0800 300 3009

Kostenlose Service-Hotline

 
finanzen.de Nachrichten immer gut informiert

Carsharing verändert das Mobilitätsverhalten von Autofahrern

Auch ohne eigenes Auto jederzeit mobil sein? Dank Carsharing ist das für viele Menschen inzwischen möglich. Dabei wird das Konzept immer beliebter – nicht nur in Großstädten. Bei zahlreichen Nutzern verändert sich dadurch langfristig das gesamte Mobilitätsverhalten, betont Gunnar Nehrke vom Bundesverband CarSharing e.V.
Die Nachfrage nach Carsharing-Angeboten wächst
Gunnar Nehrke (Bildquelle: Bundesverband CarSharing e.V.)

Seit rund 30 Jahren gibt es in Deutschland das Konzept des Carsharings. Hierbei mieten sich Personen nach Bedarf einen Wagen, den sie später einfach wieder abgeben. Inzwischen bieten bundesweit rund 150 Unternehmen diesen Service an.

Trotzdem ist das „Gemeinschaftsauto“ laut Gunnar Nehrke, Sprecher des Bundesverbands CarSharing e.V., ein Nischenprodukt mit einem Marktanteil von gerade einmal 3,6 Prozent. Doch die Nachfrage steigt. Immerhin nutzen bundesweit mittlerweile rund zwei Millionen Menschen Carsharing. Woran das liegt und ob dabei Unterschiede zwischen Stadt und Land bestehen, erklärt Nehrke im Interview mit finanzen.de.

Herr Nehrke, warum wird das „Gemeinschaftsauto“ immer beliebter?

Gunnar Nehrke: Wir sehen einen stetigen Anstieg der Kundenzahlen beim Carsharing. Das hat unter anderem mit der Ausbreitung der Carsharing-Angebote in der Fläche zu tun. Derzeit verfügen bundesweit 677 Städte und Gemeinden über mindestens ein Carsharing-Angebot. Das sind 80 Städte und Gemeinden mehr als Anfang 2017. Städte fördern das Konzept, um den Autoverkehr und Parkdruck zu reduzieren.

Der durchschnittliche private Pkw steht in Deutschland 23 Stunden am Tag ungenutzt still. Er verursacht dabei aber weiterhin hohe Fixkosten. Gerade bei jüngeren Menschen setzt sich daher die Erkenntnis durch, dass es effizienter ist, ein Auto nur zu bezahlen, wenn man es auch wirklich braucht.

Vor allem in den Städten ist Carsharing ein gefragtes Konzept. Wie ausgeprägt ist das Carsharing-Netz dagegen im ländlichen Bereich und wie groß ist dort generell die Nachfrage?

Gunnar Nehrke: Von den 677 Orten mit einem oder mehreren Carsharing-Angeboten haben rund die Hälfte weniger als 20.000 Einwohner. Carsharing auf dem Land ist also keine Seltenheit. Aber natürlich gibt es Unterschiede zu Angeboten in den Großstädten.

Im ländlichen Raum ist Carsharing nur in den seltensten Fällen ein Geschäftsmodell. Die existierenden Angebote werden daher oft von Vereinen betrieben, die ganz oder zum Teil ehrenamtlich arbeiten. Zudem ersetzt das Gemeinschaftsauto auf dem Land oftmals den Zweitwagen, während in der Großstadt viele Nutzer in Haushalten ohne eigenen Pkw leben.

Ein Ziel des Bundesverbands CarSharing e.V. ist es, die Umweltbelastung zu reduzieren. Wie tragen Carsharing-Nutzer selbst zum Umweltschutz bei?

Gunnar Nehrke: Carsharing-Kunden ändern ihr Mobilitätsverhalten deutlich. Das zeigen uns verschiedene Studien. Besonders ausgeprägt ist die Änderung in Haushalten, die dank Carsharing keinen eigenen Pkw mehr besitzen. 70 Prozent dieser Kunden fahren weniger Auto, 40 Prozent nutzen öfter Bus und Bahn und 15 Prozent steigen häufiger auf das Fahrrad.

