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Stimmabgabe per Internet: Online-Wahl als digitale Form der Demokratie

Rund jeder vierte Wähler hat bei der letzten Bundestagswahl die Briefwahl genutzt. Doch die Unterlagen dafür müssen vorab beantragt und rechtzeitig zurückgeschickt werden, damit die Stimme auch zählt. Über Online-Wahlen können Bürger dagegen jederzeit und von überall aus wählen. Anna-Maria Palzkill von Polyas erklärt, wie dies funktioniert.
Online-Wahlen können die Briefwahl langfristig ersetzen
Anna-Maria Palzkill von Polyas (Bildquelle: Polyas)

Immer mehr Menschen möchten sich offenbar den Gang zum Wahllokal ersparen und entscheiden sich stattdessen für die Briefwahl. So lag der Anteil der Briefwähler bei der Bundestagswahl 2017 nach Angaben des Bundeswahlleiters bereits bei knapp 29 Prozent, rund fünf Prozent mehr als im Jahr 2013. Dank der Briefwahl ist es für Bürgerinnen und Bürger zwar nicht nötig, extra zum Wahllokal zu gehen. Allerdings müssen sie diese Form der Stimmabgabe im Voraus beantragen und sich außerdem darum kümmern, die entsprechenden Unterlagen rechtzeitig vor Wahlschluss zurückzuschicken.

Mithilfe von Online-Wahlen fällt dieser Aufwand für Wähler weg, erklärt Anna-Maria Palzkill, Leiterin des Bereichs Marketing & Communication beim Online-Wahlanbieter Polyas. Den Wahlverantwortlichen erspart die digitale Stimmabgabe zudem Kosten, da keine Ausgaben für Druck und Versand der Wahlunterlagen anfallen. Bisher kämpft diese Wahlmethode jedoch noch um das Vertrauen der Verbraucher, betont Palzkill im Interview mit finanzen.de.

Sie bieten Menschen an, über Ihr System eine Online-Wahl zu erstellen. Für welche Art von Wahlen eignet sich Ihr Portal besonders? Gibt es beispielsweise Einschränkungen beim Umfang der Fragen oder bei der Teilnehmerzahl?

Anna-Maria Palzkill: Unser Wahlsystem wird vor allem für rechtssichere Wahlen in öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlichen Institutionen genutzt. Zu unseren Kunden zählen Genossenschaftsbanken, Universitäten, Kirchen und Kammern. Auch bei politischen Wahlen wird Polyas bereits eingesetzt, zum Beispiel bei Mitgliederentscheiden in Parteien oder Jugendparlamentswahlen in Kommunen.

Doch eigentlich kann jeder eine Wahl bei uns aufsetzen. Bei der Teilnehmerzahl gibt es keine Einschränkung, wir haben schon Wahlen zwischen 4 und 800.000 Wahlberechtigten umgesetzt. So kann auch jeder Verein seinen Vorstand online wählen.

Wie sicher ist diese digitale Abstimmung im Hinblick auf Manipulation, Anonymität, und Datensicherheit?

Anna-Maria Palzkill: Unser Wahlsystem läuft auf physisch und systemisch getrennten Teilwahlsystemen und macht ständig Integritätstests. Das Wählerverzeichnis ist von der Stimmabgabe und der Wahlurne komplett getrennt, kein Subsystem kann eine Handlung allein vollziehen.

Das Wahlgeheimnis ist gesichert durch die Anonymisierung des Wahlberechtigten in ein bestimmtes Zeichen, einen sogenannten Token. So ist nicht mehr nachvollziehbar, wie der Wähler gewählt hat, sondern lediglich, dass er gewählt hat. Gleichzeitig ist der Wähler eindeutig authentifizierbar, damit nur Wahlberechtigte ihre Stimme abgeben können.

Die Polyas Software Core 2.2.3. wurde zudem als erstes Online-Wahlsystem der Welt vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zertifiziert.

Eines Ihrer Ziele ist es, die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Bei der Bundestagswahl 2017 lag diese bei rund 75 Prozent. Wie können Online-Wahlen Ihrer Meinung nach die Wahlbeteiligung noch weiter steigern?

Anna-Maria Palzkill: Nahezu ein Drittel der Stimmen der Bundestagswahl 2017 sind per Briefwahl abgegeben worden. Es gibt also einen wachsenden Bedarf an der Fernwahl. Mit Online-Wahlen würden wir diese Fernwahl noch vereinfachen, auch für Wahlberechtigte, die sich zur Zeit der Wahl im Ausland befinden. Das würde die Wahlbeteiligung steigern.

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Welche Vorteile hat eine Online-Wahl gegenüber Standard-Wahlmethoden wie der Briefwahl?

Anna-Maria Palzkill: Die Online-Wahl ist günstiger und umweltfreundlicher. Die Briefwahlunterlagen zu gestalten, zu drucken und zu versenden, kostet Steuergeld. Auch der Aufwand wird geringer – nicht nur für die Kommunen, die sich um die Briefwahlunterlagen kümmern müssen. Auch für den Wähler, der einfach von Zuhause aus seine Stimme abgeben kann, wird die Wahl einfacher. Das mindert zudem die Fehleranfälligkeit. Bei der letzten Bundestagswahl gab es immer wieder Fälle von fehlerhaften Briefwahlunterlagen.

Bei Online-Wahlen können Menschen außerdem an jedem Ort mit Internetzugang wählen, selbst außerhalb von Deutschland. In einer Welt, in der die Lebenswelt immer flexibler und mobiler wird, darf die Demokratie darunter nicht leiden.

Welche Nachteile gibt es demgegenüber bei Online-Wahlen?

Anna-Maria Palzkill: Das Vertrauen in die Online-Wahl ist momentan noch nicht da in der Bevölkerung. Die Briefwahl hat sich als Instrument der Fernwahl bereits etabliert, dabei hinterfragt niemand die Sicherheit. Wir haben es bei der Online-Wahl dagegen deutlich schwerer: Wir müssen zum Beispiel gegenüber den Wahlberechtigten beweisen, dass ihre Stimme korrekt übertragen, gespeichert und gezählt wird. Das ist eine kryptografisch schwierige Aufgabe, wenn man gleichzeitig das Wahlgeheimnis sichern will. Aber auch dem stellen wir uns mit verschiedenen Lösungen.

Können Online-Wahlen den Gang zum Wahllokal in Ihren Augen früher oder später ablösen?

Anna-Maria Palzkill: Wir denken, das Ritual des Wählen-Gehens wird es immer geben. Oftmals macht sich die ganze Familie fein für den Gang zum Wahllokal, das ist ein Ereignis. Dies ist eine schöne Errungenschaft für eine funktionierende Demokratie und das werden wir auch nicht ersetzen.

Aber die Briefwahl ist in unseren Augen nicht mehr zeitgemäß und reif für die Digitalisierung – in einer korrekten und rechtssicheren Art. Insofern wird sich die Fernwahl in unseren Augen ins Internet verlagern. Vor allem, da es bereits Staaten gibt, in denen Parlamentswahlen online durchgeführt werden, zum Beispiel in Estland. Bis es bei politischen Wahlen in Deutschland soweit ist, freuen wir uns, in den verschiedenen Bereichen des Alltags bereits die digitale Demokratie einzuführen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Palzkill.