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„Fahrrad sollte selbstverständlicher Teil der Verkehrspolitik werden“

Berliner Radler feiern. Denn mit dem neuen Mobilitätsgesetz richtet sich die Hauptstadt künftig fahrradgerecht aus. Den Anstoß für das Gesetz gab die Initiative Volksentscheid Fahrrad. Auch in anderen Städten wie Stuttgart machen sich Radler für mehr Sicherheit stark. Dort wird der Radverkehr bei der Stadtplanung noch nicht angemessen berücksichtigt, sagt der Radentscheid Stuttgart.
Radfahren in Stuttgart: Sicherheit und Attraktivität zusammenbringen
Radverkehr sollte sicher und attraktiv gestaltet werden

In Deutschland ist die Verkehrsplanung mehrheitlich auf das Auto ausgelegt. Radfahrer haben dadurch das Nachsehen, sei es durch marode Radwege oder zu wenig Platz auf den Straßen. Vor drei Jahren hat die Initiative Volksentscheid Fahrrad damit begonnen, sich in Berlin dafür stark zu machen, den Fokus in der Hauptstadt deutlich stärker auf den Radverkehr zu lenken. Nun wurde dort das bundesweit erste Mobilitätsgesetz verabschiedet.

In anderen Städten wie Stuttgart stehen die Bürger noch am Anfang, die Politik mithilfe eines Bürgerentscheids zu mehr Investitionen in die Radinfrastruktur zu bringen. finanzen.de hat mit dem Radentscheid Stuttgart über seine wichtigsten Ziele und Maßnahmen gesprochen, mit denen Radler besser vor Unfällen geschützt werden können.

Anfang des Monats hat der Radentscheid Stuttgart begonnen, Unterschriften für einen Bürgerentscheid zu sammeln, um Fahrradfahren sicherer zu machen. Wie ist die erste Bilanz?

Radentscheid Stuttgart: Die Unterschriftensammlung läuft sehr gut an, bei den ersten zwei Standaktionen haben wir je über 1.000 Unterschriften gesammelt. Aktuell haben wir noch gar nicht im Blick, wie viele Menschen ohne unser Wissen losziehen und in ihrem Bezirk und Bekanntenkreis sammeln. Da tauchen dann Leute auf, machen den Rucksack auf und holen einen Stapel voller Unterschriftenbögen raus. Das ist unfassbar motivierend.

Mit dem Bürgerentscheid verfolgen Sie mehrere Ziele, etwa mindestens 15 Kilometer baulich vom Autoverkehr und Fußgängern getrennte Radverkehrsanlagen pro Jahr. Auch 31 Kreuzungen sollen sicherer gestaltet werden. Was sind die wichtigsten Punkte, die Stuttgart beim Radverkehr schnellstmöglich besser machen sollte?

Radentscheid Stuttgart: Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten. Das Prinzip gilt auch für den Radverkehr. Die genannten Punkte sind also sehr wichtig. Unser zentrales Anliegen ist aber, dass der Radverkehr bei der Stadtplanung endlich angemessen berücksichtigt wird und dass das Fahrrad ein selbstverständlicher Teil der Verkehrspolitik wird. Davon sind wir trotz aller Versprechen aus Gemeinderat und Verwaltung meilenweit entfernt.

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Welche sind in Ihren Augen die drei gefährlichsten Kreuzungen in Stuttgart?

Radentscheid Stuttgart: An der Kreuzung am Rosensteinbunker fährt die Stadtbahn auch bei Fußgänger-Grün, da wird es für Radfahrende nicht selten gefährlich. Auch die Ausfahrten zu Tiefgaragen, beispielsweise an der Holzstraße, sind oftmals gefährlich. Sonst gibt es hier kaum Radinfrastruktur.

Wo es welche gibt, achtet die Stadtverwaltung auf Sicherheit, allerding nur, indem sie das Radfahren ausbremst und unattraktiv macht. Zur Not heißt es absteigen und schieben oder an einer Kreuzung an mehreren Ampeln warten.

Problematisch wird es dann, wenn die Stadtplanung anfängt, dem Radverkehr schnellere Wege zu erlauben, aber den Autoverkehr nicht stören will. Dann leidet die Sicherheit. Die Stadt muss Lösungen finden, die den Radverkehr nicht nur sicher, sondern auch attraktiv gestalten.

Laut dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club sind 2018 schon 19 Radfahrer bei Abbiegeunfällen tödlich verunglückt. Dabei ließen sich solche Tragödien mit einem Abbiegeassistent für Lkw-Fahrer vermeiden. Sollte sich die Politik stärker für Hilfssysteme einsetzen?

Radentscheid Stuttgart: Wir freuen uns sehr über die von den Ländern angestoßene Initiative, den Abbiegeassistent für Lkw verpflichtend zu machen. Damit ergibt sich etwas mehr Sicherheit. Die Gefahr geht aber weiterhin von unachtsamen Fahrern aus, die sich darauf verlassen, dass die schwächeren Verkehrsteilnehmer auf ihre Rechte verzichten. Daher brauchen wir auch Maßnahmen für mehr Umsicht und gegenseitige Rücksichtnahme im Verkehr. Assistenten sind eben nur Hilfssysteme.

Eine schnelle Lösung bei Abbiegeassistenten könnte daran scheitern, dass EU-weite Regelungen erforderlich sind. Welche Maßnahmen wären neben einer getrennten Ampelschaltung noch zielführend, um Radler bei Straßenkreuzungen vor Unfällen zu schützen?

Radentscheid Stuttgart: Die Trennung vom Kfz-Verkehr ist sehr wichtig. Freie Sichtachsen erleichtern es den Kfz-Fahrern zudem, das Verkehrsgeschehen im Blick zu halten. Da hilft es vor allem ausreichend Platz zu schaffen, statt den Radverkehr auf engsten Radschutzstreifen zwischen wartenden und parkenden Autos vorbeizuleiten. Auch das rücksichtlose Falschparken im Kreuzungsbereich blockiert Sichtachsen und zwingt Radfahrende an jeder Kreuzung abzubremsen.

Welche Tipps haben Sie an Radfahrer selbst, um Abbiegeunfälle zu vermeiden?

Radentscheid Stuttgart: Grundsätzlich ist es wichtig,

  • immer aufmerksam zu fahren,
  • den Autoverkehr und alle anderen Verkehrsteilnehmer im Blick zu haben,
  • Blickkontakt zu suchen,
  • darauf zu achten, immer noch ausweichen zu können, und
  • bremsbereit zu sein.

In Stuttgart radeln vor allem Erfahrene. Die haben den Verkehr um sich herum im Blick. Das Problem ist jedoch, dass Unerfahrene das erst lernen müssen. Kinder oder Menschen, die das Rad neu entdecken, können das nicht sofort. Die Infrastruktur muss daher Fehler verzeihen und auch besondere Rücksichtnahme von erfahrenen Verkehrsteilnehmern ist wichtig.

Vielen Dank für das Interview.