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Energiewende: „Beunruhigender Stillstand bei Treibhausgasemissionen“

Im ersten Halbjahr 2018 hat Deutschland erstmals mehr Strom aus Erneuerbaren Energien erzeugt als aus Braun- und Steinkohle. Sie machen nun mehr als 35 Prozent der Bruttostromerzeugung aus. Trotz dieses Erfolgs steht die Energiewende vor großen Herausforderungen, vor allem bei den Treibhausgasemissionen, erklärt Dr. Patrick Graichen, Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende.
Energiewende: „CO2-Bepreisung muss auf politische Tagesordnung“
Dr. Patrick Graichen ist Direktor der Agora Energiewende

Die Erneuerbaren Energien haben zwischen Januar und Juni 2018 fast 118 Milliarden Kilowattstunden zur Bruttostromerzeugung beigetragen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist ihr Anteil somit um fast vier Prozentpunkte auf über 36 Prozent gestiegen.

Obwohl damit das für 2020 anvisierte Ziel schon erreicht ist, gibt es noch gravierende Probleme bei der Energiewende, warnt Dr. Patrick Graichen von der Agora Energiewende. Er ist Direktor der Denkfabrik, die 2012 ins Leben gerufen wurde, um die Herausforderungen der Energiewende anzupacken. Welche Hürden es derzeit gibt und wie die Regierung diese nehmen kann, erläutert er im Interview mit finanzen.de.

Herr Dr. Graichen, was sind die größten Herausforderungen, vor denen die Bundesrepublik bei der Energiewende derzeit steht?

Dr. Patrick Graichen: Beim Atomausstieg liegen wir im Plan und beim Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung wird das von der Bundesregierung für 2020 ursprünglich angepeilte Mindestziel, 35 Prozent am Stromverbrauch, sogar schon heute übertroffen. Das sind Erfolge, die allerdings den Blick auf gravierende Probleme nicht trüben sollten.

Beunruhigend ist vor allem der Stillstand bei den Treibhausgasemissionen. Sie vermindern sich schon seit einigen Jahren nicht mehr entlang des Zielpfades. Damit ist das Oberziel der Energiewende gefährdet: die Bekämpfung der gefährlichen Erderwärmung.

Wie kann das Ziel gehalten werden?

Dr. Patrick Graichen: Die größte Herausforderung besteht darin, die besonders CO2-intensive Verstromung von Braunkohle zu verringern und zu beenden. Die rund 20 Kraftwerke in den deutschen Braunkohlenrevieren steuern nicht einmal ein Viertel zur Stromerzeugung bei. Sie emittierten aber im vergangenen Jahr die Hälfte der bei der Stromerzeugung entstehenden CO2-Mengen – rund 150 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Das ist ungefähr gleich viel wie im Jahr 2000 und kaum weniger als sämtliche Pkw, Lastwagen und Busse.

Den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu beschleunigen und mit dem Ausbau der Stromnetze zu synchronisieren, ist die zweite Herausforderung. Mit dem Atomausstieg und dem Ausbau der Erneuerbaren Energien kommt es zu einer räumlichen Trennung von Stromerzeugung und -verbrauch. In Zukunft werden daher mehr Kilowattstunden transportiert, sodass die Netze jetzt ausgebaut und ertüchtigt werden müssen.

Das gilt umso mehr, weil künftig auch der Wärme- und der Verkehrssektor auf Basis von erneuerbar erzeugter Elektrizität mit Energie versorgt werden müssen, wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen. Diese sogenannte Sektorkopplung von Strom, Wärme und Verkehr so zu organisieren, dass der Stromsektor nicht kollabiert, ist die dritte große Herausforderung, der sich die Politik jetzt stellen muss.

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Was ist in Ihren Augen die Hauptursache dafür, dass Deutschland bei der Treibhausgasemission von den selbst gesteckten Energiewende-Zielen abweicht?

Dr. Patrick Graichen: In der Tat stagnieren die Emissionen aus der Braunkohleverstromung, die des Straßenverkehrs wachsen sogar leicht. Dafür gibt es eine Reihe von speziellen Gründen, aber eine Hauptursache: Die Emission von klimaschädlichem Kohlendioxid ist für die Verursacher nach wie vor ganz oder nahezu kostenfrei. Das muss sich ändern. Die angemessene Bepreisung von CO2 gehört auf die politische Tagesordnung.

Die Kohlekommission will bis Ende des Jahres ein Enddatum für die Kohleproduktion vorschlagen. Wann sollte Ihrer Meinung nach der Kohleausstieg spätestens beginnen?

Dr. Patrick Graichen: Am besten sollte er sofort beginnen – mit der Stilllegung von ein paar Braunkohlekraftwerken. Das darf den Steuerzahler ruhig etwas kosten. Denn dafür bekommen wir mehr Klimaschutz und wenigstens eine Annäherung an das CO2-Ziel für 2020.

Darüber hinaus spricht eine einfache Logik für einen möglichst raschen Beginn des Kohleausstiegs. Schließlich ist für die Atmosphäre und damit den Klimawandel die Summe aller CO2-Emissionen über die kommenden Jahre die relevante Größe. Je früher daher der erste Meiler abgeschaltet wird und damit in den kommenden Jahren keine Emissionen mehr hat, desto später kann der letzte vom Netz gehen. Ob das im Jahr 2033, 2035 oder 2037 geschieht, darüber lässt sich dann viel gelassener debattieren.

Nicht jeder verbindet die Energiewende mit positiven Gefühlen. So sorgt beispielsweise der Ausbau von Stromtrassen für Widerstand bei den Bürgerinnen und Bürgern. In Kohleregionen ist dagegen die Angst vor dem Jobverlust groß. Wie schätzen Sie die allgemeine Akzeptanz in der Bevölkerung für die Energiewende ein?

Dr. Patrick Graichen: Es gibt hier und da Betroffenheit, durchaus auch Widerstände. Die verständliche Sorge vor dem Verlust von Arbeitsplätzen ist sehr ernst zu nehmen. Deshalb ist der Staat gefragt, den unvermeidlichen Strukturwandel politisch zu flankieren.

Alles in allem ist die Zustimmung zur Energiewende immer noch überwältigend. Laut aktueller repräsentativer Befragung des Verbands der Energieindustrie finden 93 Prozent der Bevölkerung die Energiewende „wichtig“ oder „sehr wichtig“. Es geht vielen inzwischen sogar zu langsam voran. Auch vor diesem Hintergrund haben die Politiker allen Grund, energischer zu agieren als momentan.

Auch andere Länder packen die Energiewende an. Dabei zeigt eine Untersuchung des World Economic Forum, dass Deutschland im europäischen Vergleich beim Energiewende-Index die Top 10 verfehlt. Was machen andere Länder besser?

Dr. Patrick Graichen: Wer sich das Ranking des World Economic Forum genau anschaut, stellt fest, dass Deutschland lediglich – aber eben auch ausgerechnet – beim Indikator „ökologische Nachhaltigkeit“ deutliche Defizite hat. Das liegt vor allem daran, dass in Deutschland im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern an jeder erzeugten Kilowattstunde nach wie vor sehr hohe CO2-Emissionen kleben. Nur in Estland, Polen und Griechenland ist die Stromerzeugung noch CO2-intensiver als hierzulande. Um besser zu werden, sollte sich Deutschland schnell von der Kohle verabschieden und die Erneuerbaren Energien forciert ausbauen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Graichen.