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Technischer Fortschritt liefert viele Ansätze für bessere Mobilität

Mehr Bus und Bahn fahren, öfter mal das Rad nutzen, ein E-Auto kaufen – für Verbraucher hat die Verkehrswende verschiedene Gesichter. Viele empfinden den Begriff jedoch als abstrakt, sagt Henner Schmidt. Der FDP-Politiker sitzt für Charlottenburg-Wilmersdorf im Berliner Abgeordnetenhaus. Ihm zufolge löst die Verkehrswende bei vielen Personen eher Befürchtungen aus.
Verkehrswende nicht zulasten individueller, persönlicher Mobilität
Henner Schmidt (Fotograf Benjamin Diedering, Bildrechte Henner Schmidt)

Mehr als 3,7 Millionen Menschen lebten 2017 in Berlin. In den letzten zehn Jahren ist die Hauptstadt somit um durchschnittlich 30.000 Personen pro Jahr gewachsen. Mehr Einwohner bedeuten allerdings „gleichzeitig mehr Verkehr und weniger freie Flächen“, weiß der FDP-Verkehrsexperte Henner Schmidt. „Lärm und Luftverschmutzung, zugeparkte Rad- und Fußwege, Parkplatzmangel und Staus“ sind nur einige Konsequenzen von zu viel Verkehr, mit denen die Anwohner seines Bezirks täglich leben müssen.

Mit der Verkehrswende sollen die Belastungen reduziert werden. Doch mit dem Begriff gehen eher Befürchtungen einher, erläutert Schmidt im Interview mit finanzen.de. Zudem erklärt er, wie Charlottenburg-Wilmersdorf Vorbild für neue Mobilitätslösungen werden kann.

Herr Schmidt, welche Themen beschäftigen Sie aktuell in Charlottenburg-Wilmersdorf bei der Verkehrspolitik?

Henner Schmidt: Ein wichtiger Themenbereich sind die Auswirkungen der stark wachsenden Stadt: Mehr Einwohner bedeuten gleichzeitig mehr Verkehr und weniger freie Flächen. Auf der Straße vor meinem Wahlkreisbüro, der Kantstraße, lasten beispielsweise besonders viele Probleme. Deshalb habe ich zusammen mit einem Team von Studierenden der TU Berlin Maßnahmen und Lösungen entwickelt.

Intelligente Ansätze zur Reduzierung des Berufspendlerverkehrs und des Lieferverkehrs sind dringend nötig, ebenso wie der Ausbau des ÖPNV und des Radverkehrs. Wenn zudem oberirdisch Flächen knapp werden, müssen die Chancen genutzt werden, Parkplätze unter die Erde zu verlagern und mehr U-Bahnen zu bauen, um Platz zu gewinnen.

Als weiteres Thema sind mir die Digitalisierung des Verkehrs und innovative Mobilitätslösungen wichtig. Von Rufbussen über Ridesharing, von digital gesteuerter Parkplatzsuche bis zu optimierten Ampelschaltungen liefert der technische Fortschritt viele Ansätze für bessere, bequemere und umweltfreundlichere Mobilität, die ich nutzbar machen möchte.

Auf Bundesebene gewinnt das Thema E-Mobilität zunehmend an Bedeutung. Union und SPD haben sich darauf verständigt, diese deutlich voranzutreiben. Welche Vorteile würden sich dadurch für Charlottenburg-Wilmersdorf ergeben?

Henner Schmidt: E-Mobilität senkt die örtlichen Emissionen. Das betrifft nicht nur Stickoxide und Feinstaub, auch eine deutliche Lärmminderung ist für einen verdichteten Innenstadtbezirk wie Charlottenburg-Wilmersdorf besonders attraktiv. Leise, elektrisch betriebene Lieferfahrzeuge könnten nachts fahren und den Verkehr tagsüber entlasten. Auch elektrisch betriebene Busse und Taxis hätten einen erheblichen Entlastungseffekt bei den Emissionen.

