0800 300 3009

Kostenlose Service-Hotline

finanzen.de Nachrichten immer gut informiert

Das Interesse an Alternativen zur Pille wächst

Die Pille galt lange Zeit als Zeichen sexueller Selbstbestimmung von Frauen. Doch das positive Image wird seit einiger Zeit infrage gestellt. Viele Frauen sprechen etwa über die libidohemmende Wirkung der Pille und betrachten die dauerhafte Hormonzufuhr mit Argwohn. Der Gynäkologe Prof. Dr. Kai Bühling erklärt im finanzen.de-Interview, was es mit der Kritik auf sich hat.
Die Kritik an der Pille ist teilweise berechtigt
Gynäkologe Prof. Dr. med. Kai Bühling im Gespräch mit finanzen.de

Selbstbestimmte Geburtenkontrolle von Frauen – dafür wurde die Pille jahrzehntelang wertgeschätzt. Doch das Verhütungsmittel gerät immer mehr in die Kritik. Einerseits verursachen die Inhaltsstoffe der Pille bei vielen Frauen einen Libidoverlust. Andererseits wird die Pille bei einigen Frauen für Thrombose sowie Folgeerkrankungen und Depressionen verantwortlich gemacht.

Der Gynäkologe Prof. Dr. med. Kai Bühling berichtet im Interview mit finanzen.de aus seiner Praxiserfahrung, wie sich das Verhältnis von Frauen zur Pille geändert hat und wie alternative Kontrazeptiva für immer mehr Frauen interessant werden.

Die Pille galt einst als Inbegriff weiblicher Selbstbestimmung. Seit einiger Zeit wird sie jedoch scharf von Frauen und Ärzten dafür kritisiert, ein Libidotöter und eine Dauermedikation mit gesundheitlichen Risiken zu sein. Wie stehen Sie zu der Kritik?

Prof. Dr. med. Kai Bühling: Die Pille ist – wie auch die vielen anderen Kontrazeptiva – weiterhin ein Inbegriff einer sexuellen Selbstbestimmung. In zahlreichen Studien ist allerdings nachgewiesen worden, dass die Einnahme der Pille, mutmaßlich durch die Absenkung des freien Testosterons, zu einer verminderten Libido führt. Das betrifft aber bei Weitem nicht alle Patientinnen. Sollten Frauen jedoch eine negative Veränderung ihrer Libido feststellen, ist es spätestens Zeit, sich einmal die alternativen Verhütungsmethoden anzusehen, die teilweise keine so deutliche Absenkung als Nebenwirkung haben.

Durch die sogenannte kombinierte Pille, die mehrere Inhaltsstoffe enthält, erhöht sich das Thromboserisiko. Das ist schon seit vielen Jahren bekannt. Für alle, die sie nehmen möchten, ist es besonders wichtig, dass eventuelle Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht erkannt beziehungsweise nach Anlagen gefragt werden, zum Beispiel bei Thrombosen in der Familie. Patientinnen mit erhöhtem Risiko bekommen dann eine östrogenfreie oder hormonfreie Alternative angeboten.

Depressionen sind durch die Pille vermutlich nicht wirklich häufiger. Sie können aber bei entsprechender Veranlagung in Kombination der Pilleneinnahme dazu führen, dass sich Symptome von Depressionen deutlicher zeigen und sie deshalb als Krankheit erkannt wird.

Unser Service für Sie

Sie suchen einen professionellen Rat zu Vorsorge und Versicherungen?

Merken Sie aufgrund dessen einen Trend in Richtung anderer Verhütungsmittel?

Prof. Dr. med. Kai Bühling: Die kritische Hinterfragung hat durchaus den Vorteil, dass die heutige Patientin auch anderen Verhütungsmitteln gegenüber aufgeschlossen ist. Erfreulicherweise können wir in Deutschland fast alle Verhütungsmethoden anbieten. Frauen sollten mit ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt diese Methoden besprechen.

Welches Verhütungsmittel wird bei Ihnen in der Praxis am meisten nachgefragt?

Prof. Dr. med. Kai Bühling: Auch heute noch ist die erste Bitte häufig „Ich hätte gerne die Pille“ – gemeint ist aber eigentlich „Ich hätte gerne eine Verhütung“. Hier ist es wichtig, eine umfassende Verhütungsberatung zu geben, in der die Patientin auch andere Methoden kurz vorgestellt bekommt. Auch wenn sie sich vielleicht nicht direkt für eine Alternative entscheidet, weiß sie so, was es überhaupt als weitere Optionen gibt.

Es gibt sogenannte Minipillen, die nur ein Hormon – Gestagen – beinhalten. Sind sie die bessere Alternative zur regulären kombinierten Pille mit Östrogen und Gestagen?

Prof. Dr. med. Kai Bühling: Da östrogenfreie Pillen, die sogenannten Minipillen, das Thromboserisiko nicht negativ beeinflussen, sind sie eigentlich eine sehr gute Alternative zur kombinierten Pille. Die überwiegend eingesetzte Minipille unterdrückt auch den Eisprung und ist daher genauso verhütungssicher wie die kombinierte Pille. Der Nachteil ist aber, und das ist überhaupt der Grund für die Beimengung von Östrogen, dass die Rate an Zwischenblutungen steigt. Diese sind der häufigste Grund, von der Minipille auf eine andere Methode zu wechseln.

Für wen eignet sich die Minipille besonders, für wen nicht?

Prof. Dr. med. Kai Bühling: Die Minipille wird häufig während der Stillzeit verordnet, um die Östrogengabe in dieser Phase zu vermeiden. Aber auch sonst kann man sie eigentlich immer einsetzen mit dem Nachteil der häufigeren Zwischenblutungen. Zudem ist sie die Methode der ersten Wahl für Patientinnen mit einem Thromboserisiko, die keine Östrogene aufnehmen dürfen, aber dennoch eine Pille zur Verhütung haben möchten.

Werden Alternativen zur Pille für minderjährige Mädchen in ähnlichem Maße von der gesetzlichen Krankenversicherung bezuschusst wie die Pille? 

Prof. Dr. med. Kai Bühling: Leider ist die Bezahlung der Verhütungsmethoden für minderjährige, gesetzlich versicherte Heranwachsende nicht eindeutig geregelt. Hierdurch gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. In einigen gibt es keine Probleme, beispielsweise eine Spirale bezahlt zu bekommen, in anderen wird diese nur im Notfall oder anteilig übernommen.

Zudem unterliegen Frauenärztinnen und -ärzte einem Arzneimittelbudget. Eine übermäßige Verordnung kostspieligerer Verhütungsmittel kann eine Prüfung durch die Kassenärztliche Vereinigung nach sich ziehen. Diese ist nicht nur unerfreulich, sondern unheimlich viel Arbeit und birgt sogar das Risiko von Strafzahlungen. An dieser Stelle würde ich mir eine klare Regelung wünschen, was die Beratungssituation für die Heranwachsenden sicherlich verbessern würde.

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Dr. med. Bühling.