Unser Service für Sie

Sie suchen einen professionellen Rat zu Vorsorge und Versicherungen?

Neben dem stationsbasierten Carsharing gibt es inzwischen auch das Free-Floating, bei dem das Auto direkt vom Abstellort des letzten Nutzers ausgeliehen wird. Welche Unterschiede gibt es bei der Nutzung?

Gunnar Nehrke: Beide Varianten werden von den Kunden vollkommen unterschiedlich genutzt. Free-floating Angebote sind deutlich teurer als stationsbasierte und daher eher für kürzere, innerstädtische Einwegfahrten geeignet. Stationsbasierte Angebote eignen sich auch für längere Fahrten, wie einen Ausflug oder Geschäftstermin. Demnach dauern Fahrten mit Free-floating-Fahrzeugen im Durchschnitt 29 Minuten und sind gerade einmal zehn Kilometer lang. Buchungen stationsbasierter Fahrzeuge erstrecken sich hingegen über drei bis fünf Stunden bei Fahrten zwischen 30 und 40 Kilometern.

Hinzu kommt die Verlässlichkeit des Angebots. Free-floatende Fahrzeuge kann man systembedingt höchstens 30 Minuten im Voraus reservieren. Es kann also immer sein, dass zum gewünschten Zeitpunkt gerade kein Auto in der Nähe verfügbar ist. Beim stationsbasierten Angebot ist das anders: Kunden können ihr Fahrzeug schon Monate im Voraus reservieren und wissen genau, wo sich dieses befinden wird.

Das Thema Elektromobilität gewinnt in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Wie lässt sich dies mit dem Carsharing verbinden und wie sind die Anbieter diesbezüglich aufgestellt?

Gunnar Nehrke: Carsharing und Elektromobilität passen natürlich gut zusammen. Elektrofahrzeuge machen bereits zehn Prozent der Carsharing-Flotten aus. Das ist beachtlich, besonders im Vergleich zum nationalen Pkw-Bestand. Anfang 2018 waren gerade einmal 0,21 Prozent der privaten Autos oder Fahrzeuge in Unternehmensfuhrparks elektrisch unterwegs.

Die Elektromobilität unterstützt zudem das umweltfreundliche Image des Carsharings. Durch das Konzept des „Gemeinschaftsautos“ ersetzen Elektrofahrzeuge nicht nur den Antrieb, sondern auch den privaten Pkw. Zudem haben Kunden in gemischten Flotten immer die Wahl. Sie können für eine Fahrt das Elektroauto buchen und für eine andere das Auto mit einem konventionellen Antrieb. Unter dem Strich setzten Anbieter immer mehr auf neue Antriebsarten.

Was müsste sich an den Rahmenbedingungen sowie am Nutzerverhalten ändern, damit die E-Mobilität beim Carsharing weiter Fahrt aufnimmt?

Gunnar Nehrke: Zunächst einmal müssen die Preise sinken. Die Anschaffungskosten für ein Elektrofahrzeug sind immer noch deutlich höher als für ein Auto mit konventionellem Antrieb. Auch die Kosten für den Aufbau der Ladeinfrastruktur im stationsbasierten Carsharing dürfen nicht allein bei den Anbietern liegen. Stattdessen sollten Ladepunkte im öffentlichen Raum gefördert werden, die auf der einen Seite für ein dort stationiertes Carsharing-Fahrzeug reserviert sind und auf der anderen Seite für alle E-Autos zugänglich sind.

Gleichzeitig gilt es, Vorbehalte der Kunden abzubauen. Wie auch bei privaten Autobesitzern ist die Skepsis gegenüber der neuen Technik bei vielen Kunden groß. Es ist daher an der Zeit, nicht nur die Fahrzeug- und Ladetechnik zu fördern, sondern auch Programme zu entwickeln, die neue Nutzer systematisch an die Technik heranführen. Um dies flächendeckend zu tun, bedarf es auch hier einer staatlichen Förderung.

Vielen Dank für das Interview, Herr Nehrke.