E-Mobilität braucht aber Infrastruktur wie Ladesäulen und Stromnetze. Diese müssen erst einmal errichtet werden, was umfangreiche Investitionen und zusätzliche, knappe Flächen erfordert. Bei der Förderung der E-Mobilität ist unbedingt darauf zu achten, andere emissionsarme Lösungen wie wasserstoffbetriebene Fahrzeuge mit Brennstoffzellen nicht auszubremsen.

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Haben Sie das Gefühl, dass den Bürgerinnen und Bürgern in Charlottenburg-Wilmersdorf die Themen Verkehrswende und Elektromobilität besonders wichtig sind?

Henner Schmidt: Ich habe das Gefühl, dass die Bürgerinnen und Bürgern in Charlottenburg-Wilmersdorf Verkehrsthemen sehr berühren, da sie unmittelbar ihr tägliches Leben betreffen – von Lärm und Luftverschmutzung über zugeparkte Rad- und Fußwege bis zu Parkplatzmangel und Staus.

Der Begriff „Verkehrswende“ wird von vielen aber als eher abstrakt empfunden und löst bei vielen Menschen Befürchtungen aus, dass ihre individuelle Mobilität in Zukunft eingeschränkt werden soll.

Die Menschen wünschen sich konkret weniger Belastungen durch den Verkehr und wollen gleichzeitig ihre individuelle, persönliche Mobilität sichern. Deshalb erwarten sie ein Angebot an komfortableren, umweltfreundlicheren und individuelleren Mobilitätslösungen.

Hamburg hat als erste Stadt Fahrverbote für Dieselfahrzeuge umgesetzt. Sind solche Verbote auch für Ihren Bezirk denkbar?

Henner Schmidt: In Berlin gibt es nur wenige Stellen, an denen derzeit die Stickoxid-Grenzwerte überschritten werden. Das Problem beschränkt sich also – anders als in vielen anderen Städten – auf einzelne „Hotspots“, von denen keiner im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf liegt.

Es ist natürlich denkbar, dass der Berliner Senat fantasielos Fahrverbote verhängt, ohne über bessere, ausgewogenere Lösungen länger nachzudenken. Fahrverbote sind aber sicher nicht die beste Lösung, da sie letztlich Menschen, die vor kurzer Zeit ihr Auto gekauft haben, quasi enteignen. Für kleine Handwerksbetriebe ist der Neukauf von Fahrzeugen darüber hinaus kaum tragbar.

Dort, wo die Automobilindustrie geschummelt hat, ist sie auch in der Pflicht, auf eigene Kosten Dieselfahrzeuge so umzurüsten, dass sie die Grenzwerte für Emissionen sicher einhalten.

Die in meinem Bezirk geplante Einführung von Tempo 30 auf wichtigen Hauptstraßen wie der Kantstraße wird erfahrungsgemäß wenig beitragen können, die Emissionen zu senken. Stattdessen sollte man den Autoverkehr beispielsweise durch optimierte Ampelschaltungen vergleichmäßigen und verstetigen sowie gezielt Ansätze zur digitalen Verkehrslenkung nutzen.

Die nächste Wahl zum Abgeordnetenhaus findet voraussichtlich 2021 statt. Welche sind die drei wichtigsten Ziele, die Sie bis dahin für Charlottenburg-Wilmersdorf im Verkehrsbereich und für den Klimaschutz erreichen wollen?

Henner Schmidt: Ich möchte erstens gerne erreichen, dass konkrete Planungen eingeleitet werden, um mehr Tiefgaragen und neue U-Bahn-Verbindungen zu schaffen. Damit kann oberirdisch mehr Platz für Radwege, Grünflächen und Lieferzonen geschaffen werden.

Zweitens sollte Charlottenburg-Wilmersdorf ein Ort werden, an dem neue, digitale Mobilitätslösungen vorbildhaft ausprobiert werden. Es sollen sich dabei Angebote entwickeln, die echte, vollwertige Alternativen zum privaten Auto sein können.

Drittens möchte ich erreichen, dass innovative Lösungen für den Lieferverkehr in unserem Bezirk ausprobiert und realisiert werden, die weniger Platz benötigen und trotzdem die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger gut erfüllen. Auch hierbei könnte Charlottenburg-Wilmersdorf bundesweit ein Vorbild werden.

Vielen Dank für das Interview, Herr Schmidt.