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Arzneimittelinitiative setzt sich für besseren Medikationsplan ein

Mehr als 100.000 Medikamente sind in Deutschland zugelassen. Damit Patienten, die auf mehrere Arzneimittel angewiesen sind, nicht den Überblick bei der Einnahme verlieren, haben sie seit rund einem Jahr Anspruch auf einen Medikationsplan. Doch dieser steht in der Kritik. Die Arzneimittelinitiative ARMIN zeigt mit einem Modellvorhaben, wie es besser gehen kann.
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Medikationspläne können Qualität der Arzneimittelversorgung verbessern

Laut einer Umfrage für die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände nimmt jeder vierte Deutsche regelmäßig mehr als drei Medikamente ein. Nicht selten kann der Mix bei falscher Einnahme zu gefährlichen Wechselwirkungen und sogar zum Tod führen. Um dies zu verhindern, haben gesetzlich Krankenversicherte seit Oktober 2016 Anspruch auf einen Medikationsplan. Dieser soll Patienten eine Orientierung für die sichere Einnahme geben.

Doch der bundeseinheitliche Medikationsplan hat in den Augen vieler Kritiker Schwächen. So werden beispielsweise Apotheker als wichtige Anlaufstelle von Patienten bei der Erstellung kaum einbezogen. Zudem existiert die Übersicht derzeit nur in Papierform. Vom Ziel, für mehr Therapiesicherheit bei der Einnahme von Arzneimittel zu sorgen, ist der bundeseinheitliche Plan so noch weit entfernt.

Hier setzt die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen an. Das Bündnis aus dem Sächsischen und Thüringischen Apothekenverband, der Kassenärztlichen Vereinigungen in Sachsen und Thüringen sowie der AOK Plus will mit einem eigenen Angebot die Arzneimittelversorgung deutlich verbessern. finanzen.de hat mit ARMIN darüber gesprochen, wie erfolgreich das Modellprojekt bisher läuft und was die Politik tun muss, um die Qualität der Arzneimittelversorgung bundesweit zu erhöhen.

Wie viele Menschen nutzen derzeit das Angebot von ARMIN?

ARMIN: Mittlerweile nutzen über 400 Ärzte und Apotheken in Sachsen und Thüringen die Funktionen des Medikationsmanagements. Über 2.600 Versicherte profitieren in den beiden Bundesländern von einem ARMIN-Medikationsplan und der engen Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker.

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Wie hoch ist der zeitliche Aufwand bei Arzt, Apotheker und Patient?

ARMIN: Der Prozess des Medikationsmanagements ist derzeit so angedacht, dass der Arzt gezielt Patienten anspricht, die die Teilnahmekriterien erfüllen. Der Patient vereinbart dann einen Termin bei seinem betreuenden Apotheker. Dieser beinhaltet eine sogenannte Brown Bag-Analyse. Hierbei bringt der Patient alle Arzneimittel, die er zu Hause vorrätig hat, in die Apotheke. Der Apotheker erläutert ihm dann die Präparate, nimmt sie in den Medikationsplan auf und hinterlegt diesen auf dem Medikationsplanserver.

Auf dieser Grundlage nimmt der betreuende Arzt bei Bedarf eine Priorisierung der Medikation vor. Das heißt, er setzt Medikamente ab, stellt sie um und ändert gegebenenfalls die Dosierung. Beim nächsten Arzttermin bespricht er den finalen Medikationsplan mit dem Patienten, übergibt ihm den ausgedruckten Plan und lädt ihn parallel auf den Medikationsplanserver hoch, sodass künftige Änderungen von Arzt beziehungsweise Apotheker kurzfristig eingearbeitet werden und der Plan immer auf dem aktuellen Stand bleibt.

Wir rechnen mit einem durchschnittlichen Zeitaufwand von jeweils anderthalb Stunden für Arzt und Apotheker und circa eine Stunde für den Patienten. Dieser Aufwand ist unserer Überzeugung nach auch notwendig ist. Medikationspläne, deren Vollständigkeit und Korrektheit sowie Aktualität nicht kontinuierlich geprüft werden, können die Qualität der Arzneimittelversorgung nicht verbessern und unter Umständen die Risiken für Patienten sogar erhöhen.

Bisher richtet sich ARMIN nur an Versicherte der AOK Plus. Planen Sie, das Angebot auch auf andere gesetzliche Krankenkassen auszudehnen?

ARMIN: Der Vertrag ist so ausgelegt, dass diesem auch andere Krankenkassen beitreten können. Bisher haben wir noch keine Anfragen erhalten, würden uns jedoch sehr freuen, wenn auch andere Krankenkassen ihren Versicherten ARMIN anbieten würden. Wir haben das Ziel, ARMIN nach Ende der Modell-Laufzeit im Jahr 2022 in die kollektivvertragliche Versorgung zu übernehmen.

Die gesetzliche Krankenkasse Barmer hat mit AdAM ein ähnliches Projekt gestartet. Droht in Deutschland künftig ein undurchsichtiges Nebeneinander von verschiedenen Medikationsplänen und Managementsystemen?

ARMIN: Der Gesetzgeber hat die Möglichkeit geschaffen, Modellvorhaben zu testen. Jeder, der gute Ideen hat, die Versorgung der Versicherten zu verbessern, kann diese natürlich in diesem Rahmen testen. Wir gehen davon aus, dass sich die erfolgreichsten Modelle mithilfe des Best-Practice-Prinzips durchsetzen werden.

Welche Erfolge konnten Sie bisher bei den teilnehmenden Versicherten erkennen? Welche Aspekte könnten noch verbessert werden?

ARMIN: Im Rahmen der unter Mitwirkung von ARMIN-Ärzten und -Apotheken durchgeführten PRIMA-Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums wurden circa einhundert Patienten zum Medikationsmanagement befragt. Diese waren mit der Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker sehr zufrieden und sahen darin einen großen Zusatznutzen.

Manche Softwarelösung könnte noch etwas nutzerfreundlicher ausfallen, etwa bezogen auf die Funktionalitäten rund um die Pflege des Medikationsplanes. Generell muss gesagt werden, dass die Verbreitung von ARMIN insbesondere auch durch den zögerlichen Breitbandausbau gebremst wird.

Was müsste aus Ihrer Sicht vonseiten der Politik getan werden, damit sich die Qualität der Arzneimittelversorgung bundesweit erhöht?

ARMIN: Grundsätzlich ist der Breitbandausbau des Internets als Grundlage jeder technischen Innovation im Gesundheitswesen eine zentrale Forderung an die Politik und Industrie. Genauso wichtig ist die Schaffung einer derzeit noch fehlenden gesetzlichen Grundlage für eine Überführung des gemeinsamen Medikationsmanagements in die kollektivvertragliche Versorgung. Hierzu werden die Projektpartner von ARMIN spätestens nach Abschluss der Evaluation an den Gesetzgeber herantreten, welche im nächsten Jahr starten soll.

Weiterhin müssen schnellstmöglich technische Standards für den Austausch von Arzneimittelinformationen zwischen den verschiedenen an der Behandlung der Patienten beteiligten Heilberuflern erarbeitet werden.

Vielen Dank für das Interview.