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Reha-Antrag: Trotz Verbesserungen bleibt Grundproblem bestehen

Wenn Patienten beispielsweise nach einem Unfall oder einer Erkrankung auf Rehabilitation angewiesen sind, wird längst nicht jeder Antrag vom Kostenträger bewilligt. Betroffene sollten eine Ablehnung jedoch nicht einfach akzeptieren, sondern Widerspruch einlegen. Dieser führt in vielen Fällen zum Erfolg, weiß Ingo Dörr von der Beratungsstelle Arbeitskreis Gesundheit e.V.
Ärzte sollten notwendige Rehabilitationsbehandlungen verordnen dürfen
Ingo Dörr ist Geschäftsführer beim Arbeitskreis Gesundheit e.V.

2016 gingen bei der Deutschen Rentenversicherung rund 2,09 Millionen Anträge auf eine medizinische oder berufliche Rehabilitation, kurz Reha, ein. Dabei sind am häufigsten chronisch kranke Personen, Menschen nach anstrengender langjähriger körperlicher Berufstätigkeit sowie mit hohem Stresspegel beziehungsweise ältere Menschen nach operativen Eingriffen auf Reha-Maßnahmen angewiesen, so Ingo Dörr, Geschäftsführer vom Arbeitskreis Gesundheit e.V. Der Verein unterstützt Verbraucher auf ihrem Weg zur Rehabilitation.

Etwa 1,41 Millionen Mal wurden die beantragten Leistungen bewilligt und den Patienten somit eine Wiedereingliederung in den Alltag ermöglicht. Wird der Reha-Antrag dagegen abgelehnt, ist dies für Betroffene ein herber Rückschlag. Sie sollten sich damit jedoch nicht zufriedengeben. Denn „in den allermeisten Fällen lohnt es sich, gegen eine Ablehnung in Widerspruch zu gehen“, erläutert Dörr im Interview mit finanzen.de. So waren bisher über 80 Prozent der vom Arbeitskreis Gesundheit e.V. begleiteten Widersprüche erfolgreich.

Herr Dörr, was sind die häufigsten Gründe für die Ablehnung eines Reha-Antrags?

Ingo Dörr: Nach meiner Erfahrung unterscheiden sich die häufigsten Ablehnungsgründe zum einen vom Krankheitsbild und zum anderen von der betroffenen Kasse (welche Krankenkasse beziehungsweise Rentenversicherung). Einige Krankenkassen werden immer wieder auffällig, Reha mit dem Hinweis auf ambulante Maßnahmen abzulehnen, obwohl schon für einen Nichtmediziner erkennbar ist, dass eben außerhalb einer Rehabilitationsmaßnahme niemals die notwendige Behandlungsdichte erzielt werden kann. Auch an der Nahtstelle zur Pflege sind immer wieder völlig unverständliche Ablehnungen zu beobachten, die dem Vorwurf Nahrung geben, dass Patienten in die Pflege abgeschoben werden sollen.

Welche gesetzlichen Krankenkassen lehnen einen Antrag besonders oft ab beziehungsweise nehmen ihn häufig an?

Ingo Dörr: Ich habe jährlich mehrere hundert Sozialdienstmitarbeiter bei unseren Schulungsveranstaltungen zum Thema Reha-Zugang. Wenn bei diesen Veranstaltungen die Krankenkasse DAK zur Sprache kommt, geht regelmäßig ein Raunen durch den Saal. Auch ich habe nach einer Vielzahl von Patientenfällen den Eindruck, dass hier vieles im Argen liegt. Als Gegenpol würde ich in Mitteldeutschland zum Beispiel die AOK Plus benennen. In all den Jahren bedurfte noch nicht ein AOK Plus-Versicherter der Unterstützung beim Reha-Zugang.

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Welche konkrete Unterstützung bieten Sie Betroffenen an? An wen können sie sich noch wenden?

Ingo Dörr: Wir informieren die Betroffenen umfassend über den Zugang und die Rechte beim Reha-Zugang. Außer dem Arbeitskreis Gesundheit e.V. können sich Betroffene noch an die Sozialverbände beziehungsweise die UPD (Unabhängige Patientenberatung Deutschland) wenden.

Was ist der erste Schritt, den Betroffene gehen sollten, wenn ihr Antrag auf Reha-Leistungen abgelehnt wurde? Wann sollten sie die Hilfe eines Anwalts hinzuziehen?

Ingo Dörr: Eine medizinisch gut begründete Antragstellung erleichtert die Genehmigung ungemein. Wenn es trotzdem nicht klappt, ist die Ablehnung noch einmal mit dem Arzt zu besprechen und Widerspruch einzulegen.

Wenn anwaltliche Hilfe in Anspruch genommen werden soll, ist das insbesondere im Widerspruchsverfahren sinnvoll. Außerhalb von Verfahren im einstweiligen Rechtsschutz, die erschwerte Voraussetzungen haben, dauern die Verfahren vor Gericht viel zu lange, um den Patienten wirklich zu helfen. Gerade eben haben wir wieder einen Fall, in dem der Patient im Laufe des Verfahrens verstorben ist.

Ist der gesetzliche Rahmen für Personen, die auf Rehabilitationsmaßnahmen angewiesen sind, Ihrer Meinung nach ausreichend gesteckt?

Ingo Dörr: Es ist gesetzgeberisch in den letzten Jahren einiges zugunsten der Patienten passiert. Die Rehabilitation wurde gesetzliche Pflichtleistung, das Wunsch- und Wahlrecht wurde gestärkt.

Trotz dieses guten gesetzgeberischen Willens reicht der gesetzliche Rahmen nicht aus, insbesondere angesichts der demografischen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Das Grundproblem besteht weiterhin: Die Krankenkasse muss die Reha grundsätzlich vor Behandlungsantritt genehmigen. Dieses Genehmigungserfordernis und der aus Zeitgründen oftmals mangelhafte Rechtsschutz der Patienten werden immer wieder von den Krankenkassen zulasten der eigentlich angezeigten Behandlung ausgenutzt.

Es ist nicht einsichtig, warum ein Arzt eine notwendige Rehabilitationsbehandlung nicht genauso verordnen kann wie die Einweisung in ein Krankenhaus. Das wirksamste Mittel für die betroffenen Patienten wäre, wenn der Gesetzgeber endlich regeln würde, dass die Reha-Behandlung nicht vorab durch die Krankenkasse genehmigt werden muss, sondern dass sie wie andere medizinisch notwendige Behandlungen durch den Arzt verordnet werden kann.

Vielen Dank für das Interview, Herr Dörr.