhard: In Deutschland haben wir ein sehr gutes soziales Netz, sodass Traumaopfer generell nicht allein gelassen werden: Die Kosten bei Traumaverletzungen werden entweder von der gesetzlichen oder der privaten Krankenversicherung übernommen. Handelt es sich beispielsweise um einen Unfall im Arbeitsumfeld, springt in der Regel die gesetzliche Unfallversicherung ein. Um die Ausgaben für die Reha-Behandlung kümmert sich die deutsche Rentenversicherung. Somit sind schon viele Bereiche der Traumaversorgung abgedeckt. Zusätzliche Unterstützung erhalten Traumaopfer, wenn sie privat unfallversichert sind.

Einziges Manko im Hinblick auf die Versorgung ist, dass in manchen Fällen die Kombination von physischen und psychischen Auswirkungen unterschätzt wird. Hier empfiehlt es sich, für die Zukunft mehr in Richtung der Rehabilitation psychischer Traumata nachzudenken.

Warum ist es Ihnen ein besonderes Anliegen, Kinder vor Traumata zu schützen?

Prof. Dr. Florian Gebhard: Kinder sind grundsätzlich die schwächsten Glieder in unserer Gesellschaft. Da sie jedoch zugleich unsere Zukunft sind, haben wir uns ihren Schutz unter dem Motto „Kinder-Leben-Retten-Schützen“ besonders zum Ziel gesetzt.

Bei Kindern ist das Risiko, beispielsweise durch einen Verkehrsunfall verletzt zu werden, aufgrund ihrer großen Mobilität sehr hoch. Denn sie bekommen im Straßenverkehr oft nicht die nötige Aufmerksamkeit, um Unfälle zu vermeiden. Psychische Traumata entstehen bei Kindern oftmals durch Gewalt oder traumatische Erlebnisse. Seit der Flüchtlingskrise ist die Zahl solcher Fälle drastisch angestiegen, da die Kinder durch ihre zahlreichen Erlebnisse wie Krieg und Flucht traumatisiert sind. Eine verstärkte Prävention erscheint daher in jedem Fall sinnvoll, zumal mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie von unserem zweiten Vizepräsidenten Prof. Dr. Fegert eine enorme Kompetenz in diesem Bereich einfließen kann.

Vielen Dank für das Interview, Prof. Dr. Gebhard.