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Verantwortungslosigkeit gegenüber junger Generation ist frustrierend

Ria Schröder ist seit April 2018 die neue Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen (JuLis). Ihr Herzensthema ist zwar die Bildungspolitik. Doch zuletzt profilierte sich die FDP-Politikerin mit ihren kritischen Aussagen zum neuen Rentenpakt. Im Interview mit finanzen.de erklärt Schröder, welche Stellschrauben gedreht werden müssen, um das Rentensystem generationengerecht zu machen.
Generationengerechte Rente: Mehr Einsatz junger Menschen ist gefragt
Ria Schröder ist Bundesvorsitzende der JuLis © Johannes Weber

„Nach einem Leben voller Arbeit soll man im Alter ordentlich abgesichert sein“, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil bei der Vorstellung des Rentenpakts Mitte Juli in Berlin. Er sieht unter anderem Grenzen beim Rentenniveau und beim Rentenbeitrag sowie eine Ausweitung der Mütterrente vor.

Doch ob die Maßnahmen auch für künftige Generationen ausreichen, um im Alter von der Rente leben zu können, bezweifelt die Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, Ria Schröder. Denn das Gesetzesvorhaben richtet sich einseitig an die Wählergruppe über 60 Jahre aus. Im Interview mit finanzen.de erläutert die Politikerin, warum das System der gesetzlichen Rentenversicherung neu gedacht werden muss.

Sie sind seit rund drei Monaten Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen. Was ist das wichtigste Thema, das Sie in Ihrer Amtszeit anpacken wollen?

Ria Schröder: Mein Herzensthema ist die Bildungspolitik. Mit Bildung fängt alles an. Sie stellt die Weichen für ein selbstbestimmtes Leben. Viel zu oft hängt die Verwirklichung des eigenen Lebensentwurfs jedoch noch von der Herkunft, dem Stadtteil oder dem Bildungsstand der Eltern ab.

Die Politik muss mehr investieren, um jedem Kind Chancen zu ermöglichen. In Nordrhein-Westfalen entstehen zum Beispiel gerade Talentschulen in sogenannten „Problembezirken“. Das ist ein sehr guter Anfang, aber langfristig sollten alle Schulen Talentschulen sein, damit jedes Kind sein Talent entfalten kann.

Es gibt so viel, wo man ansetzen kann: Beispielsweise bei der individuellen Förderung zusammen mit der Digitalisierung der Schulen oder der Durchlässigkeit von Bildungssystemen. Investitionen in Bildung sind Investitionen in die Zukunft.

Sie sind erst vor vier Jahren in die FDP eingetreten. Wie „hipp" ist Parteienarbeit in Ihren Augen heutzutage?

Ria Schröder: Politik macht mir großen Spaß. Ich liebe es, mich für etwas einzusetzen, was mir wichtig ist. So geht es vielen jungen Menschen. Sie haben eine eigene Meinung und der Brexit, Trump und die Flüchtlingskrise haben ihnen gezeigt, dass sie diese auch lautstark vertreten müssen. Das merken wir etwa an unseren steigenden Mitgliedszahlen.

Wir Jungen stellen aber auch Ansprüche an die Parteien: Viele Kreis- und Ortsverbände arbeiten jetzt daran, die Parteiarbeit noch attraktiver, partizipativer und auch digitaler zu machen. Wir JuLis wollen da mit gutem Beispiel vorangehen, etwa mit Webinaren und Online-Diskussionsplattformen.

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Haben Sie das Gefühl, dass die Gedanken und Forderungen der JuLis innerhalb der FDP aufgenommen und in der täglichen Arbeit der Partei berücksichtigt werden?

Ria Schröder: Wir waren und sind der programmatische Motor der Freien Demokraten. Nehmen wir das Beispiel Cannabislegalisierung: Die Forderung kam von uns Jungen Liberalen. Da hatten wir dicke Bretter zu bohren. Aber in dieser Legislaturperiode wird das Thema im Bundestag besprochen.

Wir Jungen Liberalen sind in vielen Themen progressiver als die Partei. Wir bringen neue Vorschläge ein und kämpfen dafür mit Argumenten. Und wir kritisieren die Partei, wenn wir das Gefühl haben, dass es in die falsche Richtung geht. Wir müssen uns Respekt immer wieder erarbeiten, aber ich habe den Eindruck, dass uns das durch unsere kritisch-konstruktive Art sehr gut gelingt.

