0800 300 3009

Kostenlose Service-Hotline

 
finanzen.de Nachrichten immer gut informiert

Sexuell übertragbare Infektionen: Mehr Aufklärung nötig

Sexuell übertragbare Infektionen (STI) können die Ursache vieler Krankheitssymptome sein. Doch oft verzögert sich die Behandlung, da Betroffene und Ärzte die Herkunft der Symptome nicht zuordnen können. Um die Aufmerksamkeit von Medizinstudenten zu schulen und ihnen das offene Gespräch mit Patienten zu erleichtern, bietet die Universität Lübeck eine neue Fortbildung an.
Neue Fortbildung sensibilisiert Ärzte für STI
Fortbildungen zu STI sind für Ärzte und Patienten wichtig

Die meisten Menschen denken bei STI wohl an HIV/Aids. Dabei gibt es noch viele weitere Krankheiten wie Syphilis oder Chlamydien, deren Erreger bei sexuellen Kontakten übertragen werden können. Die Symptome bei STI sind oft nicht eindeutig mit dem Sexualkontakt in Verbindung zu bringen, da sie sich beispielsweise in Halsschmerzen, Fieber, Hautausschlägen oder Augenreizungen ausdrücken können. Daher kann die Ursachenfindung beim Arzt häufig mehr Zeit in Anspruch nehmen als nötig, weil eine STI oftmals nicht in Betracht gezogen wird.

Um den Blick von angehenden Medizinern zu weiten, hat Prof. Dr. Jan Rupp die Fortbildung „Let‘s talk about Sex“ an die Universität Lübeck geholt. Was Medizinstudenten dort lernen, erzählt er im finanzen.de-Interview.

Sie haben das Fortbildungsmodul „Let’s talk about Sex“, das die Deutsche Aidshilfe und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung entwickelt haben, an die Uni Lübeck geholt. Wieso ist diese Fortbildung für Studierende in Ihren Augen so wichtig?

Prof. Dr. Jan Rupp: In meinen Augen ist die Fortbildung aus ganz verschiedenen Perspektiven wichtig. Ein zentraler Grund ist, dass viele Krankheiten ihren Ursprung in einer Geschlechtskrankheit haben. Vielen Patienten fehlt aber zum einen das Bewusstsein dafür, dass ein Sexualkontakt der Auslöser vorhandener Symptome sein kann. Zum anderen fällt es ihnen schwer, über intime Details zu sprechen.

Ärzte müssen deshalb einen sensiblen Zugang zu den Patienten finden, um alle möglichen Ursachen für die Krankheit zu prüfen. Dafür brauchen sie aber nicht nur Übung und notwendige Softskills, sondern auch das Bewusstsein dafür, welche Symptome ihren Ursprung in einer sexuell übertragbaren Infektion haben können.

Als Beispiel: Manche Menschen mit einer Syphilis haben keine Beschwerden an den Genitalien, sondern an den Augen oder sie leiden unter Ausschlag. Sie gehen dann zum Hautarzt oder zum Augenarzt. Dieser findet die eigentliche Ursache aber oft nicht auf Anhieb, weil er nicht gezielt danach fragt. Ärzte sollten an dieser Stelle ein offenes Gespräch über alle möglichen Ursachen eröffnen und dieses für den Patienten angenehm gestalten.   

Unser Service für Sie

Sie suchen einen professionellen Rat zu Vorsorge und Versicherungen?

Was genau lernen die Studierenden in der Fortbildung und welches langfristige Ziel verfolgen Sie damit?

Prof. Dr. Jan Rupp: Studierende sollen schon während ihrer Medizinerausbildung dafür geschult und sensibilisiert werden, verschiedene Ursachen für Krankheiten in Betracht zu ziehen. Außerdem müssen sie befähigt werden, sich emphatisch auf ihre Patienten einzulassen und gezielt nach Informationen zu fragen, die einen Bezug zu Sexualität haben.

In Rollenspielen können die Medizinstudenten selbst erfahren, wie es ist, in die Rolle des Patienten oder des behandelnden Arztes zu schlüpfen. Dadurch können sie am eigenen Leib die jeweiligen Situationen durchleben und daraus Handlungsempfehlungen ableiten.

Viele Menschen haben zunächst Hemmungen, mit ihrem Arzt über intime Details zu sprechen. Welche Softskills fehlen Ihrer Meinung nach insbesondere beim Thema Aufklärung und Sexualität in der Ausbildung von Ärzten, damit diese ein offenes Gespräch einfacher zustande kommen lassen? 

Prof. Dr. Jan Rupp: Um ein offenes Gespräch zustande kommen zu lassen, braucht es oft nur wenige Gesprächstechniken und ein gewisses Fingerspitzengefühl. Niemand erzählt gern und vor allem ungefragt intime Details aus dem Privatleben. Wenn der Arzt jedoch zunächst erklärt, dass einige Symptome oft ganz unterschiedliche, manchmal nicht naheliegende Ursachen haben können, kann das den Gesprächshorizont bereits erweitern.

Eine anschließende offene Frage, ob in der letzten Zeit etwas anders war als sonst, kann den Patienten dazu ermutigen, etwa von einem ungeschützten Sexualkontakt zu sprechen. Das „Eis“ ist dann meist gebrochen und der Arzt kann alle Tests in die Wege leiten, um die richtige Diagnose zu stellen und eine schnelle Behandlung zu gewährleisten.

Hat sich das Vertrauensverhältnis von Arzt und Patienten in den letzten Jahren verändert? 

Prof. Dr. Jan Rupp: Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich meiner Meinung nach in den letzten Jahren zunehmend verbessert. Patienten sind viel selbstbewusster und wissen, was sie von ihrem Arzt verlangen und erwarten können. Das Gespräch zwischen Ärzten und Patienten ist aber nicht unbedingt offener geworden. Obwohl STIs heutzutage sehr gut und schnell behandelbar sind, ist Scham noch immer ein großes Thema für Patienten. Zwar gab es zeitweise in der Bevölkerung ein vermehrtes Bewusstsein für HIV/AIDS, aber über klassische STIs ist das Wissen nach wie vor erschreckend gering.

Darüber hinaus fehlen in Deutschland spezielle STI-Kliniken, die im Ausland oftmals schon gang und gäbe sind. Hierzulande wissen gerade Männer nicht genau, zu welchem Arzt sie mit ihren Symptomen gehen sollen. Wir brauchen demnach viel mehr Aufklärung und Offenheit im Umgang mit STIs, HIV und Aids – unter Ärzten und Patienten. 

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Rupp.