Sie haben den Brexit, Trump und die Flüchtlingskrise als Anstoß genannt, dass sich junge Menschen politisch engagieren. Ein weiterer Grund ist eine Regierung, die an ihren Bedürfnissen vorbeiarbeitet, etwa bei der Rentenpolitik. Wie sieht in Ihren Augen ein Rentenkonzept aus, das sowohl Ältere als auch Jüngere einbezieht?

Ria Schröder: Es wird derzeit viel Geld in ein bröckelndes System gepumpt, das schon längst nicht mehr für die Zukunft gedacht ist. Die Große Koalition macht dort weiter, wo sie aufgehört hat und richtet sich nur nach der großen Wählergruppe über 60. Dabei brauchen wir ein Rentensystem, das nachhaltig ist und die Interessen von Großeltern, Eltern und Enkeln gleichzeitig berücksichtigt. Es ist einseitig, das Rentenniveau auf 48 Prozent festzusetzen. Das System vernachlässigt, dass auf immer mehr Beitragsempfänger immer weniger Beitragszahler kommen.

Klar ist: Das Umlagesystem funktioniert bei dem demografischen Wandel nicht mehr. Deswegen wollen wir es schrittweise umstellen. Man könnte damit starten, den Arbeitgeberanteil an der Rentenversicherung dem Arbeitnehmer zweckgebunden zur Verfügung zu stellen. Dieses Geld sollen die Menschen dann in eine private Grundvorsorge investieren. Dafür braucht es unabhängige Finanzbildung und Information auch für Erwachsene. Flexible Lebensarbeitszeitkonten helfen, den eigenen Rentenanspruch im Blick zu behalten und Zeit für den selbstgewählten Renteneintritt zu „sparen“.

Auch ihr Vorgänger Konstantin Kuhle hat wiederholt gefordert, dass es keine Rentenpolitik zulasten der jungen Generation geben darf. Wie frustrierend ist es, die gleichen Forderungen immer wieder stellen zu müssen?

Ria Schröder: Es ist fatal, dass die Vorschläge schon längst auf dem Tisch liegen, aber nichts unternommen wird. Wenn sich die Bundesregierung immer wieder nach der Wählergruppe der Rentner richtet, mag das kurzfristig für die eigene Partei erfolgreich sein. Die mangelnden Investitionen in Bildung, Forschung oder Infrastruktur rächen sich aber schon heute.

Der Zuschuss aus dem Bundeshaushalt für die Rente beträgt inzwischen etwa 100 Milliarden Euro. Für die Digitalisierung der Bildung stehen in fünf Jahren aber nur fünf Milliarden zur Verfügung. Das wirft unser Land langfristig zurück. Diese Verantwortungslosigkeit ist es, die mich frustriert.

Für viele junge Menschen ist der Ruhestand so weit entfernt, dass sie Fragen zur finanziellen Absicherung im Alter auf später verschieben. Auch Sie sind erst 26. Wie stellen Sie sicher, dass Sie Ihren Lebensabend mit ausreichendem Finanzpolster genießen werden können?

Ria Schröder: Das stimmt. Leider nutzt die Regierung genau das aus. Ich wünsche mir, dass mehr junge Menschen für ein generationengerechtes Rentensystem auf die Straße gehen. Wir müssen auch bei diesem für viele noch sehr abstrakten Thema lauter werden, damit man uns nicht weiter ignorieren kann.

Ich selbst zahle gerade noch meine BAföG-Schulden zurück - danach fange ich an für das Alter vorzusorgen. Als JuLi-Vorsitzende konzentriere ich mich aber vor allem darauf, gute Politik für meine und zukünftige Generationen zu machen.

Glauben Sie, dass Sie noch eine gesetzliche Rente bekommen werden?

Ria Schröder: Das bezweifle ich leider. Es sei denn, es ändert sich bald etwas und die Bundesregierung bezieht endlich auch die Interessen der jungen Generation mit ein. Es ist heute Zeit, damit anzufangen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Schröder.